Kammerspiele Seltsames Intermezzo von Eugene O'Neill


 

 

Großes Theater und beste Unterhaltung

 

Lebendig ist, was war oder was sein wird, nur die Gegenwart ist es nicht, die ist ein seltsames Intermezzo! Das ist eine der Quintessenzen, die Nina aus ihrem Leben destilliert hat. Wie alle anderen auch, läuft sie ihrem Glück hinterher und eigentlich auch davon. Noch ehe sie erfahren konnte, was Glück ist oder sein könnte, hat der Tod ihres angebeteten Gordon einen tiefen Krater in ihr Inneres gerissen, an dessen Rand sie nun lebenslang stehen wird, um immer wieder hinein zu schauen und um unglücklich zu sein. Gordon starb im ersten Weltkrieg als Pilot. Ninas Vater hatte eine überstürzte Heirat der beiden verhindert und so hatte sie nie erfahren, wie es sich angefühlt hätte, in Gordons Armen zu  liegen und von ihm geliebt zu werden. Das begründete einen Mythos, der Nina die Möglichkeit zum freien Handeln nahm. Sie entschied sich stets für das geringere Übel, denn alles war Übel, gemessen an dem, was hätte sein können und was nicht war.

Das ist üblicherweise eine gute Basis für eine Seifenoper. Und eine solche ist dieses überbordende Drama auch. In den fünfundzwanzig Lebensjahre der Professorentochter Nina Leeds ist alles untergebracht, was in eine Kolportage gehört: Liebe und Tod, Lüge, Verrat, Eifersucht und Untreue. Und doch ist das Werk von Eugene O'Neill alles andere als Kolportage, wenngleich viele Geschichten in der Lebensgeschichte die Anforderungen an eine solche erfüllen. Dieses Drama von O'Neill geriet auch und vor allem so umfänglich (mehr als vier Stunden auf der Bühne der Münchner Kammerspiele), weil er neben den zwei Dritteln Monolog- oder Dialogsprache etwa ein Drittel gedachten Text sprechen lässt. So erfährt der Betrachter neben den Äußerungen auch den gedanklichen Hintergrund, der sich nicht selten konträr verhält. Dadurch entsteht ein bisweilen erschreckende Aufrichtig- und Wahrhaftigkeit der agierenden Personen. „Ich glaube nicht, dass eine Idee einem Publikum übermittelt werden kann, außer durch Charaktere.“ (Eugene O'Neill) In diesem Sinne ist das Konzept, das hinter „Seltsames Intermezzo“ steht, ein echter Geniestreich.

Eugene O'Neill, der auch der amerikanische Sophokles genannt wurde, war ein Tragiker, der nichts anderes versuchte, als seine eigene Zeit zu überwinden. Der erste Weltkrieg zerstörte mehr, als nur Länder und europäische Städte. Er zerstörte Weltbilder und Lebensentwürfe. Dieser Umbruch wurde auch von O'Neill schmerzhaft wahrgenommen. Er war ein Mann, der ohne Gott schwer leben konnte. Dennoch verstand er, warum der Wandel von der viktorianischen Moralgesellschaft hin zu einer wissenschafts- und technikgläubigen, materialistischen Gesellschaft stattfand. Zumindest erklärte er viele dieser Phänomene sehr schlüssig in seinen Dramen. Das lag nicht zuletzt auch daran, weil er einige seiner Geschichten am eigenen Leibe erfahren hatte. Als Sohn einer strenggläubigen Katholikin und eines irischstämmigen Schauspielers, der um die Jahrhundertwende 16 Jahre lang mit einer einzigen Rolle, dem „Grafen von Monte Christo“, durch die ganze USA tourte und monatlich mehr als 3000 $ verdiente, wurde Eugene O'Neill quasi in die Welt des Theaters hineingeboren. Bereits früh erkannte er die Kommerzialisierung von Kunst, wandte sich angewidert ab und zog es vor, Gold in Honduras zu suchen, durch Argentinien zu trampen oder auf einer Dreimastbark anzuheuern. 1913 verfasste er sein erstes Theaterstück. Tatsächlich zeichnen sich seine Stücke dadurch aus, dass die Figuren aus Fleisch und Blut sind, dem Leben entsprungen, selbst wenn es sich dabei um Kunstfiguren handelt.

