Kammerspiele Vor Sonnenaufgang von Gerhart Hauptmann


 

 

Vor Sonnenaufgang ist nach Sonnenuntergang

Als Otto Brahm am 20. Oktober 1889 um 12 Uhr mittags das Erstlingswerk des fünfundzwanzig-jährigen Gerhart Hauptmann im Berliner Lessing-Theater zur Uraufführung brachte, gerann die ganze Geschichte zu einem handfesten Theaterskandal, dessen Anekdotenträchtigkeit noch heute die Annalen der Theatergeschichte speist. Beneidenswerte Zustände (für das Theater) herrschten damals. Die Aufführung war nur im geschlossenen Kreis eines kleinen Vereins möglich, denn die preußische Zensur wütete gnadenlos. Den anwesenden Journalisten oblag es, das Ereignis deutlich nachvollziehbar einer breiten Masse zugänglich zu machen. Das soziale Anliegen war strafrechtlich relevant, weil revolutionär, und darum um so interessanter und spannender. Welche Voraussetzungen könnten besser sein für Theatermacher, die ein soziales Anliegen haben, als derartige repressive Zustände. Das schafft Begehrlichkeiten beim nach Wahrheit und Aufklärung dürstenden Publikum. Ungeachtet dieser Verhältnisse waren die Theatermacher und auch das Publikum hinreichend kritikfähig, die Schwächen des Erstlings zu erkennen und wäre Hauptmann nicht zum Krösus der deutschen Literatur aufgestiegen, wäre das Stück wohl dem Vergessen anheim gefallen.

Der junge Hauptmann, Kind wohlsituierter Eltern, erlebte den sozialen Niedergang in einen brutalen Manchesterkapitalismus am eigenen Leib. Er hing sozialrevolutionären Ideen an und verhielt sich künstlerisch zeitgemäß, in der Ästhetik des Naturalismus. Allein, zum Klassenkämpfer wurde er nicht. "Vor Sonnenaufgang" ist ein sozialkritisches Drama über das Schicksal oberschlesischer Bauern, von denen einige durch den Kohlebergbau zu immensem Reichtum gelangt sind, der sie in hemmungslose Genussmenschen und gnadenlose Ausbeuter verwandelte. Der Reichtum war ihr Totengräber, die Gehilfen der Alkoholismus und die Gier. Unter ihnen lebt ein Fremder, der sozialistische Schriftsteller Alfred Loth. Loth ist ein ideologischer Fanatiker, ein Weltverbesserer reinsten Wassers, der die Verhältnisse studieren, offen legen und verändern will. Doch dann verliebt sich Loth in Helene Krause, die Tochter des reichen Unternehmers Krause, der sich dem Alkoholismus gänzlich ergeben hat. Und nun offenbart sich die bedeutsamste Schwäche des Stücks, denn Loth flieht vor der Liebe zu Helene, die sich vor Sonnenaufgang selbst tötet, denn er, wie auch Gerhart Hauptmann, glaubten an eine gesetzmäßige Vererbung des Alkoholismus. Er entpuppt sich als ein ebenso kleinbürgerlicher Spießer ohne Courage, der seinen Idealen des Humanismus nicht treu bleibt. Das ist der Plot der Geschichte und eine weitere Verengung der Aussage des großangelegten Dramas.
 
   
 

Michael Neuenschwander, Stephan Bissmeier

© Andreas Pohlmann

 

Thomas Ostermeier schreibt das Stück um, versucht ansatzweise die Schwächen auszubügeln und aktualisiert die Geschichte. Die Aktualisierung geschieht jedoch nicht dezent, sondern eher brachial. Er verlegt die Handlung in eine globalisierte Welt nach Asien und belegt die ausbeuterischen Vorgänge (deutscher) Kapitalisten mit Zahlen und Fakten. Ökologische Lehrsätze und statistische Daten werden in die Unterhaltung der Akteure eingeflochten. Letztlich wird das Stück nicht schlüssiger, sondern nur andersartig brüchig. Der Zuschauer erlebt ein Lehrstück a' la Brecht, jedoch ohne dessen inhaltliche Stringenz, zwingende Dialektik und Sprachgewalt.

