Münchner Kammerspiele Das schweigende Mädchen von Elfriede Jelinek


 

 

Wahrheit adé

Ein Aufschrei ging durchs Land, als die Sitzvergabe für Journalisten im NSU-Prozess bekannt wurde. Die ausländische Presse sei zu kurz gekommen, hieß es. Das hat doch wohl was zu bedeuten. Da geht’s schon wieder los, die Heimlichtuerei. Hat da einer Angst vor dem, was herauskommen wird? Also wurde verlost. The winner is: … Sogar die Yellow Press schaffte es in den Gerichtssaal. Beeindruckend, wie die Medien um die Wahrheit bemüht waren. Heute nach fast einem und einem halben Jahr geht das Interesse weitest gehend gegen Null. NSU-Prozess? Ach, den gibt es auch noch? Ein Bekannter riet mir, mich einmal hineinzusetzen. Es habe tatsächlich etwas von Theater, meinte er nicht ohne Faszination. Wenn das so ist, warum die Geschichte nicht auf die Bühne bringen. Kaum gedacht, schon geschehen, und zwar noch vor dem Ende, vor einer Urteilsverkündung, vor der Offenlegung der Wahrheit.

Und wer beging den Frevel, in Aussicht zu stellen, dass wir keine Wahrheiten erfahren werden? Elfriede Jelinek. „Das schweigende Mädchen“ heißt Beate Tschäpe und sie schweigt, nein, nicht weil sie aus weltanschaulichen Gründen ihre „Sache“ nicht verraten will, sondern weil die Anwälte es ihr geraten haben. Das ist ihr gutes Recht. Doch Beate Tschäpe ist die einzige, die Licht in den braunen Sumpf, in die kruden Gehirnwindungen neonazistischer Kameradinnen und Kameraden bringen könnte. Wer ist „Das schweigende Mädchen“? „Jungfrau ohne Jugend und Hausfrau ohne Haus“, heißt es im Lied: „Sein und Wahrheit“. Weit gefehlt wäre der Schluss, Elfriede Jelinek hätte ein Stück über die NSU, den Nationalsozialistischen Untergrund, geschrieben, wie dereinst mit „Ulrike Maria Stuart“ ein Stück über die RAF, in dem sie Schillers Maria Stuart und Elisabeth I. als Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin in Stammheim aufeinander treffen lässt. Diesmal greift Frau Jelinek weiter. Sie erhebt den noch laufenden Vorgang des Prozesses gegen Beate Tschäpe und vier weitere Gesinnungsgenossen zum Jüngsten Gericht.

Es hätten gespielt, wenn sie denn gespielt hätten: drei Engel des Herrn (Wiebke Puls, Steven Scharf und Benny Claessen), zwei Propheten (Annette Paulmann und Hans Kremer), ein Fremder (Risto Kübar) und der verhandelnde Richter (Thomas Schmauser). Es wurde gelesen: „Der Text lässt einem keine Möglichkeit zu ankern. (…) Die Realität da draußen scheint viel theatralischer zu sein als das, was im Theater stattfindet.“ (Johan Simons) Doch es wurde auch gespielt, minimalistisch, verhalten, bewegungsarm, versteckt. Das erzeugte Spannung; das hatte fast mystischen Charakter, wenn sich die Engel nach ihren Auslassungen wieder in ihre schwarzen weiten Roben in die Unsichtbarkeit zurückzogen. Nebendran der Fremde, in messianischem Weiß, linkisch, unbeholfen, zart. Messianisch, nicht weil er die Wahrheit verkündet, sondern weil sich die Wahrheit über diese Gesellschaft an ihm, an seinesgleichen verkündet. Die Propheten, kurzärmelig und im Rock, züchtig bis über die Knie, in ausgefeilter Synchronität, zelebrierten Gelassenheit, die an Resignation grenzte. Nicht alles klang weise, manches zynisch, kam es doch von einer höheren Instanz und war weitestgehend ideologiefrei oder sollte es zumindest sein. Es waren schließlich wahre Propheten. Die falschen sind ja schließlich immer die anderen.

