Volkstheater Dantons Tod  von Georg Büchner


 

 


Danton und der Messiaseffekt

 

„Die Unterdrücker der Menschheit bestrafen ist Gnade, ihnen verzeihen ist Barbarei.“ Dieser Satz ist, man lese und staune, längst in den deutschen Zitatenschatz aufgenommen worden. Dabei ist er Bestandteil einer Rede Robespierres im 1. Akt, 3. Szene des Dramas „Dantons Tod“ von Georg Büchner, mit der der große Revolutionär, der Unbestechliche, wie ihn seine Jakobinische Anhängerschar hieß,  das Abschlachten tausender Menschen rechtfertigte. Ihm voran ging, ganz nebenbei bemerkt, der Satz: „In einer Republik sind nur Republikaner Bürger; Royalisten und Fremde sind Feinde.“ Mitleid nannte er falsche Empfindsamkeit, die er als Verrat begriff. Robespierre setzte seine Worte in die grausige Tat um, so lange, bis das Volk Frankreichs seiner Schlächterei überdrüssig war und ihn selbst 1794 auf das Schafott schickte.

 

Robespierres Weltsicht fußte auf den Thesen des Aufklärers Jean-Jacques Rousseau. Nach dessen Vorstellungen münden die Bemühungen der Gemeinschaft über die freiwillige Übereinkunft in einen Gemeinwillen (volonté générale). Der Gemeinwille folgt den Erfordernissen des Gemeinwohls und, hier pervertierten die Vorstellung Rosseaus, hat dabei immer Recht. Damit war das Individuum bedeutungslos geworden. Robespierres Forderungen konnten radikaler und menschenverachtender nicht sein: Gegner der Republik hatten nur die Wahl zwischen Änderung ihrer Überzeugungen oder den Tod. Die Terrorherrschaft, ein notwendiges Übel dieser Zeit, diente nach Robespierre Vorstellungen dazu, das Volk für den Rosseauschen Gesellschaftsvertrag vorzubereiten. Derselben Mechanismen, der „Säuberungaktionen“ bedienten sich die russischen Revolution und auch die SED in der ehemaligen DDR. Feinde des Sozialismus, der höchste Errungenschaft des Volkes, (Es gab den Sozialismus, wie ihn die Klassiker beschrieben hatten, nie!) wurden mit denselben Argumenten getötet oder weggesperrt.

 

Hérault, ein Mitstreiter Dantons widerspricht Robespierre: „Wir alle sind Narren, es hat keiner das Recht, einem andern seine eigentümliche Narrheit aufzudrängen.“ Damit hat er das Todesurteil über die gemäßigten Revolutionäre um Danton gesprochen. Sie wurden am 31. März 1794 vor das Revolutionstribunal gestellt und am 5. April hingerichtet. Büchners Drama, geschrieben um die eigene Flucht aus Hessen vor politischer Verfolgung zu finanzieren, ist die nüchterne Abrechnung mit der Französischen Revolution. Er, der die revolutionären Ideale feurig verteidigte, war desillusioniert. Jeglicher Idealismus war im suspekt. Der Philosoph Ludwig Marcuse brachte es auf den Punkt: „Büchner dachte: ‚Alles was ist, ist um seiner selbst willen da.’“ Büchner leugnete, dass sich hinter den Dingen ein Schicksal oder eine höhere Idee verbarg. Auch verlor er den Glauben an die revolutionäre Kraft der Masse, wie in seiner Komödie „Leonce und Lena“ deutlich wurde. Die einzige Kraft, der er fortan revolutionäres Potenzial zuschrieb, ist der Hunger: „Das Verhältnis zwischen Armen und Reichen ist das einzige revolutionäre Element in der Welt; der Hunger allein kann die Freiheitsgöttin ... werden.“

 
DantonsTod

Jean-Luc Bubert, Pascal Fligg

© Arno Declair

 

Stefan Hageneier schuf für die Inszenierung von „Dantons Tod“ in der Regie von Christian Stückl ein Bühnenbild, das an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ. Er hatte das „Haus Frankreich“ auf die Bühne gebracht, entkernt und ohne Wände. Der Raum war auf ein Minimum reduziert, Schutt des vergangenen Abrisses lag herum, die Dielen waren löchrig. Es war das Haus, in dem die Republik errichtet werden sollte, doch genau das fand nicht statt. Die Kinder der Revolution debattierten, stritten und fraßen sich gegenseitig. Es ist ein seltsames Bild, dass die Revolution ihre Kinder frisst, wie einst Saturn in der römischen Mythologie. Es sind doch vielmehr die Protagonisten selbst, die sich „zerfleischen und fressen“. Allen voran Robespierre. Jean-Luc Bubert spielt ihn unnahbar, kalt, berechnend und scheinbar bar jeglicher Sinnlichkeit. Sein Gegenspieler Danton konnte gegensätzlicher nicht sein. Pascal Fligg gab einen Sinnesmenschen, dem nichts menschliches fremd ist. Er konnte vor Begeisterung oder Erregung schäumen, sich im nächste Augenblick in die tiefsten Tiefen seines Ichs zurückziehen. Gleichrangig schienen die beide einzig im Ausmaß ihres Egos zu sein. Allein, Danton war derjenige, der sich überschätzte. Sein Kalkül war tödlich.
 

