Kammerspiele Ludwig II nach dem Film von Luchino Visconti


 

 

Solo für einen Irren

Ludwig II hielt es unbedingt für notwendig, „in Deutschland das Banner der heiligen, reinen Kunst aufzupflanzen, dass es auf hoher Zinne weiterhin weht in der Gaue und die deutsche Jugend auffordere, sich kampfbereit darum zu schaaren.“ Diese Worte schrieb er an den Komponisten Richard Wagner, um ihn gleichsam seiner Unterstützung zu versichern. Wagner erwiderte darauf: „Diese Thränen himmlischer Rührung sende ich Ihnen, um Ihnen zu sagen, dass nun die Wunder der Poesie wie eine göttliche Wirklichkeit in mein armes, liebebedürftiges Leben getreten sind!“ Zwei Künstlerseelen haben sich engelgleich berührt. Die eine trieb es in den Wahnsinn, der anderen bescherte es viele, viele runde Taler.

Visconti setzte dem bayerischen König Ludwig II mit seinem gleichnamigen Film ein Denkmal als eine Persönlichkeit, die an dem künstlerischen Anspruch, den er gleichsam für alle Untertanen erhob, und seiner Berufung zum König zerbrach. ... Und das soll die Wahrheit sein? Wer meint, Ludwig sei ein potenzieller Künstler gewesen, dem sei gesagt, dass Wagner ihn für gutmütig, aber keinesfalls für musikalisch hielt. Nach Wagners Tristanpremiere am 10. Juni 1865 schrieb er dem Komponisten: „Einziger! Heiliger! Wie wonnevoll! – Vollkommen. So angegriffen von Entzücken! - ... Ertrinken ... versinken – höchste Lust. – Göttliches Werk! Ewig treu – bis über den Tod hinaus!“ (Vivian Green: Macht und Wahn)

König Ludwig war der letzte (blaublütige) Monarch Europas in der Reihe wahnsinniger Herrscher seit dem spätrömischen Reich. Er war für das Land Bayern kein Landesherr, sondern eine Katastrophe. Anfang 1884 hatte Ludwig infolge seiner Bauaktivitäten trotz Zuwendungen aus dem preußischen Staatssäckel einen Schuldenberg von siebeneinhalb Millionen Mark aufgetürmt. Ein erstes Ultimatum erging. Das Ergebnis: 1885 hatte er den Schuldenberg fast verdoppelt. In seiner unendlichen Naivität bat er den Herzog von Westminster, den König von Schweden, den türkischen Sultan u.a. um Darlehen. Die waren gesund genug, dieses Ansinnen abzulehnen. Also zog der König (Hört! Hört!) einen Überfall auf die Rothschild-Bank in Frankfurt in Betracht!

Dieser Mann war komplett geistes- und vor allem persönlichkeitsgestört und es ist wahrhaft verwunderlich, dass man es nicht endlich in dieser Konsequenz einsehen will. Der Kult scheint unerschütterlich. Es mag wohl angehen, dass er als Folklore-Ikone herhalten kann, zahlt er doch ohne eigenes Zutun auf diese Weise seine Schulden an die Bayern zurück. Gänzlich unverständlich ist allerdings, dass er als Persönlichkeit in die Nähe der Kunst gerückt wird. Dass Ludwig für die Homosexuellen dieser Welt aus ästhetischen Gründen eine Lichtgestalt ist, Oscar Wilde wäre mir in dieser Rolle lieber, mag ebenso angehen, aber darüber hinaus? Was hat dieser Mann geleistet? Gut, er hat Wagner unterstützt. Nun, der hätte mit Sicherheit einen anderen Deppen gefunden, um sich sein exaltiertes Leben finanzieren zu lassen. Ludwig ging vornehmlich als Erbauer von Schlössern in die Historie ein, die im Kontext der Kulturgeschichte (eine geistige Geschichte) keinerlei Wert haben und lediglich als Kuriositäten durchgehen. Es ist das Scheitern auf ganzer Linie, was dem Verblichenen die Herzen zufliegen lässt, denn er war ein König. Königen darf man so etwas nicht antun. Schon gar nicht darf man Könige in Verzweifelung und in den Tod treiben! Wie lange mag sich dieser romantische Blödsinn wohl noch halten?

Die Kammerspiele haben sich nun, aus mir unerfindlichen Gründen, dieser Figur zugewandt, um den Konflikt zwischen künstlerischem Anspruch und pragmatischem (gesellschaftlichen) Denken aufzuzeigen. Es bedarf viel Fantasie, um einem solchen Ansatz in diesem konkreten Fall zu folgen. So brachte Ivo van Hove eine Szenenfolge aus dem Leben des Königs auf die Bühne, um den Beweis anzutreten, wie schwer es Künstler oder künstlerisch veranlagte oder vermeintlich künstlerisch veranlagte Menschen in einer von der Ökonomie beherrschten Gesellschaft haben.

