Kammerspiele Camino Real von Tennessee Williams


 

 

Düster-poetische Reise durch menschliche Innenwelten

Es ist kein Ort, den man auf irgendeiner Karte finden könnte und ebenso unreal sind die Namen der Straßen und Plätze. Der Camino Real existiert in einer Welt, in der die Verzweiflung Zahlungsmittel ist und der ein Pfad in die Dantesche Topografie der letzten Atemzüge sein könnte. Bevölkert wird diese Vision von imaginären, aber auch von historisch verbrieften Personen wie Giacomo Casanova oder Lord Byron. Diese Figuren wandeln zwischen literarischen Helden wie Baron de Chalus von Marcel Proust oder Marguerite Gautier, die Kameliendame aus dem Roman von A. Duma jun. Auch Don Quijote ist Gefangener dieser Welt, in der sie allesamt zwischen Luxus-Hotels, Billigabsteigen, Kneipen und Bordellen umher taumeln, einen Ausweg suchend oder vor diesem fliehend, weil das was sie verlieren könnten immer noch kostbarer ist als das Nichts, das sie möglicherweise erwartet. Casanova beispielsweise wagt nicht, einen Brief zu öffnen. Er schreckt vor den Konsequenzen zurück. Eine könnte sein, nicht mehr an der Seite der Kameliendame wandeln zu dürfen, deren Brunnen längst ausgetrocknet ist und die nurmehr weiße Kamelien trägt.

Diese Welt wird regiert von den eingebrannten Ängsten, die sie aus dem Leben mitgeschleppt haben zu diesem Ort an der Schwelle zu den Terra incognita und die nun ein rüdes Regiment führen. In Person des Straßenfegers wandeln diese Ängste pfeifend über den Camino Real, die Kadaver einzusammeln und zu entsorgen oder weiter zu verhökern. Nur einer hat die Größe, zu widerstehen: der Boxchampion Kilroy. Ihm ist es sogar noch einmal vergönnt, ein Weib zu umarmen, eine Hure und Jungfrau zugleich, denn in diesem Land vermögen mondhelle Nächte die Jungfernschaft wieder herzustellen, was dem Kuppeleigeschäft sehr zuträglich ist. Dann bricht sein krankes Herz, doch Kilroy ist ungeschlagen geblieben. In Tennessee Williams Drama wird ihm das kindskopfgroße, aus reinem Gold bestehende Herz aus dem Leib geschnitten und für Esmeralda verpfändet, für die Hure, die er Aufrichtigkeit gelehrt hat und die nun wieder liebt: „Lasst etwas sein, das des Wort Ehre wieder bedeutet.“

Das Stück ist ein düster-poetischer Taumel über sechszehn Stationen, an dessen Ende ein Held steht, der Hoffnung macht: Kilroy. „Kilroy was here!“ schrieben die Soldaten an die Abtrittswände dieser Welt. Kilroy war der Mann, der den Mut hatte, das verbotene Wort „Bruder“ auszusprechen. Er nennt Casanova „Bruder“ und bringt so wieder Hoffnung auf den Camino Real.

Das von Elia Kazan im März 1953 in New York uraufgeführte Stück fiel bei den Kritikern durch, wurde aber vom Publikum begeistert aufgenommen. Es ist ein Stück, das mit der emotionalen Intelligenz entschlüsselt werden muss und das sich unmöglich auf eine simple rationale Formel bringen lässt. Es ist ein Drama, das ausschließlich in Innenwelten spielt und diese unterliegen nicht der natürlichen Schwerkraft der äußeren Natur. So wird auch nur der verstehen, der bereit ist, geschehen zu lassen, was die Bilder, die Bewegungen, die Worte, das Licht und die Klänge auslösen.

Sebastian Nübeling ist es in seiner Inszenierung an den Münchner Kammerspielen jedenfalls gelungen, diese Welten sicht- und spürbar zu machen. In ihnen finden sich alle (realen) Probleme, mehr oder weniger deutlich ausformuliert, aber unübersehbar, wieder. Allein, der literarische Kontext ist ein anderer, ein ungewohnter. Es ist gleichsam ein Stück über die Unzulänglichkeit des Menschen, sich gegen die Welt im realen Leben zu behaupten, sich vom gesellschaftlichen Leben zu emanzipieren. Ein grundsätzliches Paradoxon des Lebens wird deutlich: Letztlich nimmt der Mensch doch alles, was ihn quält und ihn peinigt in sich auf und mit sich fort, als könnte er ohne Leid nicht leben.

