Kammerspiele Trauer muss Elektra tragen von Eugene O'Neill


 

 

Funfaktor des Untergangs

Eugene O´Neill, Sohn eines Schauspielers, der die Familie durch Lebensweise und Alkoholismus nachhaltig geschädigt hatte, war ein Sinnsucher und als solcher Kind seiner Zeit. Unter dem Eindruck des ersten Weltkrieges und den modernen Lehren der Psychologie und der Psychoanalyse gelangte er zu sehr unamerikanischen Einsichten. Er wandte sich vom "American Way of Life" ab und entwarf in seinen Dramen Lebensbilder, die zutiefst desavouierend waren.

In den Jahren 1929 bis 1931 schrieb der Dichter mit "Mourning becomes Elektra" sein umfassendstes Werk. Er griff auf die von Aischylos verfasste Tragödie "Orestie" zurück und transponierte den gigantischen Stoff in die amerikanische Wirklichkeit. O´Neill glaubte an die Unentrinnbarkeit aus der Determination des menschlichen Wesens in seiner Triebhaftigkeit und in seinem sozialen Umfeld. Als Freudanhänger verstand er ersteres als zwingend. Zitat O´Neill: "Ich glaube nicht, dass eine Idee einem Publikum übermittelt werden kann, außer durch Charaktere."

Auch O´Neills Drama versteht sich wie die "Orestie" als Tragödie. Er nutzt die überragende Geschichte, die angefüllt ist mit Folien menschlicher Konflikte und Verhaltensweisen, auch und vor allem wegen ihrer brillanten und schlüssigen Dramaturgie. Dennoch ist sein Entwurf gänzlich andersartig, da eine Lösung wie bei Aischylos, der letztlich die Götter bemüht, nicht existiert. Der Untergang einer Dynastie und der von ihr getragenen Ideen ist Zweck und Ziel. Dieses gewaltige Thema ist seit gut 75 Jahren eine permanente Herausforderung für das Theater. Und das aus gutem Grund, wie O´Neill erklärt: "Es ist nur das heutige Tagesurteil, dass das Tragische ‚Unglück' bedeutet. Die Griechen und die Männer aus der Shakespearezeit wussten das besser. Sie fühlten das gewaltige Leben innerhalb der Tragödie. Sie erhob sie zu einem tieferen Verstehen des Lebens, sie sahen ihr Leben veredelt durch sie."
 
   
 

Oliver Mallison, Anna Böger, Michaela Steiger

© Arno Declair

 
 
Wer diesen Gedanken folgt, hofft in der Inszenierung in den Münchner Kammerspielen vergeblich auf Erleuchtung. Regisseur Stefan Pucher setzte die monumentale Tragödie in eine bunte, lautstarke und aufregende Lightversion um. Es liegt auf der Hand, dass ein gut zweihundertseitiges Werk Federn lassen muss, wenn es auf zwei Stunden Spielzeit eingekürzt wird. Vier Rollen blieben auf der Strecke, die jedoch durchaus sinnfällig durch einen antiken Chor, gespielt von Peter Brombacher und Walter Hess im Westerndress, ersetzt wurden. Was aber, wenn sich das Stück hernach im wesentlichen nur noch mit den Federn schmückt, auf die eigentlich verzichtet werden könnte? Die Inszenierung erzählte die Dreigenerationen-Saga stringent und für jedermann und jederfrau verständlich. Die Konflikte wurden benannt aber nicht ausgetragen. O'Neill, der ganz auf die Psychologie und ihre archaische Verankerung pocht, blieb unerhört - oder besser: ausgesperrt.

Nach dem Inszenierungsansatz geforscht, bleibt nur eine Antwort. Pucher entdeckte Soapopera-Elemente in dem Werk und meinte wohl, man könne dem Werk eine letzte Lesart angedeihen lassen, bevor es dann eingemottet wird. Er kann kaum ernstlich darauf gehofft haben, einen ähnlichen Erfolg wie "Vom Winde verweht" einzufahren. Also bleibt nur der Schluss, dass er das Stück in seiner kitschigen, pompösen und zeitlich irrelevanten Anlage zu Grabe tragen wollte. Dabei sollte es recht lustig werden. Alle Multimediaregister wurden gezogen. Bilder flimmerten kommentierend über eine kolossale Leinwand, mehr oder weniger gelungene Musik und Gesangseinlagen plätscherten oder dröhnten aus den Lautsprechern und mitten drin die Akteure in Kostümen aus der Zeit der Sezessionskriege. Die Damen agierten in großen Roben wie Scarlett O'Hara, die Herren waren uniformiert und mit Spitzbärten wie die Enkel General Custers. Das Mannonsche Anwesen war zu einem Hightech-Iglu geschrumpft, auf dessen weißer Bespannung billige Metaphern flimmerten. Für Bühne und Kostüme zeichneten Barbara Ehnes und Annabella Witt verantwortlich.

Die hochkarätigen Darsteller waren nicht selten dazu gezwungen zu chargieren, um das Unzeitgemäße des Stückes sichtbar zu machen. So geschehen in einer Szene zwischen Christine Mannon und Adam Brant (Michaela Steiger und Stephan Bissmeier). Es gab Lacher. Überhaupt hätte man meinen können, es handelte sich um eine Komödie. Allerdings war die Regie nicht konsequent. Der Abschlussmonolog Lavinias (Katharina Schubert) fiel nach ihrer Heavy-Metall-Gesangseinlage ("I don't feel no more…") hochdramatisch aus. Ein Konzept war angesichts der Unterschiedlichkeit des Spielgestus nicht ablesbar.

Diese Inszenierung leistet keinen Beitrag zum besseren Verständnis und zur Bewältigung des Werkes von Eugene O'Neill. Es war lediglich eine ästhetische Polemik wider den Text, die immerhin eines bediente: den Zeitgeist. Das Publikum hatte einen kurzweiligen Abend und bis auf wenige verstörte Gesichter sah man Heiterkeit und Zustimmung. Stefan Pucher gehört der Riege von Regisseuren an, die in der Tradition der Alles-Zerstörers Frank Castorf agieren. Leider gelangen sie über den Meister, der einstmals Notwendiges leistete, nicht hinaus. Sie machen keine Angebote, die die bloße Zertrümmerung überwinden. Aber auch damit sind sie fest im Zeitgeist verankert, der da lautet: skrupellos zerstören, gut Geld damit verdienen und richtig Spaß dabei haben.

Stimmt nicht? Zum Beweis drei Nachrichten aus München vom Premierentag: Siemens beseitigen über Handlanger mehr als 3000 Arbeitsplätze, die Vorstände erhöhen sich die Diäten um ein Drittel und einer der Vorstände bekennt im Rundfunk freimütig, dass der Funfaktor für ihn das Wichtigste ist.

 
Wolf Banitzki

 

 


Trauer muss Elektra tragen

von Eugene O'Neill

Stephan Bissmeier, Michaela Steiger, Katharina Schubert, Oliver Mallison, René Dumont, Anna Böger, Peter Brombacher, Walter Hess

Regie: Stefan Pucher
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