Kammerspiele Die Ehe der Maria Braun von Rainer Werner Fassbinder


 

 

Fassbinder mutiert zur Ikone

Beinahe 30 Jahre ist es her, dass Rainer Werner Fassbinder "Die Ehe der Maria Braun" , seinen 38. Film, der zugleich der Startschuss für seine BRD-Trilogie war, drehte. Dieses Werk ist nicht nur in künstlerischer Hinsicht eine Meisterleistung, es ist zugleich ein aufschlussreiches Zeitdokument, das in seiner gesellschaftlichen Komplexität aussagekräftiger ist als jedes Geschichtsbuch. Fassbinder wusste um den zwingenden Zusammenhang zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Leider war seine Zukunft sehr beschränkt und in Hinblick auf das Remake an den Münchner Kammerspielen ist dies vielleicht von Vorteil. Da das kulturell gebildete deutsche Publikum ohne Zweifel den Film kennt, kann auf eine detaillierte Handlungsangabe verzichtet werden.

In "Die Ehe der Maria Braun" handelte der Filmemacher, um es grob zu umreißen, die folgenreichste Periode deutscher Geschichte ab. Ausgehend vom Dritten Reich und deren katastrophalen Ergebnisse schilderte er die Verkümmerung des menschlichen Daseins hin zu einem alles beherrschenden Pragmatismus. Der wirtschaftliche Neuaufbau des Landes ging einher mit dem zunehmenden Verlust ideeller Werte, an deren Gipfelpunkt die deutsche Gesellschaft heute angekommen ist. Der Störfaktor "68er Bewegung" ist weitestgehend getilgt, die Inhalte vergessen und ihre Protagonisten zunehmend angepasst. Der Preis: Deutschland war noch nie so reich an materiellen und noch nie so arm an geistigen Werten. Dies spiegelte die Inszenierung als Tatsache an sich ungewollt wider.
 
 

 
 

Hans Kremer, Jean-Pierre Cornu, Brigitte Hobmeier, Bernd Moss

© Arno Declair

 

Befragt man das Theaterstück und seinen inszenatorischen Ansatz nach dem Anliegen, so bleibt kaum mehr als eine Retrospektive übrig. Eine mentale oder auch ästhetische Fortsetzung erfährt weder der Film noch der dramatische Text. Das ist zweifellos Zeitgeist. Fassbinder wurde damit durch den Regisseur Thomas Ostermeier zu einer populären Ikone gemacht und zugleich jeglicher Wirkung beraubt. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis sein Konterfei auf Designer-Shirts auftaucht, getragen von Menschen, die über Fassbinder kaum mehr wissen, als dass er drogensüchtig und schwul war. Die Vermarktungsmaschinerie hat ihn eingeholt.


Wäre Thomas Ostermeier dem Geist Fassbinders gefolgt, dann hätte am Ende mit aller Eindringlichkeit stehen müssen, dass auch wir heute noch immer die geschädigten Nachkriegskinder, ausgeliefert und zunehmend wehrlos, sind. Doch nichts von alledem fand statt, so nahmen Schauspieler und Inszenatoren artig den frenetischen Applaus am Premierenabend hin und fühlten sich bestätigt. Wenn die Kammerspiele glauben, sie seien mit der Verpflichtung eines so hoch gehandelten Regisseurs auf der sicheren Seite, muss widersprochen werden.

Ohne Zweifel ist Ostermeier ein theatralisches Vollblut, der sein Metier beherrscht und zudem noch einen eigenen Weg geht. Im vorliegenden Fall war dieser Weg jedoch eine Sackgasse. Nina Wetzel hatte ein Bühnenbild entworfen, in dem der stickige Mief der drei Nachkriegsjahrzehnte atmete. Vornehmlich aus Sitzgruppen bestehend, musste der Raum Nachkriegswohnung, Bahnhof, Zugabteil, Firmenbüro, Villa, etc. vorstellen können. Thomas Ostermeier fand für alle Orte und für die Wege in diese wunderbare und zum Teil erstaunliche Lösungen, die faszinierend anzuschauen waren. Videoprojektionen leisteten sowohl Orts- wie auch Gesinnungszustände. Er inszenierte treffsicher mit jugendlicher Laxheit. Die Schauspieler schlüpften für das Publikum sichtbar in immer neue Rollen. Die Momente des Spiels standen einer Vielzahl von Umzügen und Wandlungen gegenüber. Daran war nichts Störendes. So bewegten sich die Schauspieler mit fast privater Lässigkeit am Rande des eigentlichen Geschehens. Dieser Ansatz ist durchaus legitim, kann aber bei mangelnder Disziplin fatale Folgen haben. Hans Kremer, dessen künstlerische Seriosität bislang unbestritten war, tappte dann auch in diese Falle. Er verkörperte insgesamt 12 Rollen, darunter die der Mutter Maria Brauns. Dabei chargierte er nicht selten hemmungslos, stieg wie es schien kurzzeitig aus der Rolle aus und hielt, kaum zu glauben, dass dies so vorgesehen war, ohne jede dramaturgische Sinnfälligkeit sein Geschlechtsteil in die Kamera. Lacher brachte es allemal. Ebenso eine Hintergrundszene mit Bernd Moss, der unter anderem den Liebhaber der Mutter verkörperte. Snacks aus den Hinterbacken zu speisen ist wahrlich keine ästhetische Leistung, eher Schmierentheater.

Diese fatalen Einlagen waren kaum dazu angetan, die Hauptdarstellerin Brigitte Hobmeier zu unterstützen, die sich wacker schlug. Es wurde sehr schnell deutlich, dass sie sich intensiv mit der Darstellung von Hanna Schygulla im Film auseinandergesetzt hatte. Die Ähnlichkeiten in Bewegung und Sprechduktus waren unüberseh- und hörbar. In den ansehnlichen Roben von Kostümbildnerin Ulrike Gutbrod stand sie der Filmmaria nicht nach. Steven Scharf hielt dem Vergleich zu Klaus Löwitsch nicht stand. Wenn er, sehr jungenhaft wirkend, von Kanada und Australien sprach, glaubte man ihm nicht wirklich. Jean-Pierre Cornus Darstellung von sechs Rollen war untadelig, wenngleich sein letzter Auftritt als Notarin gehörig zum Spaßfaktor der Inszenierung beitrug.

Wer glaubt, er hätte mit diesem Stück eine kongeniale Arbeit zu Fassbinders Film gesehen, dem sei dringend angeraten, sich das Fassbindersche Werk noch einmal anzuschauen. Verglichen mit dem Film wird eine große Dürftigkeit sichtbar. Und angesichts dieses Ergebnisses drängt sich zudem die Frage auf, warum dieser Film überhaupt auf die Bühne musste?


Wolf Banitzki

 

 

 


Die Ehe der Maria Braun

von Rainer Werner Fassbinder

Drehbuch: Peter Märthesheimer, Pea Fröhlich

Brigitte Hobmeier, Jean-Pierre Cornu, Hans Kremer, Steven Scharf , Bernd Moss

Regie: Thomas Ostermeier
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