Die melodramatische Nina ist so eine Kunstfigur, in deren Welt es zwei Götter gibt: Gottvater ist verantwortlich für alle Katastrophen und alles Leid, das über die Menschen kommt. Gottmutter hingegen ist das duldende, das behütende Prinzip. „Unser Leben ist nichts als ein seltsames, dunkles Zwischenspiel im elektrischen Feuerwerk von Gottvater.“ Beste Voraussetzungen für ein Theater, in dem sich die Betrachter wieder finden können. Und wenn einem begabten Regisseur wie Ivo van Hove ein Ensemble wie das der Münchner Kammerspiele zur Verfügung steht, um dieses Spiel auf die Bühne zu bringen, ist ein Erfolg kaum mehr abzuwenden. Gespielt wurde auf schwarzem Sand. Jan Versweyveld hatte ein Oval auf die Bühne gebracht, das wie eine Arena von den Zuschauern umringt war. Darauf wurden die neun Szenen wie ein Kampf ausgetragen, denn ein Kampf war es allemal. Die barfüßigen Darsteller schrieben mit ihren Gängen eine Chronik des Kampfes in den Sand, die nach jeder Szene gelöscht wurde. Mit jeder Szene begann es aufs Neue und mit jeder Szene steigerte sich die Tragik, das Resultat aus Nichtverstehen, Egoismus, Nichthinschauen und Fehlentscheidungen.

Es war unbestritten der Abend Sandra Hüllers, die in der Rolle der Nina Leeds beeindruckendes Theater gestaltete und die über vier Stunden lang in den Bann schlug. Sie spielte bissig, sehnsuchtsvoll, zynisch oder auch nach Liebe gierend. Die Brüche, mit denen sie immer wieder verblüffte oder erheiterte, hätten mehrere Figuren in der einen vermuten lassen. Allein, Sandra Hüller bewältigte, verwob und verkörperte sie in einer Person. Ebenso großartig agierte Stefan Hunstein  als der Schriftsteller und Lebensflüchtling Charles Marsden, der am Ende der friedliche Hafen für Nina wurde. Hunstein brillierte mit komödiantischen Finessen, wie man sie selten zu sehen bekommt. Marc Benjamin überzeugte durch die Dualität der Figur des Sam Evans, des ersten Ehemanns von Nina. Zu Beginn gab er einen Mitleid erregenden Versager, der sich damit zufrieden gab, dass er an Ninas Seite sein durfte. Als sie ihm ein (nicht seins) Kind schenkte, entfaltete Benjamin einen geradezu exemplarischen, starken Unternehmertypen, der das Leben, zumindest das äußere, gestaltete. Maximilian Simonischek verkörperte den dritten Mann im Gefühlsreigen, den Arzt Edmund Darrell. Er gestaltete sensibel und überzeugend einen Charakter, den die unerfüllte Liebe langsam und unaufhaltsam zerstörte und in ein emotionales Wrack verwandelte.

Ivo van Hove vertraute ganz auf den Text. Er inszenierte diesen ohne aktionistische Beigaben oder äußerlichen Schnickschnack. Die Konflikte entfalteten sich wie die aufsteigenden Geister Goyas. In vier Stunden Spiel gab es keine Leerstellen, alles war aufgefüllt mit Wort, Klang und Bedeutung. Notwendige Pausen, aber auch besonders intensive Szenen wurden kommentiert oder auch gestaltet durch die Live-Musik von Daniel Freitag. Freitag ging dazu mit seiner Gitarre auch auf die Bühne, um sich zu Sandra Hüller zu gesellen. So verschmolzen ihre Worte mit der Musik. Freitag machte den Blues, der der Geschichte innewohnt, mit seinem Instrumentalspiel und auch mit seinem Gesang hörbar.

Selbst wenn zum Ende hin der Soap-Charakter immer deutlicher zutage trat, verlor die Inszenierung nicht. Vielleicht brauchte es auch der anfänglichen Nüchternheit, um immer tiefer im Strudel des Gefühls und des Mitgefühls zu versinken. Als die neunte Szene mit dem in jeder Szene eingebauten, obligatorischen Blitz endete, gab es frenetischen Applaus, Bravos und Standing Ovations. Zu Recht, denn es war großes Theater und beste Unterhaltung, und zwar vier Stunden lang. Bravo!

 

 

Wolf Banitzki

 

 

 


Seltsames Intermezzo

von Eugene O'Neill

Marc Benjamin, Peter Brombacher, Anna Drexler, Daniel Freitag, Stefan Hunstein, Sandra Hüller, Christian Löber, Annette Paulmann, Maximilian Simonischek

Regie: Ivo van Hove

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