Kammerspiele Der Krieg von  Carlo Goldoni / Heinrich von Kleist


 

 

Reden wir über Krieg!

Es ist doch immer wieder eine Freude, ein gutes Programmheft in die Hand zu bekommen, um sich vorab einzulesen. Gerade bei einem „theatralen Doppelprojekt“ wie „Krieg“, bestehend aus Auszügen aus den Stücken „La Guerra“ von Carlo Goldoni und "Robert Guiskard" von Heinrich von Kleist macht es Sinn, eingeführt zu werden. Und schon der Prolog lässt keinen Zweifel aufkommen: Es geht auch um die heutige Bundesrepublik, die sich in einem Krieg im fernen Afghanistan befindet, auch wenn den Politikern das Wort Krieg nicht über die Lippen kommen will, weil der Vorgang grundgesetzwidrig ist, aber dennoch stattfindet. Klammheimlich kommt Vorfreude auf, denn man vermutet, dass jetzt endlich einmal einer Tacheles redet.

Bleibt vorab zu prüfen, in wie weit die Texte von Goldoni und Kleist überhaupt tauglich sind, die wesentliche Wahrheit über Krieg in die Welt zu bringen, nämlich: Krieg ist unvereinbar mit dem Ideal von einer menschlichen Gesellschaft. Kleists Text kann es wohl nicht sein, denn obgleich er die Leiden eines Krieges beschreibt, stellt der Dichter den Krieg an sich in diesem und auch in keinem anderen seiner Stücke in Frage. Wie auch, entstammte er doch einer der wichtigsten Militärdynastien Deutschlands, war selbst Militär, sechszehnjährig bereit sein eigenes Blut zu vergießen für nationale Interessen. In den Suizid trieb ihn unter anderem auch der Konflikt, aus dem Militär ausgetreten zu sein, und dennoch nichts (wie er fälschlicherweise annahm) Großartiges geleistet zu haben. Kleist liebte den Krieg! Robert Guiskard ist ein verquastes Militärdrama, wohlgemerkt nur ein Fragment, das über einige wenige traurige Befindlichkeiten in Sachen Krieg nicht hinausgelangt. Und wie sollte Goldoni erst zu neuen Ufern gelangen, ein Dichter, dem die ästhetische Revolutionierung des Theaters hin zur „Natur“, weg von der Maskerade der Commedia dell’arte am Herzen lag, und über den Goethe in seiner „Italienischen Reise“ schrieb: „Großes Lob verdient der Verfasser (gemeint ist hier Goldonis Stück „Skandal in Chiozza“, Anm. W.B.), der aus nichts den angenehmsten Zeitvertreib gebildet hat.“ Aber eben dieses Nichts, von dem Goethe schreibt, ist doch die zutiefst praktische und menschliche Natur, und im Gegensatz zu Kleist gelangte Goldoni zumindest über das wahrheitsverschleiernde Pathos hinaus, was ihn allemal tauglich machte für das Thema.

So kann sich der aufmerksame Betrachter von „La Guerre“ kundig machen über Mechanismen und die Psychologie von Kriegen, und er kann miterleben, wie Krieg die menschliche Natur verdirbt. In Robert Guiskard steht nichts von alledem. Vielmehr kann der unkritische Betrachter „deutsche Tugenden“ erleben, die deutsche Menschen in die verheerendsten Kriege geführt haben, und auf die der Eine oder Andere auch noch stolz sind. Der Unterschied beider Dichtungen basiert z.T. auch auf den Mentalitäten. Der italienische Bürger schätzt das Leben auf sinnlichste Weise und wer kennt nicht den Witz vom Buch der italienischen Helden, das so dünn ist, dass man es nicht einmal binden kann. Die deutsche Nation hat viele Helden. Sie füllen ganze Folianten, sind jedoch zumeist nur noch an Kriegsgräbern zu beweinen. Darum schrieb ein Italiener eine Komödie über den Krieg und ein deutscher Dichter eine Tragödie. Beide Werke leisteten wenig zur Verhinderung von Kriegen, doch die italienische Variante bereitete unbestritten mehr Spaß.

Armin Petras ist ein Regisseur mit überschäumendem theatralischen Einfallsreichtum und einem großen handwerklichen Repertoire. Und so erlebte der Zuschauer an den Münchner Kammerspielen in Ansätzen unterhaltsames und ästhetisch streitbares Theater. Für die Inszenierung schuf Susanne Schuboth zwei schlichte Bühnenbilder. „La Guerre“ wurde durchgängig auf der, von einer hohen Holzwand abgetrennten Vorderbühne gegeben. Für „Robert Guiskard“, die Handlung spielt vor den Toren Konstantinopels, wurde diese Wand nach hinten umgelegt und somit Bestandteil einer schlichten Schräge, die erst auf der Hinterbühne endete. Der Italiener an sich hat es halt gern gemütlich und überschaubar, der Deutsche hingegen liebt Aufmarschplätze.

