Kammerspiele Lulu live von Feridun Zaimoglu


 

 

Ein Abend in beklemmender Leere

"Eine originalgetreue Inszenierung der Lulu von Wedekind wäre lediglich ein Kommentar. Mich interessieren vielmehr die Gründe, die eine große Empörung hervorriefen und die zunächst zum Aufführungsverbot des Stückes führten." Luk Perceval

100 Jahre ist es nun her, dass sich Preußens oberste Zensurvollstreckungsbehörde, das Königliche Landgericht zu Berlin zum Verbot durchrang. Schwer fiel es den Talarträgern nicht. Seither ist Wedekinds Stück nicht mehr wegzudenken von deutschen Bühnen, denn das Thema ist so aktuell wie vor einem Jahrhundert. Mag sein, dass Teile der Gesellschaft mit Pornografie, die ja im heutigen Verständnis gar nicht im Stück vorkommt, keine Probleme mehr hat, das Problem der Bigotterie, der Falschzüngigkeit, des verhohlenen und auch unverhohlenen Betrugs, der Prostitution ist seiner Lösung keinen Schritt näher gekommen.
 
   
 

Hildegard Schmahl, Henriette Schmidt, Annette Paulmann

© Andreas Pohlmann

 

 

Werfen wir einen Blick auf die Wedekindsche Lulu. Sie ist eine schlicht gestrickte junge Frau, die, aus desaströsen sozialen Verhältnissen herkommend, nichts hat als ihren Körper. Den verhökert sie meistbietend und gelangt so in die bürgerliche Institution Ehe. Diese zerbricht aber bald, als sie ihrem aufrichtigen und sehnsuchtsvollen Gefühl nach Liebe nachgibt. Ihr Weg ist eine schiefe Ebene und es geht gnadenlos abwärts. Am Ende ist ein Messer.

Die Menschen um sie herum sind zumeist wohlbeleumdete Mitglieder der Gesellschaft, was Wedekind die Möglichkeit gab, die Verlogenheit des gesellschaftlichen Daseins so entlarvend darzustellen. Wedekind war Realist und sein Entwurf ist ein genialischer, was nicht zuletzt die Aufführungstradition des Stückes belegt.

Um dem Perceval/Zaimoglu/Senkel - Entwurf folgen zu können, um hinter den banalen, unartifiziellen und weitestgehend belanglosen Mono- und Dialogen eine tiefgründige Geschichte zu erkennen, bedarf es der Kenntnis des Wedekindschen Textes. Diese Tatsache verleitet dann doch zu der These: Percevals "Lulu Live" ist erst einmal nichts mehr als ein zeitgenössischer Kommentar zu Wedekinds Stück. Warum also?

Luk Perceval: "Heutzutage ist die sexuelle Ausbeutung in Form von Pornografie zu einem globalen Phänomen geworden." Global ist unbestritten, aber wohl kein Phänomen. Etymologisch ist dieses Wort aus dem Griechischen von "phainómenon" abgeleitet, was soviel bedeutet wie: das Erscheinende, das Einleuchtende, die Himmelserscheinung. Es ist nichts Phänomenales an diesem Vorgang, wenn die ganze Welt global wird. Vielmehr könnten wir gerade an der sexuellen Ausbeutung alle wichtigen Mechanismen der Ausbeutung, und diese ist ein substanzieller Faktor des kapitalistische System, ablesen. Das System basiert auf Angebot und Nachfrage. Was könnte eine größere Nachfrage als der dominanteste Trieb im Menschen, der Geschlechtstrieb, erzeugen, - was einen größeren Markt schaffen?

Man muss schon die Blauäugigkeit des Erfinders des Internets bewundern, der sich voller Abscheu von seinem eigenen Werk abwandte, als er bemerkte, das die Pornografie die erste globale Unternehmung war, die im vollen Umfang von diesem Medium Besitz ergriff.

Was ist also die neue Qualität in "Lulu Live", die über Wedekind hinausging? Ich kann sie nicht entdecken. Ich sehe aber etwas anderes, was das Spektakuläre des Vorgangs ausmacht. Perceval, der zweifellos sehr ambitioniert nach neuen Formen sucht, die das Theater seiner Meinung nach braucht, schafft ein Werk, welches vorgibt, mit den Sehgewohnheiten zu brechen.

Katrin Brack schuf eine Bühne, die eigentlich keine mehr war, sondern sich auf eine Projektionswand beschränkte, gleich der eines Kinos. Vor der Wand einige Stühle, auf denen im Gegenlicht - und also nur als Kontur - Schauspieler Platz nahmen, um den Vorgängen zuzuschauen, ähnlich einer Peepshow. Die Leinwand war abwechselnd Screen für Chatdialoge des Internets, für Videoeinspielungen und Schattenspielfläche für die dahinter agierenden Schauspieler. Perceval erreicht damit ein Höchstmaß der Entfremdung, denn die Vorgänge waren zeitversetzt, zum Teil surreal anmutend und alle Dimensionen aufbrechend. Die Monologe und Dialoge waren keine Kunstsprache mehr, klangen wie aufgeschnappte Gespräche über Befindlichkeiten. Sie waren vergleichbar mit den Sprachmarathon-Vorgängen von Pollesch in "Schändet eure neoliberalen Biografien". Auch Perceval folgt hier der Castorf'schen Prämisse, "dass die Schauspieler von den künstlerischen Zwängen befreit werden müssen". Schauspieler gebt Acht, dass ihr das Wichtigste, euer künstlerisches Vermögen, nicht einbüßt. Am Ende bleibt dann nur die Prostitution!

Luk Perceval, der hier eine Welt baut, die längst in die Ecke der "schmuddeligen" Klassiker geräumt wurde, nämlich der psychedelischen LSD-Kunst (Diese Retro-Bewegung hat im Moment eine Renaissance!), versteht sich als Provokateur. Leider bleibt das Anliegen der Provokation weitestgehend verborgen. Also Provokation der Provokation wegen? Das wäre müßig, denn auf diesem Terrain der Inhaltslosigkeit schlagen sich die Medien viel wackerer. Was als visuelles Ereignis geplant war, geriet zu einem Abend in beklemmender Leere. Physisches und psychisches Unbehagen war das Ergebnis.

Es wäre schön, wenn man nach dieser Inszenierung auch etwas über die Schauspieler sagen könnte. Das erscheint aber kaum möglich, denn bis zur Verbeugung waren sie weitestgehend unsichtbar oder auf Schatten in Schwarz-Weiß oder Bunt reduziert. Ist dieses Theater noch ein kollektiver Traum oder nur die Obsession eines Regisseurs? Als eifriger Kammerspiele-Besucher konnte man die Darsteller wohl an der Stimme erkennen. Allerdings hörte man kaum mehr als die Bemühung, das Ungestalte zu gestalten.

 
Wolf Banitzki



 


Lulu live

von Feridun Zaimoglu

Julia Jentsch, Christoph Luser, Peter Brombacher, Hildegard Schmahl, Annette Paulmann, Oliver Mallison, Bernd Grawert, Stephan Bissmeier, Henriette Schmidt

Regie: Luk Perceval
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