Kammerspiele  Wartesaal nach Lion Feuchtwanger


 

Und weil der Mensch ein Mensch ist…

„Ich habe für dieses Buch (‚Exil‘ – Anm. W.B.) zwei Motive aus der historischen Wirklichkeit verwandt: die Entführung eines emigrierten Journalisten und den Ankauf und die Lahmlegung einer deutschen Emigrantenzeitung durch Agenten des Dritten Reichs. In der historischen Wirklichkeit war der entführte Journalist ein Mann namens Berthold Jacob, und die aufgekaufte Zeitung war die Zeitung ‚Westland‘, die in Saarbrücken erschien.“ Mit diesen Worten beschrieb Lion Feuchtwanger das Thema seines Romans Exil, der dritte und letzte Teil seiner „Wartesaal“-Trilogie, im 1939 verfassten Vorwort. Für den ersten Teil „Erfolg“ nahm er sich drei Jahre Zeit und beendete ihn 1930. Den zweiten Teil, „Geschwister Oppermann“, schrieb er ganz gegen seine Arbeitsgrundsätze in nur sechs Monaten und beendete ihn im September 1933. „Mir lag daran, das Leserpublikum der Welt möglichst schnell über das wahre Gesicht und über die Gefahren der Naziherrschaft aufzuklären.“ Den dritten Teil mit dem Titel „Exil“ begann Feuchtwanger 1935 und beendete ihn im August 1939, wenige Tage vor Ausbruch der II. Weltkrieges. Die hässliche Fratze des Nationalsozialismus ließ die letzte Maske fallen und entfesselte eine bis dahin unvorstellbare Apokalypse.

Kaum ein literarisches Werk über den aufkommenden und sich etablierenden Faschismus ist so aussagekräftig, so analytisch, so aufrichtig und so lehrreich wie Lion Feuchtwangers „Wartesaal“-Trilogie. Feuchtwangers Anmerkung, „Das Buch ‚Der Wartesaal‘ gibt nicht wirkliche sondern historische Menschen.“ macht das Buch zu einem exemplarischen Geschichtswerk, das sich von historistischen Arbeiten darin unterscheidet, dass der Mensch in all seinen seelischen, moralischen und gesellschaftlichen Facetten beschrieben wird.

Stefan Pucher hat dieses gewaltige Geschichtsgemälde auf die Bühne der Münchner Kammerspiele gebracht. Er nannte die Inszenierung „Wartesaal“, bezog sich aber vornehmlich auf die Geschehnisse im dritten Band „Exil“. Darin geht es um die Familie Trautwein, die in einer kleinen Herberge in Paris vegetiert. Sepp Trautwein ist Jude und verlor nach Machtantritt der Nazis seine Professur an der Münchner Musikakademie. Er arbeitet an einem Oratorium mit dem Titel „Die Perser“. Vorlage ist das erste überlieferte Drama Europas aus der Feder des griechischen Dramatikers Aischylos. Das ungewöhnliche des Stückes besteht darin, dass die Geschichte des Krieges zwischen den Griechen und den Persern aus der Sicht der Perser, der „Barbaren“, der Verlierer erzählt wird. Sepp Trautwein ist ein Mann der Musik, der immerhin erkannt hat, dass Kunst nicht unpolitisch sein sollte. Sepp Trautwein, auf der Bühne der Kammerspiele grandios agil und sehr bajuwarisch verkörpert von Samouil Stoyanov, stellte selbstreflektorisch fest: „Gute Musik und schlechte Politik vertragen sich nicht, das ist für ihn nicht mehr eine Meinung, das ist zu einem Teil seines Wesens geworden.“ Der Mann ist zudem ein Kämpfer: „Seine Musik jedenfalls, wenn sie klingen soll, dann muß reine Luft da sein. Und wenn reine Luft nicht da ist, dann muß man sie sich schaffen.“