Zeuge Stefan Hunstein eröffnete das Spiel mit einem Präludium. Ort der Handlung: Ein Internetcafé, in dem gerade ein Mitbürger (mit Migrationshintergrund) erschossen wurde. Ein V-Mann des Verfassungsschutzes war anwesend, chattete auf Seiten, von denen seine frischangetraute Ehefrau nichts wissen sollte. Er verkrümelte sich. Der Zeuge Hunstein war fassungslos. Er brüllte bis zur Atemlosigkeit gegen die Stigmata unserer Zeit an, die Verantwortungslosigkeit, das geübte Wegschauen, die Apathie, der latente Hass gegen die/das Fremde. Dann kam der Richter: „Guten Morgen. Guten Morgen. Guten Morgen.“ Er stellte die Präsenz aller Personen fest. Viele Namen wurden genannt, an die hundert. Dann stellte die Verteidigung des „schweigenden Mädchens“ einen Befangenheits- oder Misstrauensantrag und die Verhandlung wurde um eine Woche verschoben. Machte da jemand eine Theaterfarce aus einem Gerichtsprozess? Ganz und gar nicht, denn genau so geschah es am 1. Gerichtstag im Strafjustizzentrum in der Nymphenburger Straße. Elfriede Jelinek nahm die originalen Gerichtsprotokolle als Vorlage und stattete ihren Richter, im wahren Leben heißt er Manfred Götzl, mit einer Brille aus, deren linkes Glas abgedunkelt oder blind war. Unübersehbar war, dass Thomas Schmauser in diese Rolle hineingeboren zu sein schien.

Elfriede Jelinek reichte 220 Seiten Fließtext ein und dem Dramaturgen Tobias Staab kam es nun zu, eine praktikable Spielfassung (42 Seiten, zwei Stunden) zu erarbeiten. Es liegt auf der Hand, dass es nur eine von vielen Möglichkeiten sein kann. Doch das ist vielleicht das Grandiose an der naturgemäßen Unentschiedenheit, dass man, wenn der Prozess vielleicht in einem Jahr beendet ist, eine ganz andere, neue Fassung aus dem vorliegenden Text erarbeiten könnte. Bei Frau Jelinek wird ja auch nicht der Fall des mörderischen NSU-Trios verhandelt, sondern Deutschland, die Gesellschaft, der Bürger, die Historie, die mit der Wende eine neue Qualität bekam: „Es ist so traurig, das Land hat sich gewendet, und dann war es völlig anders als vorher, es ist grauenhaft, vorher war es das nicht.“ (Prophetin Paulmann) Hier wird das Jelinek-Prinzip deutlich, ihre gewaltige schöpferische Kraft, denn sie verweigert sich einer angestammten Kommunikationssprache, die kaum mehr als ein gesellschaftlicher Kompromiss ist, den alle mitspielen. So verkommt Sprache zu Hülsen. Kabarettist Nuhr gab ein Beispiel: „Ich bin doch kein Rechtsextremist, ich nur extrem Rechts!“ Frau Jelinek bricht jede Metapher auf und überrascht mit neuen, zum Teil entlarvenden Bedeutungen. Sprache ist erbarmungslos und kaum jemand beherrscht das Spiel so virtuos wie Frau Jelinek.

