Kammerspiele Wassa von Maxim Gorki


 

 

Musealer Exkurs

In kaum einem Land der Welt waren die sozialen Widersprüche so ausgeprägt, so quälend, wie im vorrevolutionären Russland. So darf es nicht verwundern, dass es einem Mann wie W.I. Uljanow, genannt Lenin, gelang, eine proletarische Revolution zu entfesseln, obgleich es kaum ein Proletariat gab. Das dumpfe Zarenregime hatte bis in das späte 19. Jahrhundert hinein feudalistische Verhältnisse konserviert, die die gesellschaftlichen Bedürfnisse und Notwendigkeiten nicht einmal ansatzweise befriedigten konnten. In diese Verhältnisse hinein, wurde Aleksej Maksimovic Peskov als Sohn eines Leibeigenen, eines Wolga-Treidlers geboren. Er wuchs in Nischnij-Nowgorod unter Industrie- und Hafenarbeiter, unter ehemaligen Sibirien-Sträflingen, aber auch unter revolutionären Studenten und marxistischen Verschwörern auf. Bereits zehnjährig musste er für seinen eigenen Unterhalt sorgen.

Er war ein überaus intelligenter junger Mann, der noch mehr, als unter den gesellschaftlichen Verhältnissen, unter der eigenen Unwissenheit litt. Eine höhere Ausbildung war ihm unerschwinglich und so schoss er sich neunzehnjährig voller Verzweifelung eine Kugel in die Brust. Er überlebte, legte aber mit der Verletzung den Grundstein für seine Tuberkuloseerkrankung. Bald schon begann der junge Mann zu schreiben und legte sich den Namen Gorki, der Bittere, zu. Inhalt seiner anfänglich noch recht dilettantischen Texte war die kompromisslose Spiegelung der unmenschlichen Verhältnisse. Er lernte sie auf seinen Wanderungen durch das russische Reich aus eigener Anschauung kennen. Auf die Bühne kam als erstes die Romanadaption „Fomá Gordéjew“, die im Jahr 1901 auf zahlreichen Theatern gespielt wurde. Mit seinem ersten Drama „Kleinbürger“ (1901) bereitete Gorki seinen Ruhm vor. Der Durchbruch gelang ihm 1902 mit „Nachtasyl“ am Moskauer Künstlertheater. Regisseur war kein Geringerer als Stanislawski.

Gorki avancierte zum literarischen Prediger der Revolution, wurde gegen seinen Willen zur Ikone des sowjetischen „Sozialistischen Realismus“ und entschied für sich selbst, dass er mit dieser, seiner Literatur die „Froschpoesie von Impotenten“ herausgefordert hatte. Er selbst hatte es vorgezogen, im Ausland zu leben. 1928 kehrte er schließlich als gefeierte Dichter und scheinbar unantastbar nach Russland zurück. Als 1936 die stalinistischen Schauprozesse begannen, er selbst um sein Leben fürchten musste, wurde ihm ein Ausreisevisum verweigert. Am 18. Juni 1936 starb der Dichter an den Folgen einer Lungenentzündung. Stalin ließ es sich gemeinsam mit Molotow nicht nehmen, die Urne des bedeutenden Dichters der Revolution eigenhändig zur letzten Ruhestätte, der Kremlmauer, zu tragen.

Das Drama „Wassa“ entstand in der Folge der gescheiterten Revolution von 1905, an der Gorki im sozialdemokratischen Lager teilgenommen hatte. Er wurde nach der Niederschlagung inhaftiert. Als er auf Kaution freikam, floh er nach Deutschland, wo ihm zu Ehren von Max Reinhardt eine triumphale Sondervorstellung von „Nachtasyl“ gegeben wurde. „Wassa“ ist die kompromisslos-böse Abrechnung Gorkis mit der russischen Gesellschaft nach der fehlgeschlagenen Revolution. Das Drama atmet lyrisch lang die Melancholie des Untergangs, wie wir es von Tschechow und Ostrowski kennen, und dekuvriert dabei nicht nur die menschenverachtenden Züge der halbfeudalistischen Ökonomie, sondern auch die grenzenlose moralische Verwahrlosung ihrer Protagonisten. Allen voran Wassa Schelesnowa, deren Mann, der Ernährer der Familie, im Sterben liegt. Sie leitet die Geschicke der Reederei schon seit Jahren, da das Familienoberhaupt dem Suff und einer wüsten Lebensart verfallen ist. In Gorkis Werk hatte das Familienoberhaupt eine Minderjährige vergewaltigt. Als sich die Gerichte nicht bestechen lassen, empfiehlt sie dem Gatten Selbstmord. Der lehnt ab, stirbt aber dann doch sehr überraschend. Diese Hintergründe erfährt der Zuschauer in der Spielhalle der Kammerspiele allerdings nicht. Ebenso wenig erfährt der Theaterbesucher etwas von Rachel, einer Schwiegertochter, deren revolutionärer Geist das positive Pendant zur skrupellosen Hausherrin darstellt. Gorki hatte sie im Jahr 1935 im Stück installiert. Regisseur Alvis Hermanis bevorzugte die ursprüngliche Fassung. Darin will die resolute Wassa dem unaufhaltsamen Verfall der Verhältnisse zumindest in der eigenen Familie in den Arm fallen. Das Familienvermögen muss zusammengehalten werden. Eine revolutionäre Dimension hat diese Fassung nicht.

