Kammerspiele Jagdszenen aus Niederbayern von Martin Sperr


 

 

Und ewig erschallt das Halali

1948. Der homosexuelle Abram kehrt aus dem Gefängnis heim in das mütterliche Haus. Sie, die allein irgendwie überleben muss, hat sich dem Druck der Dorfgemeinschaft längst gebeugt und mit dem Jungen gebrochen. Ihr wäre es lieber, wenn er seine Sachen packen und verschwinden würde. Doch Maria, deren Mann im Krieg verschollen ist und die mit dem verkrüppelten Knecht Volker zusammenlebt, was ihr naturgemäß bösartige Anfeindungen des Dorfes beschert, gibt Abram Arbeit. Marias geistig behinderter Sohn Rovo findet in Abram den einzigen Menschen, der ihn nicht hänselt oder verspottet. Abram geht, um seine sexuelle Neigung vor den Dörflern zu kaschieren, eine Beziehung mit Tonka ein, die schwanger wird. Als Abram und Rovo in intimer Zweisamkeit ertappt werden, bricht sich die Aggression der Dörfler Bahn. Als Tonka Abram mit ihrer Schwangerschaft erpresst und ihn schließlich verhöhnt, da er mit ihr nicht leben kann, ersticht er sie wutentbrannt. Maria erhält die langersehnte Nachricht, dass ihr verschollener Mann endlich für tot erklärt wurde. Rovo erhängt sich, um seiner Einsamkeit, den Augen seiner Mutter, die ihm Angst machen, und einer Einweisung in eine Anstalt zu entfliehen. Das Dorf bläst zum Halali auf „die schwule Sau“. 2500 Mark sind als Finderlohn ausgelobt. Man hat Übung beim Jagen und stellt das „Wild“. Im Stück wird Abram der Polizei übergeben; in Martin Kušejs Inszenierung schießt man ihn nieder wie ein wildes Tier.

Martin Sperr hat eine Geschichte geschrieben, die ein Anfang und ein Ende hat. Im Dorf ist jeder irgendwie mit jedem verbandelt und die unterschiedlichsten Abhängigkeiten regeln den Umgang miteinander. Das Erscheinen Abrams löst einen Konflikt aus und seine Gefangennahme oder sein Tod ist die logische Antwort darauf. Die Aktualität der Geschichte zu hinterfragen, wäre müßig. Mögen sich die äußeren Umstande auch gewandelt haben, die Psyche der Menschen hat sich, wenn überhaupt, nur geringfügig weiterentwickelt und in Zeiten von Krieg, Flucht und Vertreibung, wie wir sie unbestritten haben, bricht alles Negative, angetrieben von Ängsten und Unsicherheiten, aber auch von Pervertiertheit, die lange unter der Decke gehalten werden konnte, hervor wie Eiter aus einer schwärenden Wunde.

Doch diese Erkenntnis allein genügte Martin Kušej nicht und so vollführte er einen radikalen Schritt in seiner Inszenierung. Er erzählte nicht die Antwort auf die Verhältnisse, wie bei Sperr geschrieben, sondern er stellte die Frage nach den Zuständen und nach den Weg, die zu dieser Antwort führten. Er spielt das Stück vom Ende zum Anfang. Dieser radikale Perspektivwechsel schaffte eine extrem gesteigerte Aufmerksamkeit und Konzentration. Es erinnerte an eine Methode des Korrekturlesens, um die Orthografie zu überprüfen. Rückwärts gelesen konzentriert sich der Leser auf jedes einzelne Wort und er wird nicht vom Wissen um das, was kommt, über die Fehler hinweg getragen, ohne sie zu bemerken.

Annette Murschetzs Bühne bestand aus drei Wände, einer hölzernen, einer aus Beton und einer, die mit Bahnen aus Teerpappe verkleidet war. T-förmig aneinandergefügt ergaben sie drei Räume. Kargheit charakterisierte das Bühnenbild und von äußerster Kargheit war auch das Spiel. Der jeweilige Wochentag wurde eingesprochen. So verstanden auch die Zuschauer, denen das Geschehen nicht bekannt war, schnell, dass die Geschichte zeitlich rückwärts passierte. Im ersten Bild stürzte Abram, von einer bis zum Zerreißen intensiv gestaltenden Katja Bürkle gespielt, auf die Bühne und wurde von einem harten, erbarmungslosen Licht an die hölzerne Wand genagelt. Dann bellten die Gewehre und es zerriss Abram die Brust. In der nächsten Szene lauerten die versammelten, bewaffneten Dorfbewohner, einschließlich Abrams Mutter Barbara, auf den Flüchtigen. Nur von oben mit kaltem, hartem Licht beleuchtet (Jürgen Kolb), bleiben die Gestalten schattenhaft, wie in einem Schwarz-Weiß-Comic. Es wurde wenig und sehr langsam gesprochen. Die Bedrohlichkeit wurde in den Szenen durch die grollende Geräuschkulisse von Bert Wrede gesteigert und physisch spürbar. Die  Konstellation des zweiten Bildes wiederholte sich am Ende. Jetzt war das Dorf im Sonntagsstaat wie zu einem Gruppenfoto vor der hölzernen Wand aufmarschiert, von hellem Licht gerahmt. Der Anfang des mörderischen Geschichte bekam zögerlich, während Rovo eine Katze quälte, einen Namen: Abram, Inbegriff des „Abartigen“, des „Unnatürlichen“.

In der sehr beherzt eingestrichenen Fassung war alles eliminiert, was folkloristische Heimeligkeiten beschwören, aber auch alles, was den Topos Niederbayern definieren könnte. Heraus kam eine zeitlose, unverortete, holzschnittartige Chronik, die auf ihr Wesen, nämlich das des Menschen in geistiger, moralischer und gesellschaftlicher Not, reduziert war. Sämtliche Darsteller agierten physisch zurückgenommen, aber mit äußerster Intensität. Hans Kremers humpelnder Volker war sowohl seelisch wie körperlich verkrüppelt. Immerhin litt er auch sichtbar darunter, ebenso wie Gundi Ellert als Barbara. Es tobte ein heftiger innerer Kampf in ihr, denn immerhin hatte sie um ihr eigenes Wohl willen den Sohn zu verleugnen und zu verdammen. Michael Tregors Knocherl war von stählerner Härte, von einer unbeugsamen Bösartigkeit. Anna Drexlers Tonka, die ihren Körper feilbot, wenn es ihr gefiel, hatte den notwendigen Pragmatismus zum Überleben verinnerlicht. Liebenswert war sie nicht in ihrer dümmlich dreisten Art. Ganz anders Jeff Wilbuschs Dorfdepp Rovo, der keine Chance in der eisigen Kälte des Dorfklimas hatte. Er war eine ebenso tragische Figur wie Abram.

Es war der Minimalismus, der in jeder Hinsicht herrschte, der eine große Emotionalität freisetzte, in der man als Zuschauer allerdings nicht ertrank. Es war ein hartes, erbarmungsloses, aber aufrichtiges und wahrhaftiges Stück Theater, dessen Bilder man so schnell nicht aus dem Kopf bekommt. Was will man mehr! Und gewiss ist: Das Halali geht weiter.

Wolf Banitzki

 


Jagdszenen aus Niederbayern

von Martin Sperr

Katja Bürkle, Silja Bächli, Anna Drexler, Gundi Ellert, Pauline Fusban, Hans Kremer, Cristin König, Christian Löber, Anna Maria Sturm, Michael Tregor, Jeff Wilbusch

Regie: Martin Kušej

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