Kammerspiele Rechnitz (Der Würgeengel) von Elfriede Jelinek


 

 

Grabung im Ungewissen

Fünf Berichterstatter halten Einzug in einen kleinen Ort an der österreichischen Grenze zu Ungarn, um über eine Begebenheit zu berichten, die sich aller menschlichen Vorstellungskraft entzieht. Auf Schloss Rechnitz feierten im März 1945 SS-Offiziere, Gestapo-Führer und einheimische Nazigrößen unter der Schirmherrschaft des Grafen und der Gräfin Batthyány, geborene Thyssen-Bornemisza und Enkelin des Stahlmagnaten August Thyssen, ein ausgelassenes "Gefolgschaftsfest". Als das Fest überzuschäumen begann, schaffte man Abhilfe für frivole und perverse Lüste, ließ 180 jüdische Zwangsarbeiter, ausgemustert wegen Schwäche, herankarren und tötete sie … zum Vergnügen. Als das "Bewusstsein, wie´s gebührt" (Euripides: Bakchen), wiedererlangt war, wurden die Leichname für alle Ewigkeit verscharrt. Die Mauern des Schweigens blieben wider allen Ansturm ungestürzt.

Die fünf Berichterstatter, ausstaffiert mit Jelinekscher Sprachwut, wälzen und wringen Wort um Wort, um in letzte Tiefen, die der Wahrheit, vorzudringen. Doch Wahrheit bleibt aus, soll ausbleiben. Elfriede Jelinek ging es nicht darum, den für die Rechnitzer Bürger seit über sechzig Jahren peinlichen Wahrheiten aus historischer, politischer und juristischer Spurensuche weitere hinzuzufügen. Ihr Motto für den verbalen Kraftakt lautet: "Totschweigen oder die Kunst des Berichtens". Wie schon in "Ulrike Maria Stuart" ging es Frau Jelinek nicht um Geschichtsbewältigung (Der bürgerlichen Historiografie fehlt es ohnehin an guten Gründen für dieselbe!), sondern um die Feststellung, dass die meisten Bemühungen in der Verschleierung gipfeln. Sie kritisiert die (gesellschaftlich bedingte) Kritikunfähigkeit. Das ist angesichts der weltanschaulichen und Werteverwirrung schon viel. Dennoch bleibt ein sehr ungutes Gefühl zurück, denn immerhin werden hier 180 ermordete Juden bemüht, die letztlich zum bloßen Anlass der theatralischen Aufbereitung degradiert werden. Ist das nicht auch eine Form von Ignoranz, und zwar ein recht perfide? Kein Kunstwerk vermag den Hintergrund der Tode von sechs Millionen Juden sinnlich erfahrbar zu machen, die Geschichte "Rechnitz" könnte dies sehr wohl leisten.
 
   
 

Hildegard Schmahl, Steven Scharf, Katja Bürkle, André Jung

© Arno Declair

 

Was geschieht nun auf der Bühne Schauspielhauses der Münchner Kammerspiele? "Ein blitzheller Blick zurück auf die Topographie des Nazi-Terrors, zugleich eine Reise durch Jelineks Kopf, ein wilder Assoziationsfluss, rechts und links althergebrachte Gewissheiten einreißend." Das verspricht die Werbung der Kammerspiele. Zumindest in einem Punkt kann getrost zugestimmt werden: " …eine Reise durch Jelineks Kopf". Alle Werke von Elfriede Jelinek sind "Reisen durch Jelineks Kopf". Die Realität, so erschütternd deutlich sie dem interessierten Betrachter entgegentritt, ist lediglich Anlass zu dieser Reise und wird Fiktion. Oder anders herum: was objektiviert und tradiert ist wird subjektiviert. Gute Kunstwerke leben davon, dass durch subjektive Sichtweisen des Künstlers schwer fassbare, weil sich der Vorstellungskraft des Betrachters widersetzende Realitäten fassbar werden. Leistet "Rechnitz" das? Wohl kaum.