Er konnte sich letztlich auch nicht von der Verantwortung freisprechen, die er für seine Mitstreiter trug. Leon Pfannenmüller gab einen eindringlichen, fordernden Phillippeau. Seine flehentlichen bis fordernden Mahnung an Danton verhallen kaum beachtet. Sohel Altan G. war der dritte im Bund, Camille Desmoulins. Sein sichtbarer Schmerz war nicht der Angst vor dem Tod geschuldet, sondern der Liebe zu seiner Frau Lucile und ihren Verlust. Mara Widman spielt eine unbeugsame Frau, die glaubhaft zu kämpfen vermochte. Pascal Riedels Lacroix, er sollte der Erste sein, der in den Tod geht, zeigte panische Angst vor dem Tod und Verzweifelung über die Sinnlosigkeit. Riedel schaffte es dennoch, diese Figur nicht auf schmähliche Weise den Gefühlen der Schwäche zu opfern. Kristina Pauls vermochte es als standhafte hinterbliebene Gattin Dantons den Widersacher Robespierre für einen kurzen Moment zu rühren. Bleibt noch Stefan Ruppe zu erwähnen, der den Part des St. Just als beamtenhaften, eiskalten und unberührbaren Bluthund Robespierres spielte. Er verkörperte den Typus, ohne den keine Diktatur funktioniert und der sich am besten mit dem Namen Eichmann umschreiben lässt.

 

Christian Stückl hat das Drama für seine Inszenierung kräftig gerupft. Von der Personage blieb nur ein Bruchteil übrig und viele Szenen verschwanden gänzlich. Auch vertauschte er die Texte gegeneinander. Heraus kam eine Spielfassung, die die wesentlichen Vorgänge in den Vordergrund schob. Zwar büßte das Stück viel ein, was atmosphärisch gewesen wäre, doch wurde einiges auch verständlicher. Es reichte immerhin noch für zwei und eine halbe Stunde (eine Pause), die sich eingangs etwas quälend gestalteten. Es fehlte der Rhythmus, der sich allerdings gegen Ende des 1. Teils einstellte. Nach der Pause stimmte dann alles und das schnörkellose Spiel wurde mitreißend und löste Emotionen aus. Stückl hatte das breit angelegte Stück herunter gebrochen auf die wesentlichen Fragen. Das waren nicht die Fragen nach Strategie und Taktik von Revolutionen, sondern einzig nach Menschlichkeit. Am Ende stand dann doch die große Frage nach dem Sinn von gesellschaftlichen Veränderungen. Ein wenig Pathos schwang schon mit, als die vier Männer aufrechten Hauptes in den Tod gingen. Und, befragt man die Geschichte nach dem Sinn solcher (Selbst-)Opferungen, so bleibt doch unterm Strich immerhin der Messiaseffekt und der funktioniert schon seit Jahrtausenden. In ihm ist das Prinzip Hoffnung verankert.

 

In Zeiten von Politikverdrossenheit  und mangelnder Geschichtskenntnisse ist es wohl schwer, einen Stoff wie „Dantons Tod“, in dem es in einem historischen Bilderbogen um Politik, Philosophie und Psychologie geht, an den Mann, resp. an die Frau zu bringen. Allein, der genialische Büchner schrieb das Stück einundzwanzigjährig, und er brannte für die Ideale der Freiheit und der Menschlichkeit. So etwas blieb nicht ohne literarische Folgen. So sei noch eine Nachbemerkung zu Büchner erlaubt. Das Wort hat Robert Musil: „Schöngeistigkeit liebte er nicht, sondern Tatsachen: nur das sind die Menschen, welche imstande sind, den schönen Geist zur Tatsache zu machen.“

 

 

 

Wolf Banitzki



 

 


Dantons Tod

von Georg Büchner

 

Sohel Altan G., Jean-Luc Bubert, Pascal Fligg, Kristina Pauls, Pascal Riedel, Stefan Ruppe, Mara Widmann, Leon Pfannenmüller

Regie: Christian Stückl
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