Kammerspiele Konzert zur Revolution von Schorsch Kamerun


 

 

Hoffnungslos

Ein wenig darüber reden, ein wenig davon darstellen, ein wenig Anregung in der Unterhaltung. Die Revolution in Deutschland hat eine besondere Stellung. Betrachtet man die Vergangenheit, „Die Geschichte tut nichts.“, so stellt man fest, dass hierzulande von Revolution, stürmischer Änderung durch Menschen also, wohl kaum gesprochen werden kann. Vielmehr sind es kleine Versuche einiger Weniger, die wie Aufstände in gut bewachten Kasernen stattfinden, und ein wenig Linderung in die Härte des umfassenden Kommiss bringen. Künstlern die es wagen sich dem entgegen zu stellen, bleibt nur das Exil. – „Der Zollverein – bemerkte er – / Wird unser Volkstum begründen, / Er wird das zersplitterte Vaterland / Zu einem ganzen verbinden. / Er gibt die äußre Einheit uns, / Die sogenannt materielle; / Die geistige Einheit gibt uns die Zensur, / Die wahrhaft ideelle –“ so Heinrich Heine 1844 in Wintermärchen - „Ganz gewiss nämlich lag in allem Schönen, in jeder Kunst etwas Humanes, aber dieses Humane entzückte und rührte stets nur, zerfloss wieder und blieb ohne tiefer gehende Wirkung. Auch die Kunst war etwas wie Opium für das Volk“, schrieb Oskar Maria Graf 1965. (Zitate Programmheft)

Schorsch Kamerun warf einen Blick auf die Vergangenheit, die Revolution und die 26 Tage der Räterepublik Bayern, um in der Gegenwart anzuregen und diese daran zu messen. Ist Revolution in einer apathischen satten und medial überfütterten Gesellschaft überhaupt noch möglich? Die eindeutige Antwort heißt nein, und Schorsch Kamerun führte diese dem Zuschauer vor Augen. Doch zuvor kam Opium für das Volk, das kulturinteressierte, auf die Bühne. Autor, Regisseur und Darsteller Kamerun agierte im Kostüm Lenins, allein es fehlt ihm die russische Kraft und Leidensfähigkeit, und was blieb war der Eindruck eines „Timmendorfer Jung“ der vor dem Münchner Rathaus mutig, doch vergeblich um Aufmerksamkeit rang. Zu mächtig wirkte das Bauwerk im Hintergrund. „Guten Tag. Liebes Publikum, eines gleich vorweg: Wir sind beide erledigt. ... ... Als formulierter Wunsch. Und auf einmal ist es Wahrheit.“ , seine Worte dazu. Den Ausführungen auf dem belebten Platz wurde von den Passanten keine Aufmerksamkeit zuteil. Revolution? – kein Interesse! Dennoch, in dieser Welt kann der Versuch künstlerisch politisch aufmerksam zu machen, gar nicht hoch genug geschätzt werden.

Josef Bierbichler, Wiebke Puls und Steven Scharf rezitieren Texte von Oskar Maria Graf, Erich Mühsam, Kurt Eisner und Ernst Toller, aus dessen Stück „Hoppla, wir leben!“ (gewidmet Erwin Piscator und Walter Mehring 1927) auch Dialogpassagen vorgetragen wurden. Das Revolutions-Orchester mit bewegenden Kompositionen von Carl Oesterhelt, welche kein deutliches musikalisch emotionales Aufbegehren enthielten, spielte ausgezeichnet. Vielmehr blieb eine drei bis vierminütige Passage im Gedächtnis, in welcher ein kurzes Motiv wieder und wieder wiederholt wurde. Es ändert sich nichts. Es ändert sich nichts. Videoprojektionen mit Filmsequenzen, wie von Ernst Toller bereits in den Regieanweisungen zu seinem Stück gefordert, ergänzten das Konzert.
 
