Kammerspiele Hass nach dem Film von Mathieu Kassovitz


 

 

Der Fun-Faktor des Elends

Drei Kids zelebrieren ihre alltäglichen Rituale. Sie entstammen drei unterschiedlichen Ethnien. Doch das spielt keine Rolle mehr, denn sie sind alle gleich, gleich im sozialen Status. Sie sind ausgestoßene, zu menschlichem Müll deklassierte und in den zivilisatorischen Müll verfrachtete "Mit"-bürger. Mitbürger? Ja, sicher doch, denn sie sind Konsumenten, der einzige gemeinsame Nenner von heutigen Mitbürgern in der spätkapitalistischen Gesellschaft. Die materiellen Sehnsüchte bleiben allerdings ungestillt, denn am gesellschaftlichen Reichtum können sie nicht teilhaben. Sie haben keine Ausbildung, keine Arbeit usw. Diese abgedroschenen sozialpsychologischen Gemeinplätze bedürfen keiner weiteren Aufzählung. Aber sie können immerhin teilhaben am geistigen Reichtum dieser auf jede "willkommene" Befindlichkeit reagierenden Sozietät, am Fernsehen. Daher glauben diese jungen Menschen auch an die Bilder und deren Macht.
"Wir haben gewonnen", sagte einer der Jugendlichen in eine der Fernsehkameras, "weil die Welt auf uns geschaut hat, weil die Polizei kam, und weil der Bürgermeister erstmals aus seinem Rathaus kam". (Zitat Website Kammerspiele) Was haben die Jugendlichen mit dem Bürgermeister besprochen? Haben sie Pläne gemacht, die Situationen zu ändern? Wer will das wissen! Brennende Autos sind allemal spannender!

Es ist heute möglich, einhundert oder tausend Stunden am Tag, der bekanntlich nur vierundzwanzig Stunden hat, Gewalt zu säen. Es wird getan. Die neuen Helden heißen gemeinhin "Dirty Harry" und haben das Gesetz in die eigenen Hände genommen. Und weil sie vorgeführt werden, sind sie. Vorbei die seligen Zeiten, als es noch Gut und Böse gab. Der Gute wurde einstmals daran gemessen, was er für die Gesellschaft tat. Der Böse, heute der vermeintlich "Gute", handelte egoistisch und wider das Gesetz. Wen wundert es da noch, wenn die Kids, die ihre Sozialkunde gleich Segnungen von der Action-Filmindustrie empfangen, diesen Helden gleichen wollen.
 
   
 

Brigitte Hobmeier, Katja Bürke, Katharina Schubert

© Arno Declair

 

"Ich komme ohne Hass morgens gar nicht mehr hoch …" Dieser "Hass ist genau genommen kein Syntagma mehr, sondern ein Logo, eine Art Etikett, so wie die Graffiti zum Ausdruck brachten: ‚ich existiere', ‚ich lebe hier und da'". (Zitat Programmheft Kammerspiele) Und so ist denn dieser Hass zum existenziellen Mittelpunkt des Arabers Saïd, des Juden Vince und des Afrikaners Hubert im Pariser Banlieue geworden. Regisseur Sebastian Nübling, der neben Julia Lochte und dem Ensemble auch für die Spielfassung verantwortlich zeichnete, brachte das Chaosdrama überaus effektvoll auf die Bühne der Kammerspiele. Sogar eine Geschichte gab es. Die ist allerdings mit drei Sätzen erzählt. Einer der vier Freunde, der 16-jährige Abdel, ist bei den Unruhen in der Vorstadt durch die Polizei lebensgefährlich verletzt worden und liegt im Krankenhaus. Einer der Polizisten verlor beim Einsatz seine Waffe, die Vince fand. Sollte der Freund sterben, will Vince damit einen Polizisten töten, um "das Gleichgewicht wieder herzustellen". Die Inszenierung wollte aufrütteln. Die mangelhafte oder gar nicht stattfindende Migration der ausländischen Mitbürger ist eine Zeitbombe, wollte diese Inszenierung sagen. Vielleicht sagte sie es auch, doch wenn, dann ging diese Botschaft in Heiterkeit unter. Nübling konfrontierte das Publikum mit drei kindlich clownesken Figuren, die zuallererst "echt cool" waren. Sie waren so "cool", dass insbesondere das jugendliche Publikum hemmungslos amüsiert war. Gespielt wurden die Knaben von den Schauspielerinnen Katja Bürkle (Hubert), Brigitte Hobmeier (Vince) und Katharina Schubert (Said). Allen Darstellerinnen gebührt höchstes Lob. Mit einem enormen körperlichen Einsatz und exzellenter Sprachgestaltung schufen sie sehr differenzierte Figuren, deren kindliche Charaktere, geprägt durch Comichelden und innere Zerrissenheit, immer wieder in den Vordergrund traten. Der Text, überreich an sozialdeterminierten Floskeln und daher sehr authentisch, zeugte nicht zuletzt vom großen kreativen Potenzial dieser ausgegrenzten Jugendlichen. Leider war er zu authentisch, zu wenig künstlerisch gebrochen und daher nur oberflächlich effektvoll. Der Film "Hass" von Mathieu Kassowitz ist eben kein Theater und lässt sich folglich nicht so ohne weiteres auf die Bühne bringen.


