Kammerspiele Drei Farben: Blau Weiß Rotvon Krzysztof Kieslowski und Krzysztof Piesiewicz


 

 

Ärgerlich

Krzysztof Kieslowski war ein Grenzgänger im wahrsten Sinn des Wortes. Als Pole war er und auch Teile seiner Kunst integraler Bestandteil des sozialistischen Realismus. Aber er arbeitete und lebte auch auf der anderen Seite der Mauer erfolgreich. Dieser Erfolg basierte vornehmlich auf dem Ignorieren der politischen Prämissen. Wer seine Filme kennt, wird sich vielleicht darüber wundern, dass sich in ihnen keine politischen Schlagwörter finden. Kieslowski hatte erkannt, dass die politischen Konstellationen nur eine untergeordnete Rolle spielten. Waren die politischen Verhältnisse auch noch so unterschiedlich, das menschliche Wesen hüben wie drüben wies nur geringfügige Abweichungen auf. Sein Epos "Drei Farben: Blau, Weiß, Rot" ist folglich auch ein Werk, dass auf den Menschen zielt und nur bedingt auf die Verhältnisse, in denen er lebt.

Kieslowskis Filme "Drei Farben: Blau, Weiß, Rot" erzählen von Menschen, die in ihrem Leben an einem Endpunkt angelangt sind. Julie hat durch einen Autounfall Mann und Tochter verloren. Sie trennt sich von ihrem alten Leben ohne den Vorsatz, ein neues zu beginnen. Karol Karol, ein in Paris lebender Friseurmeister verliert durch Scheidung seine Frau und damit die Existenzgrundlage in Frankreich. Er kehrt nach Polen zurück, um es seiner Ehefrau mit gleicher Münze heimzuzahlen. Und ein pensionierter Richter, der zu der Ansicht gelangt war, dass Rechtssprechung und Recht zwei sehr unterschiedliche Dinge sind, hatte sich völlig aus der Gesellschaft zurückgezogen. Erst die Begegnung mit Valentine lässt ihn seine unsägliche Isolation spüren.

Die Filmvorlagen sind leise poetische Werke, die von eindringlichen Bildern leben. Lange Einstellungen legen die Psychologie der inneren Vorgänge bloß und gebären eine gewaltige suggestive Kraft. Kieslowski verzichtete dabei auf jegliche vordergründige Effekte und erzeugt große Nachhaltigkeit in seinem philosophischen Diskurs über Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Es war schwer vorstellbar, dass sich diese Wirkung auch auf der Bühne erzeugen lässt. Da der Bezug zum Werk Kieslowskis so eindeutig ausfiel, muss sich die Inszenierung von Johan Simons auch an diesem messen lassen. Soviel vorab, sie hielt nicht stand.
 
   
 

Wiebke Puls, Steven Scharf

© Andras Pohlmann

 

Die dramatische Fassung von Koen Tachelet erreichte es zumindest, die scheinbar unabhängig voneinander ablaufenden Geschichten näher zusammen zu rücken. Ob allerdings die Geschichten ohne Kenntnis der Filme für jedermann verständlich sind, ist ungewiss. Bei Kenntnis der Filme vermag sich der Zuschauer allerdings sehr schwer von deren Bildern zu lösen und hier beginnt das Desaster. So entsprach die Besetzung der Julie mit Sylvana Krappatsch so gar nicht dem unauslöschlichen Bild, das Juliette Binoche hinterließ. Auch gelang es nicht, diesem Bild etwas Gleichwertiges entgegenzusetzen. Frau Krappatsch gab eine nervige, sich selbst im eigenen Leid kaum ertragende Frau, die sich auch schon mal in mimischen Faxen verlor. Ihr gegenüber, hochsensibel und sehr fein im Ausdruck agierte Stephan Bissmeier, ganz dem Habitus seiner Rolle verhaftet. Seine Leistung konterkarierte das Spiel Sylvana Krappatschs um so deutlicher.


Als fatal muss die Umsetzung des Filmes "Weiß" bezeichnet werden. Darin geht es um das Prinzip Gleichheit, dass in der heutigen Welt allzu oft als "Wie du mir, so ich dir" verstanden wird. Nicht zuletzt durch das exzessiv komödiantische Spiel von Thomas Schmauser verkam eine tragikkomische und zum Teil elegische Geschichte zur Farce. Auch die Sicht auf das Land Polen war eher peinlich und nicht selten würdelos. Da mussten Steven Scharf und Edmund Telgenkämper, die ihr Repertoire schauspielerischer Darstellungsmöglichkeiten durchaus ausspielen konnten, mit Fellröckchen und Kragen agieren. Das assoziierte eine Polen im Zustand der Barbarei. Auch wenn Kieslowski vom Polen der Nachwende enttäuscht war, er hatte die barbarischen Züge des Neoliberalismus beizeiten erkannt und benannt, rechtfertigt dies noch keine so pauschalisierende Sicht. Das war kein Beitrag zur Verständigung im vereinten Europa. Der Pole als ewiger Autodieb feierte eine Renaissance. Was bei Kieslowski als tragikkomischer Kampf eines liebenden Mannes erzählt wurde, erschien in den Kammerspielen als derbzotige, ins surreale abgleitende Geschichte, deren Wert nicht in der Erkenntnis sondern in der Unterhaltung lag.

Um so schwerer hatten es dann Jeroen Willems (Richter) und Sandra Hüller (Valentine) in Part 3 (Brüderlichkeit) das Publikum zum Diskurs zurückzuführen. Willems aktionsloses Spiel erzeugt denn auch einen Grad an Innerlichkeit, die der filmischen Vorlage sehr nahe kam. Sandra Hüller, die adäquat mit leisen Tönen auf das von Jeroen Willems reagierte, vermochte nicht das Klaumaukige des vorhergehenden Aktes zu tilgen. Der vorletzte Eindruck blieb. Eine Zuschauerin meinte beim Verlassen des Theaters: "Ärgerlich." Wie wahr!

Die Inszenierung wird wohl, wenn überhaupt, nur im Gedächtnis bleiben, weil in ihr ein Auto aus dem Bühnenboden in die Bühne krachte. (Bühne: Jens Kilian) Johan Simons inszenierte bemüht, die Unzulänglichkeiten des Vorhabens mit theatralischen Effekten wettzumachen. Sein Scheitern geschah nicht unbedingt auf hohem Niveau. Einmal mehr stellt sich die Frage nach dem Sinn, ein Remake oder das Remake eines Remakes auf die Bühne zu bringen. Ein Remake ist immer eine Rückschau. Vorwärt zu schauen scheint wenig reizvoll zu sein, wohl, weil die augenscheinliche Sinnkrise nur nebulöse Aussichten zulässt. Bleibt zu hoffen, dass uns ein filmisches Remake des Werkes von Kieslowski erspart bleibt.

Wolf Banitzki

 

 

 


Drei Farben: Blau Weiß Rot

von Krzysztof Kieslowski und Krzysztof Piesiewicz

In einer Fassung von Koen Tachelet

Sylvana Krappatsch, Stephan Bissmeier, Sandra Hüller, Hildegard Schmahl, Wiebke Puls, Steven Scharf, Edmund Telgenkämper, Lena Lauzemis, Thomas Schmauser, Jeroen Willems

Regie: Johan Simons
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