Jan Versweyveld hatte dafür eine Bühne gebaut, die weiträumig verblieb, schwarze Wände an den Seiten aufwies, auf denen der König sein (Wahn-) Ideen malte, was wie eine Mischung aus Hundertwasser und A.R. Penck aussah. In der Mitte der Bühne war ein Raum mit barockem Interieur platziert, aus dem mit Videokameras auf die Außenwand übertragen wurde. Darin spielten sich die Staatsgeschäfte ab, die Szenen, in denen unmutiger, angewiderter Ludwig als König agierte. Nebenbei, das tat er im realen Leben höchst selten. Außerhalb dieses Raumes erlebte das Publikum den König privat, seine Vertraulichkeiten mit Cousine Sissi, seinen Querelen mit Staatsbeamten, Amouren mit Stallburschen und seine (homoerotisch anmutenden) Kotaus vor Wagner.

Jeroen Willems spielte den König wahrhaft somnambul. Stets in sich gekehrt, mit aufgerissenen Augen und nervösen Fluchtreflexen, spiegelte er einen hochsensiblen, weltverachtenden, sichtlich leidenden Monarchen. In dieser Haltung war weder Kritik an der Figur, noch beförderte es den Realitätssinn. Vielmehr erregte er ständig unterschwelliges Mitleid, was wohl der Grundhaltung aller Ludwig-Verehrer entspricht. Schön anzuschauen war Brigitte Hobmeier als Kaiserin Sissi mit langem rotgelockten Haar und einem gekonnten Spagat. Ihr resolutes Auftreten verhinderte zumindest ein platt-kitschiges Bild von der Liebe zwischen Cousine und Cousin. Edmund Telgenkämper donnerte engagiert und nicht ohne Wirkung in der Rolle des Grafen Dürckheim stiefelknallend seine Sympathie und seine Loyalität für den Monarchen heraus. Zuletzt versuchte er den geistig schon abwesenden Herrscher mit tränenerstickter Stimme vor der Erniedrigung durch Absetzung und Inhaftierung zu schützen: „... Wir könnten versuchen, nach Tirol zu gelangen, ...“ Ludwig: „Mir ist nicht nach reisen zumute. Und außerdem – was mach ich denn in Tirol?“ Respekt vor der Leistung, dabei ernst geblieben zu sein. Doch der Graf von Holnstein hatte alles geregelt. Stephan Bissmeier gab den Vollstrecker des Regierungswillens. In seiner gedämpften und überlegten Art erspielte er gegen alle monarchistische Gesinnung einige Sympathien für die Exekutive. Einzig Wolfgang Pregler ließ wirklich aufhorchen. Seine Darstellung Richard Wagners als einen arroganten, selbstverliebten, anmaßenden, unaufrichtigen und schlitzohrigen Schnorrer, der an seiner Genialität keinen Zweifel ließ, war, obgleich sehr eindimensional,  erfrischend und zweifellos ein Affront gegen alle Wagnerianer, von denen übrigens Nietzsche meinte, dass sie das Werk Wagners hinlänglich ruiniert hätten.

Man musste vermutlich Ludwig-Jünger und vielleicht sogar Wagnerianer sein, um den Abend als spannend, unterhaltend oder gar als provokativ empfunden zu haben. Tatsächlich wurden in diesem Solo für einen Irren keine neuen Einsichten vermittelt. Das Vorhaben, oben genannten Konflikt zu erläutern und gegebenenfalls Erkenntnisse daraus zu ziehen, scheiterte gründlich. Es drängt sich vielmehr der Verdacht auf, dass die Macher mit diesem Thema einen Lockruf an das Publikum Münchens und Bayerns richteten, um einen Besucheransturm zu entfesseln. Man wird sehen, ob es funktioniert.
Zuletzt noch ein Wort von Woody Allen, also von einem Andersdenkenden zum Thema Wagner und seine Musik: „Wenn ich Musik von Wagner höre, verspüre ich augenblicklich den Drang, in Polen einzumarschieren.“ So kann man es auch sehen.

 

Wolf Banitzki

 

 

 


Ludwig II

nach dem Film von Luchino Visconti


Silke Avenhaus, Marc Benjamin, Stephan Bissmeier, Peter Brombacher, Katharina Hackhausen, Brigitte Hobmeier, Sylvana Krappatsch, Oliver Mallison, Wolfgang Pregler, Steven Scharf, Edmund Telgenkämper, Jeroen Willems

Regie: Ivo van Hove
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