Ausstatterin Muriel Gerstner hatte ein sehr zweidimensionales aber hinreichend erklärendes Bühnenbild geschaffen. Der Schlund einer Müllkippe erbrach zahllose Kartons in die Welt der Jugendlichen. In diesem Müll organisierten sie ihr Leben. Am Ende wird der Müll übermächtig und verschlingt die Protagonisten in ihren Bugs Bunny-, Jerry- und Pinocchio-Kostümen.

Der Besuch dieser Inszenierung garantiert einen kurzweiligen Abend. Doch ob es auch ein guter Abend ist, bleibt offen. Mittels einer sehr vordergründigen Ästhetik und verführerisch guter darstellerischer Leistungen wird ein Thema angegangen, das, ob zu Recht oder zu Unrecht, zu einer existenziellen globalen Schlüsselfrage avancierte. Es geht nicht zuletzt um den Tod eines jungen Menschen, der mehr oder weniger in Heiterkeit untergeht. Sebastian Nübling muss sich an dieser Stelle fragen lassen, ob die Mittel dem Gegenstand gerecht werden. Leider war hier der Kniefall vor dem Zeitgeist, um jeden Preis mit (lustigen) Bildern unterhalten zu müssen, nicht zu übersehen. Eine Hilfe für das Publikum, sich ein klares Bild von der Problematik machen zu können, war diese Inszenierung nicht.

Angesichts des gesellschaftlichen Kontextes, in dem diese Inszenierung wahrgenommen wird, stellt sich überhaupt die Frage, ob irgendwer an Antworten interessiert ist. Selten ließ sich ein Konflikt, wie der um unsere ausländischen Mitbürger, so gut instrumentalisieren. Er taugt für Wahlkampf, repressive Maßnahmen in den Sozialsystemen, Schaffung von allgemeiner Unsicherheit etc. und er spaltet die Gesellschaft, die um so leichter regierbar wird. Es wird eine Endlosdebatte von zwei Positionen aus geführt, die des Ethnokitsches, die Gewalttäter in die Arme schließt, und die der Staatsräson, die selbige Täter, die zugleich Opfer sind, aufs Haupt schlägt. Läuft doch eigentlich ganz gut und lenkt von den wirklichen Problemen ab, die uns unweigerlich einholen werden.

Wenn die Münchner Kammerspiele sich brisanter politischer Themen annehmen, ist das durchaus lobenswert. Allerdings sollten sich die Mitarbeiter bewusst sein, dass es sich um ein Theater handelt, an das gewisse Anforderungen gestellt werden. Und sie sollten sich zu einer Haltung durchringen und nicht ins allgemeine Geschwafel einstimmen. Es ist schwer zu glauben, dass die Prämissen bei den Theatermachern so sind, wie sie erscheinen, wenn im Internet über die Vorgänge im November 2005 in Frankreich berichtet wird: "10.000 Autos gingen damals in Flammen auf, die Schäden beliefen sich auf 250 Millionen Euro, 5.000 Jugendliche wurden verhaftet, 600 verurteilt." Man betrachte einmal genau die Reihenfolge der aufgezählten Schäden.

 
Wolf Banitzki

 

 


Hass

nach dem Film von Mathieu Kassovitz

In einer Fassung von Sebastian Nübling, Julia Lochte und Ensemble

Katja Bürkle, Brigitte Hobmeier, Katharina Schubert

Regie: Sebastian Nübling
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