An seiner Seite, besessen von der Idee, „Die Perser“ im französischen Rundfunk zur Aufführung zu bringen, die Ehefrau Anna. Maja Beckmann zeigte eine unermüdliche Frau, die leise und dennoch nicht unbestimmt, die Interessen ihres Mannes vertrat, der ihr keinen Dank zollte. Sie arbeitete sich auf, verdiente den Lebensunterhalt der Familie als Sprechstundenhilfe bei dem jüdischen Zahnarzt Dr. Wohlgemuth (Stefan Merki), und nahm sich am Ende, nach der Uraufführung des Oratoriums, klammheimlich das Leben. Sepp Trautwein hatte an dieser Aufführung kaum einen Anteil. Er verfolgte geradezu besessen die Idee, den von den Nazis auf Schweizer Hoheitsgebiet gekidnappten und nach Deutschland verschleppten Journalisten Friedrich Benjamin, dessen Stelle Sepp in den „Pariser Nachrichten“ eingenommen hatte, mit der Kraft seiner Worte zu befreien. Seine Artikel und Aufsätze sind den Machthabern in Berlin ein Dorn im Auge und bald schon werden Pläne geschmiedet, die „PN“, wie die „Pariser Nachrichten“ kurz genannt werden, zu eliminieren.

  Wartesaal  
 

Daniel Lommatzsch, Annette Paulmann

© Arno Declair

 

Inzwischen gelang es den Nazis, journalistisch gegen zu steuern. Erich Wiesener, der vielleicht beste Journalist des „Deutschen Reiches“ schwang seinerseits die Feder, verharmloste, beschwichtigte und beruhigte, selbst manchen Exilanten. Unter seiner Betrachtung wurde Barbarei zu notwendiger Politik, die sich vielleicht „ein wenig zu heftig gebärdete“. Daniel Lommatzsch verlieh der Figur Grandezza. Selten sah man einen servilen Nazi mit so viel Eleganz und Geschmeidigkeit. Er verriet die Figur nicht, sondern zeigte ihre großen intellektuellen und auch sprachlichen Potenzen, was die Figur wahrhaft diabolisch machte. Erst als Erich Wiesener von seinen „demokratischen Jugendsünden“ eingeholt wurde und er strauchelte, offenbarte sich die ganze Erbärmlichkeit seines Charakters. Sein Opportunismus war nicht einer politischen Idee, sondern seinem Hedonismus und seiner Selbstverliebtheit geschuldet.

An seiner Seite ein anderer Nazi, Walther Reichsfreiherr von Gehrke, genannt „Spitzi“. Er war als Mitarbeiter der Deutschen Botschaft an der Entführung Benjamins maßgeblich beteiligt. Auch sein Motiv war kein politisches, sondern der Eitelkeit geschuldet. Er brauchte 30.000 Franc, um sich bei Dr. Wohlgemut seine „Rattenzähne“ richten zu lassen. Jan Bluthardt bewies mit seiner exzellenten Darstellung einmal mehr, dass die Rollen der Fieslinge allemal mehr hergeben, als die der „Guten“. Als ihm am Ende das halbe Gesicht weggeschossen wurde, avancierte er zum Märtyrer mit Horst-Wessel-Aura. Ihn zog es jetzt ins „Reich“, zumal Dr. Wohlgemut sich weigerte, ihm seine „Fresse zu richten“, selbst wenn er ihm noch einmal so viel Geld zahlen würde, mit dem er 100 oder 200 jüdischen Leidensgenossen aus dem Reich freikaufen könnte. Irgendwann kommt halt der Punkt, wo die Taktik endet und reine Kollaboration beginnt.

Den Nazis gelang es schließlich, die „PN“ zu übernehmen. Sie hatten die in Deutschland lebende Tochter des Verlegers Louis Gingold wegen Rassenschande hinter Gitter gebracht und erpressten ihn nun. Peter Brombachers Gingold war ein Geschäftsmann, der sich um Politik wenig kümmerte. Seine Haltung resultierte aus einer Abgeklärtheit der Geschichte gegenüber, in der die Juden immer verfolgt waren. Warum also politisch kämpfen und sich nicht besser auf das Wesentliche, auf die Geschäfte konzentrieren? Auch Freiheit kann als Ware betrachtet werden, obgleich es Gingold zutiefst anwiderte. Der erste Schritt war die Entlassung Sepp Trautweins. Doch den warf das nicht aus der Bahn: „Der starke Mann ficht, und der kranke Mann stirbt.“ Dieser Satz stammt aus dem Munde Macky Messers in Brechts „Dreigroschenroman“. (Brecht hat ihn allerdings von Rudyard Kipling übernommen, ganz nach dem Brechtschen Motto: Wenn du stielst, stehle bei den Besten.)