Das Bühnenbild von Rufus Didwiszus vermittelte ein tropisches Paradies und die koloniale Behausung der Familie Krause mit Blick auf den Regenwald war harmonisierend. Videoprojektionen schufen eine Grundstimmung von natürlicher Vollendung, die gegensätzlicher zur Geschichte nicht sein konnte. Der Zuschauer erhielt Einblicke in eine exotische Hölle. Ostermeier ist kein Regisseur der Bilder am Text vorbei entwirft, was ein Vorzug der Inszenierung ist.

 

Die Geschichte lässt sich behäbig an, als Stephan Bissmeier als Alfred Loth die Bühne betritt und die Katastrophe einläutet. Er ist ein Schauspieler des Understatements. Fast möchte man meinen, er sei ein Kaltblüter. Doch wenn emotionale Kulminationspunkte der Handlung erreicht werden, offenbart sich die Kunst dieses exzellenten Darstellers und der Zuschauer stürzt in tiefe Betroffenheit. Bissmeier ist ein Magier mit den Mitteln des Weglassens. Ganz anders Michael Neuenschwander, dessen neureicher Hoffmann raumgreifend, polternd und besitzergreifend daherkam. Im Duett der beiden standen sich nicht nur zwei unterschiedliche Gestalten, sondern auch zwei Welten gegenüber, die zwingend dem Untergang geweiht sind. Julia Jentsch absolvierte ihren Part als Helene Krause anständig, wenngleich ohne wirkliche Höhepunkte. Auffällig im Ensemble war Hildegard Schmahl, deren Rolle als Frau Krause und Oberhaupt des Hauses in der Aussage zwar begrenzt war, die aber in ihrer bösartigen verachtenden Haltung zum höchstentwickelten Exempel ihrer Klasse wurde. Paul Herwigs Dr. Schimmelpfennig, ebenfalls Studienkamerad von Loth, ist eine weitere Facette im dekadenten Gessellschaftsgespinst. Er meint, es geschafft zu haben. Viele Privatpatienten sichern ihm Wohlstand. Herwig vermittelte glaubhaft, dass diese Figur nur eine weitere Made am "Volksköper" sei. Er gehört, um es mit Dante zu sagen, zu den sittlich Lauen, zu denen, die sich im entscheidenden Augenblick heraushalten.

Ostermeiers Anliegen war unübersehbar. Er verhielt sich deutlich zum Zeitgeist, wie es seinerzeit auch Hauptmann getan hat. Doch Ostermeier hätte es wohl besser gekonnt, wenn er nicht an Hauptmanns Geschichte gefesselt gewesen wäre. So blieben seine Einfügungen angesichts der kleinbürgerlichen Kritik Hauptmanns an der Gesellschaft und des Umgangs mit dem fraglichen Humanismus Loths plakativ und propagandahaft. Zudem hatte die Inszenierung gelegentlich Längen, die der zum Teil dünnblütigen Handlung entsprangen und die Ostermeier mit seiner Bildhaftigkeit nicht kaschieren konnte.

Alles in allem war diese Inszenierung ein lobenswerter Versuch um nachhaltige Aufklärung, die jedoch angesichts der künstlerischen Ungeschlossenheit keine durchschlagende Wirkung erzielen konnte. Letztlich entpuppte sich Hauptmanns Vorlage für dieses Anliegen nicht als eine genialische.

 
Wolf Banitzki

 

 


Vor Sonnenaufgang

von Gerhart Hauptmann

Peter Brombacher, Hildegard Schmahl, Julia Jentsch, Michael Neuenschwander, Murali Perumal, Stephan Bissmeier, Paul Herwig, Joel Olaño, Narudee Sriprasertkul

Regie: Thomas Ostermeier
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