 
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Thomas Lawinky, Peter Brombacher

© Andreas Pohlmann

 
 
Armin Petras setzte beim Goldoni-Stück auf Komödiantik. Mit Stehgreif-Oper und atemberaubender Akrobatik verlangte er den Darstellern einiges ab, was diese durchaus bravourös zu leisten in der Lage waren. Den Gipfel der Komik erklommen Wiebke Puls (Donna Aspasia), Regina Zimmermann (Lisetta) und Peter Jordan (Don Polidoro) in einer barocken Gesangseinlage. Und auch ansonsten wurde keine Derbheit, wie sie in der Comedia dell’arte fester Bestandteil war, ausgespart. So entblößte sich Peter Jordan in der Rolle des zynisch-korrupten Polidoro unter italienischsprachigen Extempores gänzlich. Kurzzeitige Atemlosigkeit erzeugte der Fall von Lasse Myhr, der als liebender Don Faustino die Bühnenwand erklettert hatte und hilflos daran hing. Tabea Bettin, die gefangene Tochter des militärischen Gegners und von Don Faustino geliebte Frau, wurde nur scheinbar ohne eigenes Zutun zum tragik-komisch anmutenden Element in den stürmischen Gezeiten des Krieges.

Als vollkommenen Kontrast zum Goldoni-Stück gestaltete Armin Petras den „Robert Guiskard“. Geradezu archaisch organisierte er die Handlung aus dem im weiten Bühnenraum hin- und herwogenden Ensemble heraus. Wurde eine Person angerufen, trat diese aus der scheinbar gesichtslosen Masse der Normänner heraus und gestaltete ohne jegliches schauspielerisches Raffinement den reinen Text. Wuchtig, wie der Text von Kleist, gab Wiebke Puls die Helena, verwitwete Kaiserin Griechenlands und Tochter Guiskards. Ebenso dominant und in der physischen Präsenz herausragend, prallte Thomas Lawinky als Robert Guiskard auf seine meuternden Soldaten, die schnell in einen flehentlichen Ton verfielen: „O führ uns fort aus diesem Jammertal! / Führ uns zurück, zurück ins Vaterland!“ Die größte Rolle in diesem verbalen Krieg fiel Thomas Schmauser als vermittelndem Greis zu. Selten sah man diesen Darsteller in den Kammerspielen physisch und sprachlich so diszipliniert und dadurch so akzentuiert. Mit dieser Darstellung gab er sein bemerkenswertes schauspielerisches Format preis. Peinlich für das Publikum und ermüdend war leider die Raufszene zwischen Steven Scharf (Robert, Sohn Guiskards) und  Edmund Telgenkämper (Abälard, Neffe Guiskards), die Armin Petras ganz augenscheinlich nicht choreographiert hatte.

Regisseur Petras bot viele Varianten und Nuancen an, die den Abend über weite Strecken kurzweilig machten, die aber letztlich nur ein künstlerischer Zitatenreigen waren und zu einem theatralischen Eklektizismus führten, der doch immerhin vom Publikum honoriert wurde, in dem allerdings die bissigen Wahrheiten Goldonis untergingen. Von einer ästhetischen Geschlossenheit konnte nicht die Rede sein. Das war wohl angesichts der Komplexität des Projektes, dieses Wort umschreibt es tatsächlich genauer als das Wort Drama, schwer möglich.

Bleibt die Frage, welchen Effekt der Abend zeitigte? Die Kammerspiele bewarben die Unternehmung unter anderem mit folgendem Satz: „Der Umgang mit Krieg als Lebenswirklichkeit steht im Zentrum der aktuellen politischen Debatte und des theatralen Doppelprojekts von Armin Petras.“ Auffällig in diesem Satz ist die Kausalität der Worte „Krieg als Lebenswirklichkeit“ und der „Umgang“ damit. Darin ankert bereits eine Unabänderlichkeit von Krieg, die die Änderbarkeit gar nicht ins Auge fasst. Wir haben es hier also nicht mit dem Versuch zu tun, gegen jeden Krieg, heutig oder künftig, mit der Macht der Kunst anzugehen. Das verrät eine Weltanschauung, die leider nur mit opportunistisch zu beschreiben wäre. Tatsächlich war der Abend, wenn überhaupt, nur ästhetisch provokant. Die Botschaft beschränkte sich auf die Frage: Wie gehen wir damit um? In diesem Sinne: Gut, dass wir mal wieder darüber geredet haben!

 
Wolf Banitzki

 

 


Der Krieg

von  Carlo Goldoni / Heinrich von Kleist

Thomas Lawinky, Tabea Bettin, Peter Brombacher, Steven Scharf, Thomas Schmauser, Lasse Myhr, Edmund Telgenkämper, Peter Jordan, Wiebke Puls, Regine Zimmermann

Regie: Armin Petras
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