   
 

Schorsch Kamerun, Wiebke Puls, Steven Scharf
Juan Sebastian Ruiz Kontrabass

© Andrea Huber

 

 

Techniker und Bühnenarbeiter errichteten ein Gebäude hinter den an der Rampe sitzenden Musikern, Richtfest wurde zelebriert und der vorübergehende Aushang roter Fahnen (Bühne Jania Audick). Kurt Eisner, alias Josef Bierbichler beschritt nachdenkend, in das Studium eines Papieres vertieft, das Dach. Die Darsteller saßen am Biertisch zwischen den einzelnen Vorträgen, griffen zu Glas, Zigarette und Radi, gemeinsam mit Bühnenarbeitern und Technikern.

Verwiesen wird auf die „Ausnahme-Deutschen“ , welche im Exil dem allgegenwärtigen Kommis zu entfliehen suchten. Die Bewohner des Monte Verita über dem Comer See, „... die ganzen Vegetarianer, und Freiluftkuranhänger, die ethischen Professoren und ältlichen Jungfrauen, die Körner- und Grasfresser, Maler, Literaten, die sich in einer Art ethisch-sozial-vegetarisch-kommunistischer Siedelei zusammengefunden hatten, ...“, wie der Eisner Darsteller Josef Bierbichler sie nannte. Sie sind immerhin die Vorläufer und Ideengeber für die Generation der 68ziger, in freier Liebe, Freikörperkultur und naturbewusster Ernährung.

Deutlich machte die Aktion, dass Idee, Kunst und Bürokratie bislang einander ausschlossen. Denn jede noch so klare und gute Idee scheiterte an den Besitzstandswahrern und den Kleingeistern, die sich an Umsetzungen machten, denen sie die Maßstäbe des erfahrungsgemäßen Machbaren anlegten, bildhaft gesprochen, indem sie neues Bier in die alten bereitstehenden benutzten Krüge füllten.

Immerhin eine Feststellung könnte lauten: Die praktizierte feudalistische Plutokratie ist die seit jeher gewohnte Staatsform, zudem kleidet sie sich in modernes demokratisches Gewand, erlaubt dem Bürger Wünsche zu äußern und auf Zetteln seine Stimme zu vergeben. Nicht Steine in Fenster, lautet ihr Motto, sondern Zettel in Kästen werfen, um sich gewaltlos an die allgewaltige Bürokratie zu wenden. An die Bürokraten, die sich als Diener des Staates, des Volkes sehen und längst die Haltung von deren Herren angenommen haben. Schließlich, sie sind die Volksvertreter in der Realität, in der die wahren Machthaber in der Industrie sitzen und die Forderungen stellen, die Handlungsräume vorgeben, in denen vorformulierte Wünsche Gehör finden und die Bedürfnisse vorgeben, die sie den Bürgern zuzugestehen gewillt sind. Dies ist immerhin mehr, als Genossen in ideologisch totalitären Diktaturen zugestanden wird, könnte man hier einwenden. Das ist korrekt, doch es als freie Gesellschaft zu bezeichnen, ist Irreführung.

Eine echte Demokratie kann nur unter gebildeten Bürgern zustande kommen, die sach- und weniger interessensbezogen agieren. Doch die Bürokratie spart gerade an der Bildung, zensiert durch Reduktion. In der Kunst spart diese auch, wie Schorsch Kamerun mit der Zwangsräumung des Orchesters durch die Bühnenarbeiter gelungen veranschaulichte. Sie erspart sich verbale Steinewerfer, Idealisten und leider auch wirklich gute Visionen. So bleibt nur die Hoffnung auf ... möglichst viele anarchische Gruppen, auf anderen neuen „Monte Verita‘s“ und ein gutes bayerisches Bier nach der Inszenierung.


C.M.Meier

 

 


Konzert zur Revolution

von Schorsch Kamerun

Josef Bierbichler, Schorsch Kamerun, Wiebke Puls, Steven Scharf
Revolutionsorchester München: Micha Acher, Gertrud Schilde, Joerg Widmoser, Andreas Höricht, Tobi Weber, Mathis Mayr, Jost Hecker, Juan Sebastian Ruiz, Carl Oesterhelt, Salewski
Attac-Chor München

Regie: Schorsch Kamerun
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok Ablehnen