Jochen Noch gab den Führer bei der Reise über den Camino Real, der sowohl der „königliche“ wie auch der „Weg der Wirklichkeit“ bedeutete. Schwungvoll in den Hüften, tänzelte er, das Megafon in der Hand, von Station zu Station. Dabei wurde die Schar der Reisenden, die verzweifelt an ihrem wenigen irdischen Besitz klebten, hier nur leere, raschelnde Plastiktaschen, immer dünner. Tim Erny war der emotional robuste, kräftige und erbarmungslose Straßenfeger, der ohne jegliches Gefühl entsorgte, was auf der Strecke blieb. Der Camino Real hatte nur ein Bild (Bühne und Kostüme: Eva-Maria Bauer). An der Bühnenrückwand saßen zwei riesige bonbonfarbige Plüschteddys, die das Geschehen mit den Augen verfolgten, als seien sie lebendig. Davor musste jeweils ein Darsteller den „dummen August“ geben, ebenfalls in ein lächerliches und erniedrigendes Hasenkostüm gewandet. Aufgabe war es, mit der linken Hand unentwegt zu winken, wie es die glänzenden chinesischen Katzen tun, die es in vielen Asiashops zu kaufen gibt und die Glück verheißen sollen. Als erster musste sich Michael Tregor (Don Quijote / Der Überlebende / Lord Byron) in diese Rolle fügen. Er verdurstet oder verhungert. Sein Nachfolger war kein geringerer als Kilroy, der Boxchampion, der mit seinen goldenen (blauen) Boxhandschuhen verwachsen zu sein schien. Erst im Augenblick des Todes streifte er sie ab.

Regisseur Sebastian Nübling hatte sie Inszenierung penibel durchchoreografiert und rhythmisiert. Immer wieder, wenn es aufging zur nächsten Station, wuselten die Reisenden, in der Gruppe gefangen und gehetzt, als könnten sie die eigene Erlösung versäumen, durch den Raum. Sie ließen von ihrer Habe ab, um sie im nächsten Moment wieder zusammenzuraffen. Choreografin Alice Gartenschläger spielte an der Seite von Stefan Merki das Ehepaar Lady und Lord Mulligan. Die Choreografien spiegelten die Ohnmacht und ihre Verzweiflung, ihre Ängste und die daraus resultierende Aggressivität wider. Wiebke Puls` Marguerite Gautier war eine verblühte Schönheit, die ihren Begleiter Casanova (Oliver Mallison) anzog und abstieß, je nach Gefühlslage, um ihn dann mit dem erstbesten Matrosen zum „König der Hahnreis“ zu machen. Sie gewann dabei nichts; sie büßte nur ihr Portemonnaie ein. Dominiert wurde das Spiel von der aggressiv singenden und den Raum agil vermessenden Sandra Hüller als La Madrecita / Esmeralda und dem fragilen Risto Kubar als Kilroy. Beide schufen vielschichtige Figuren von faszinierender Körperlichkeit.

Dass sämtliche Darsteller zu großer Form aufliefen, war der in sich wunderbar geschlossenen, intelligenten Regie geschuldet, die den Abend zu einem großartigen poetischen Theaterereignis gerinnen ließ. Sebastian Nübling hatte mehrere Figuren auf einzelne Darsteller zusammengelegt, was dem magischen Zauber des Stücks jedoch keinen Abbruch tat. „Camino Real“ von Tennessee Williams, ein vermeintlich schwer spielbares und darum wohl auch ein Stück, das in den Spielplänen eher rar vertreten ist, wurde unter der Spielleitung von Sebastian Nübling zu einer echten Sternstunde für die Kammerspiele.

 

Wolf Banitzki

 


Camino Real

von Tennessee Williams

Tim Erny, Alice Gartenschläger, Sandra Hüller, Risto Kübar, Oliver Mallison, Stefan Merki, Jochen Noch, Wiebke Puls, Çiğdem Teke, Michael Tregor

Regie: Sebastian Nübling

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