"In sprachlich furiosen Suchbewegungen, Schicht um Schicht abtragend, nimmt sie unermüdlich Grabungen vor, um sich dem Krater der Ungeheuerlichkeit dieser Tat und ihrer Verschleierung zu nähern." (Werbung Kammerspiele) Grabungsstätte ist hier nicht Rechnitz, sondern die Psyche Frau Jelineks, denn wirkliche (gesellschaftlich immanente) Gründe für das Versagen werden nicht benannt. Der Mensch als Barbar, und hier unterscheiden sich die Boten von den Tätern kaum, wird nicht ergründet, lediglich vorgeführt.

Regisseur Jossi Wieler hatte es dennoch leicht mit dem Text, der eine Vielzahl von Anleihen nimmt bei Celan, Euripides, Goethe oder Bunuel. Da dieser Text keine innere Struktur hat - und wenn, dann ist sie so kompliziert, dass sie sich dem Betrachter entzieht - verlieh Wieler ihm eine. Die Inszenierung ist eingeteilt in vor Frühstück - nach Frühstück - nach Mittag - und Epilog. Sichtbar werden die Zäsuren durch die Mahlzeiten, die genüsslich eingenommen wurden. Das funktionierte. Jossi Wielers beeindruckende Ästhetik lebt von der Verlangsamung der Vorgänge, wodurch Räume entstehen, in denen sich Psychologie entfalten kann. Alle Darsteller, sie unterschieden sich in ihrer Spielhaltung nur in Nuancen, gelangten so zu einer ungeheuerlichen Eindringlichkeit. Lächelnd, stets um politische Korrektheit bemüht (Der moderne Journalist berichtet distanziert, wertet nicht!) rissen sie Klüfte auf zwischen (gewesenen) Realitäten und der gepflegten Annäherung an diese. "Den Boten erreichen nicht die Erkenntnisse." Dabei offenbarte sich eine herausragende Qualität des Textes. Die Sprache, selbst Gegenstand der Betrachtung wie die Taten dahinter, wurde willentlich und scheinbar unwillentlich ausgelotet. Die daraus resultierenden Assoziationsketten endeten nicht selten in Absurdität und Surrealismus, riefen manchmal sogar Heiterkeit hervor. Die gelegentliche Schwachsinnigkeit, die den Denkvorgängen innewohnte, wurde von allen Darstellern genüsslich zelebriert. Anzumerken ist allerdings auch, dass im gesamten Text kein Dialog ist. Frau Jelinek beschränkte sich darauf, dem Zuschauer in jeder Figur monologisierend gegenüberzutreten.

Wielers Inszenierung war nicht zuletzt durch ein gelungenes Bühnenbild von Anja Rabes, die ein elegantes hölzernes Foyer mit vielen Türen zu "verborgenen" Räumen schuf, ein in sich geschlossenes Werk.

Die Ästhetik war beeindruckend, die Botschaft hingegen blieb unbefriedigend. Fast peinlich wirkte allerdings der Epilog von Katja Bürkle mit angedeuteter Elfriede Jelinek Frisur. Diesen nutze die Autorin, um das Land Österreich einmal mehr ihre Verachtung spüren zu lassen. Der private Fehdehandschuh ließ allerdings auch deutlich erkennen, in welchem Verhältnis die Nobelpreisträgerin zu ihrem eigenen Werk steht. Sie steht stets davor, nie dahinter. Was ihr Ersuchen um Billigung ihrer Person durch ihr Land Österreich und gewiss auch Deutschland betrifft, kann sie getrost in die Zukunft schauen. Das sollte sie aus ihrem eigenen Werk gelernt haben. Auch Thomas Bernhard ist inzwischen ein großer anerkannt-österreichischer Dichter. Der hatte zwar keinen Nobelpreis bekommen, dafür aber ein großes literarisches Werk geschaffen.
 
 
Wolf Banitzki
 

 

 


Rechnitz (Der Würgeengel)

von Elfriede Jelinek

André Jung, Katja Bürkle, Hans Kremer, Steven Scharf, Hildegard Schmahl

Regie: Jossi Wieler
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