„Das Land schweigt, indem es unaufhörlich redet, und wenn es nicht redet, dann schreibt es was oder redet über das, was es geschrieben hat, im Fernsehen, meist in Kleingruppen, dort geben sie Entwarnung, und es gibt auch keinen Nachweis, dass ein Netzwerk von Helfern existiert, die machen ganz allein so ein schlechtes, schlichtes Programm dort, diese Terrorzelle, das ganze Land ist eine Terrorzelle, die sich am Bildschirm wiederspiegelt, wo die einzelnen Kontaktpersonen unterdrückt werden.“  Wahrlich, so spricht der Prophet Kremer. Und der Engel Claessens stellt fest: „Dieses Land ist verlorengegangen, es ist selbst verloren, ja, wo ist es denn hin?“

Antworten sucht man vergeblich, doch es werden sehr gute Fragen gestellt und/oder aufgeworfen und das ist ein guter Ansatz, aus einer Zeit herauszufinden, die so gänzlich ohne Wegweiser ist und nur ans Auspreisen denkt. In dieser Inszenierung sitzt man nicht nur im Gericht, hier sitzen wir über uns selbst zu Gericht. Es ist ein düsterer Ort, in dem man den berüchtigten „Meister aus Deutschland“ beschwörte. Die Walküren ritten wieder und „jeder ist ein Hunding, ganz Deutschland ist ein Hunding, der die lieben Menschen, von mir aus auch die Liebenden, verfolgt…“  Die Musik von Carl Oesterhelt erinnerte an Filmmusiken expressionistischer Meisterwerke wie „Von morgens bis mitternachts“ von Georg Kaiser, der Gesang an Brechts „Mahagonny“.

Das puppenstubenhafte Bühnenbild wurde dominiert vom „Erbschaftsamt“. Hier wird das Erbe verwaltet, das wir hinterlassen. Flankiert war das turmartige Gebäude von den „Seynshütten Ost“ und „West“, eine Anspielung an Martin Heideggers Seynshütte in Todtnauberg im Schwarzwald, vor der er in seinen selbstgestrickten Schafwollunterhosen saß und visionär in die teutschen Lande schaute. Er war einer der grandiosesten  Verdränger der Geschichte und der eigenen Rolle darin.  Im Vordergrund das „Konservatorium“. Hier lagerte man den konservierten Humus der Geschichte ein.

In einer TV-Dokumentation zum Thema NSU war zu sehen, dass Frau Tschäpe hinter einem Banner mit der Aufschrift: „Nationalismus – Eine Idee sucht Handelnde“ marschierte. Es war eine Demonstration gegen die „Wehrmachtsausstellung“. Sie und ihre beiden Brüder im Geiste sind Handelnde geworden. Nun mag es Terrorismus zu beinahe allen Zeiten gegeben haben. Der heutige, weltweite Terrorismus hat allerdings eine entscheidende neue Qualität, die nihilistischer nicht sein kann. An die Stelle des Zerstörungs- oder Tötungsaktes mit anschließender Strafe, auch Buße und gelegentlicher Resozialisierung, wenn man der Täter habhaft wurde, ist jetzt die massenhafte Selbsttötung als finale Botschaft getreten. Fatalerweise ist sie irreversibel und hat damit uneingeschränkte Erfolgsgarantie. Sollte das Mädchen weiter schweigen, kommt das einer Selbsttötung gleich. Welchen Schaden nimmt die Gesellschaft, wenn es ihr nicht gelingt, das Schweigen des Mädchens zu brechen.

Und was meint Staatsbeamter Richter Schmauser dazu? „Sie reden nicht, obwohl sie es könnten? (…) Da kann man nichts machen. Das sorgt zwar für Spekulationen, aber bei denen gewinnt keiner, es hat ja auch keiner was einzusetzen, außer seiner guten Laune, seinem aufrichtigen Bedauern, was weiß ich, und das alles verliert er, kaum dass er gesetzt hat, es hat ja auch keiner auf ihn gesetzt. Nur der Richter fragt immer noch, ist es denn die Möglichkeit? Die Möglichkeit schon, aber wahr ist es nicht. …“

 

Wolf Banitzki

 

 


Das schweigende Mädchen

von Elfriede Jelinek

Benny Claessens, Stefan Hunstein, Hans Kremer, Risto Kübar, Annette Paulmann, Wiebke Puls, Steven Scharf, Thomas Schmauser
Musiker: Gertrud Schilde, Salewski, Sachiko Hara

Regie: Johan Simons

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