Wassa, von einer kantigen, durchaus mütterlichen, aber auch brutal agierenden Elsie de Brauw gestaltet, erkannte in ihrer Brut keinen legitimen und fähigen Nachfolger. Sohn Pawel ist verwachsen, larmoyant und von seiner Ehefrau gehörnt. Benny Claessens brachte zwar die Behinderung zum Ausdruck, von seinen inneren Kämpfen, oder sollte man besser Krämpfen sagen, blieb vieles hinter der blonden Perücke und der körperlichen Fülle verborgen. Katja Herbers hingegen bestach als nüchterne, beobachtende und schließlich eindeutig und kompromisslos für Wassa Partei ergreifende Tochter Anna. Ebenso überzeugen konnte Çigdem Teke als Schwiegertochter Natalja, die glaubhaft und nicht unkomisch Verwirrung und Entsetzen spielte, angesichts von Mord und Totschlag. Als Ehemann Semjon, weichlich und ohne Entschlusskraft, aber ansatzweise mit den wüsten sexuellen Begierden des Vaters ausgestattet, schwamm Oliver Mallison auf der Welle des Opportunismus mit. Brigitte Hobmeier hatte ihren großen Auftritt während der Ermordung Prochor Shelesnows. Alle Abgründigkeit dieser Szene spiegelte sich in ihrem Gesicht. Der von Stephan Bissmeier gespielte Onkel schien die letzte Hürde zu sein, die Wassa nehmen musste, um den Bestand des Familienvermögens zu sichern. Diese Szene war zugleich auch der Showdown der Geschichte, auf die alles mit der Behäbigkeit eines Echtzeitspiels hinsteuerte. Als Wassa dann unerwartet von einer Herzattacke heimgesucht wurde, war klar, dass alles Bemühen untauglich gewesen war. Der Verfall, innerlich längst besiegelt, nahm Gestalt an.

Kristine Jurjane hatte für das Spiel eine Bühne gebaut, die ein detailgetreues Abbild eines russischen Großbürgerhauses war. Abgerundet wurde das Bild durch realistische Kostüme der Wendezeit des 19. zum 20. Jahrhundert. Der Anblick verblüffte nicht nur wegen der Detailtreue, sondern auch wegen der Opulenz. Auf nichts wurde bei der Ausstattung verzichtet. Der erste Eindruck, den man gewann, suggerierte: Hier erlebt das Theater Stanislawskis eine Wiederauferstehung. Selbst der Spielduktus, in jeder Hinsicht einem konsequenten Realismus verschrieben, ließ die Illusion entstehen, man erlebe eine Uraufführung.

Regisseur Alvis Hermanis vermied es, dieses historische Bild durch die Spielweise der Darsteller zu brechen. Dabei ging es dem Regisseur gar nicht darum, die Wirkungsweise des kathartischen bürgerlichen Theaters a la Stanislawski oder Reinhardt wieder zu erwecken. Vielmehr zog er sich auf diese historisierende Sicht zurück, um das Lebensgefühl einer untergehenden, und dabei um sich schlagenden Schicht fühl- und sichtbar zu machen. So war der Versuch, die Figuren Gorkis und seiner ganz konkreten Zeit in ihrer Vielschichtigkeit auferstehen zu lassen, gleichsam ein musealer Exkurs in die Theatergeschichte. Bürgerliche Lebensweisen und ihre Rituale wurden zelebriert. Ankleiden, Aufräumen, Betten machen, Tisch decken, Speisen auftragen, Essen, Blumen gießen etc. wurden in Echtzeit, ungekürzt und nicht verknappt, gespielt. Mehr Realismus war nicht möglich. Echte Tauben taten für die Atmosphäre das Ihrige. Hermanis gelang, was er selbst als Ziel definiert hatte. Die banalen Vorgänge, die sich vor den Konflikten bildhaft gruppierten, verstärkten dieselben, unterstrichen ihre existenzielle Bedeutung. Bleibt abschließend die Frage, warum dieses Stück gespielt hier und heute wurde.

Die Aktualität liegt auf der Hand. Der Markt bestimmt die Methoden. Das Kapital duldet kein Mitgefühl, es frisst die Herzen der Menschen ebenso wie deren Besitz. Darin liegt eigentlich die Aktualität des Werkes von Gorki begründet. In der Inszenierung von Alvis Hermanis, die durch ihre detailverliebte, fast fotorealistische Umsetzung verblüffte, wurde auf eine deutliche ästhetische und letztlich auch inhaltliche Neudeutung verzichtet. Es war interessant anzuschauen, wie Gorki und seinen Theaterzeitgenossen ein Museum errichtet wurde, in das man beeindruckt hineinschaute und dachte: Aha, so war das damals…


 
Wolf Banitzki

 

 


Wassa

von Maxim Gorki

Stephan Bissmeier, Peter Brombacher, Benny Claessens, Elsie de Brauw, Katja Herbers, Brigitte Hobmeier, Angelika Krautzberger, Oliver Mallison, Clara-Marie Pazzini, Çigdem Teke

Regie: Alvis Hermanis
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