In der Tatsache, dass sich die Nazis dem Druck beugten und Friedrich Benjamin freigaben, sah Trautwein die Bestätigung, dass sich der Kampf lohnt. Das Vorbild dieser Figur Feuchtwangers hatte indes nicht so viel Glück. Berthold Jacob, bekennender Pazifist, wurde von den Nazis zwei Mal entführt, das zweite Mal, als er im Begriff war, in Lissabon das Schiff nach Amerika zu besteigen. Er erlag den Torturen im Februar 1944 in einem Berliner Gestapogefängnis. Angesichts seines Schicksals drängt sich die Frage auf, ob dieser Mann nicht besser geeignet wäre zum Gedenken an den Widerstand gegen die Nazis, als Stauffenberg und seine Verschwörer.

Sepp Trautwein wandte sich wieder der Musik zu und komponierte eine Sinfonie mit dem Titel „Wartesaal“. Das Buch „Exil“ endet mit der Uraufführung der Trautweinschen Sinfonie in London. Er, dem es unangenehm war, sich in einen Frack zu zwängen, verfolgte die Aufführung in Paris am Radio. Feuchtwanger beendete das Buch mit den Worten: „Die letzten, starken Takte des ‚Wartesaals‘ klangen auf, da die unsichtbaren Wände einstürzen und der langerharrte Zug nun doch kommt, die Wartenden aufzunehmen.“ In der Inszenierung wurde allerdings zum Schluss ein anderer Text von Feuchtwanger zu Gehör gebracht: „Trübe Gäste“. (Im Programmheft zur Inszenierung abgedruckt. Unbedingt lesenswert!) Es ist ein Text über Exilanten, über ihre Situationen und über ihre Befindlichkeiten. Feuchtwanger beschreibt darin mit tiefer Menschlichkeit, was diese Situation mit den Menschen macht. Der Text erschütterte, insbesondere aus dem Mund von Annette Paulmann, die in der Inszenierung durchgängig als Erzählerin fungierte.

Es war endlich wieder einmal einer dieser unvergesslichen Abende, die unauslöschlich im Bewusstsein bleiben, nicht nur, weil eine große und großartige Botschaft in die Welt gebracht wurde, sondern weil erlebbar war, welche bewegende Kraft gutes Schauspiel haben kann. Barbara Ehnes Bühne war funktional und technisch aufwendig, es waren viele Räume, die zusätzlich magische Perspektiven bekamen, weil sie per Videoübertragung auf einen großen Screen gebeamt wurden. (Live-Video Ute Schall) Doch bei allen technischen Raffinessen und bildgewaltigen Einblendungen waren es die Schauspieler, die leisteten und dominierten. Es erfüllt ein wenig mit Wehmut, zu wissen, wie großartig diese Darsteller sind, es aber so selten erleben zu dürfen.

Es ist ein besonderes Verdienst von Stefan Pucher, dass er dieses Thema, das ja ein Dauerthema ist, nicht nur unterhaltsam, was die üblichen performativen Veranstaltungen vielleicht auch sein mögen, sehr eindringlich und nachhaltig über die Rampe brachte. Ein äußerlicher Beweis dafür war: Das (die eigene Anwesenheit betonende) Kichern des Publikums, das inzwischen beinahe durchgängig in den Inszenierungen der Kammerspiele zu hören ist, verstummte nach kürzester Zeit gänzlich. Wer immer in der Vorstellung saß und zukünftig sitzen wird, wird nicht mehr über das Thema Flüchtlinge und Exil sprechen können, ohne an diese Aufführung zu denken. Die Inszenierung war zwingender und auch informativer zum Thema als die endlosen Talkshows und Reportagen, weil sie unverhohlen und mit (ideologisch) unverstelltem Blick auf den Menschen, der in erster Linie Mensch ist, geschaut hat. Genau so funktioniert gutes Theater.

Wolf Banitzki

 


Wartesaal

Nach dem Roman „Exil“ von Lion Feuchtwanger

Annette Paulmann, Daniel Lommatzsch, Gundars Āboliņš, Hassan Akkouch, Jan Bluthardt, Jochen Noch, Johann Jaster, Julia Riedler, Maja Beckmann, Niklas Herbert Wetzel, Peter Brombacher, Samouil Stoyanov, Stefan Merki, Walter Hess, Zeynep Bozbay

Regie: Stefan Pucher

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