Volkstheater  Die Leiden des jungen Werther nach Johann Wolfgang von Goethe


 

 

Die ewig jungen Wertherleiden

 

Wer kann sich selbst nach fast 240 Jahren dieser Geschichte wirklich entziehen? Mit den „Die Leiden des jungen Werther“ begründete Goethe seinen Ruhm. Wenn diesem Werk Genialität innewohnt, dann die des genialen Sachwalters des künstlerischen Effekts. José Ortega y Gasset schrieb in seiner Festschrift zum 100. Todestag „Um einen Goethe von innen bittend“: „(Goethe) wäre der Fragwürdigste aller Klassiker, weil er ein Klassiker zweiter Ordnung ist, ein Klassiker, der einerseits von den Klassikern gelebt hat, der Prototyp des geistigen Erbens - von welchem Umstand er selbst sich so klare Rechenschaft gab -, kurz, ein Patrizier unter den Klassikern. Er hat sich von den Zinsen der ganzen Vergangenheit genährt. Sein Schaffen hat manches von einer Verwaltung überkommener Reichtümer, und darum fehlt in seinem Werk wie in seinem Leben niemals ein gewisser philiströser Zug, wie er den Verwaltern eigen ist.“ Ortega y Gasset erklärt, warum Goetheverehrung und die Mangelhaftigkeit der Einschätzung seiner Person uns an den Punkt gebracht habe, der Statue Goethe ein wenig überdrüssig zu sein. Er schreibt: „Das Fesselndste ist nicht der Kampf des Menschen mit der Welt, mit seinem äußeren Schicksal, sondern der Kampf mit seiner Berufung. Wie verhält er sich gegenüber seiner unerbittlichen Berufung? Folgt er ihr ganz und gar, oder ist er im Gegenteil fahnenflüchtig und erfüllt sein Dasein mit den Surrogaten dessen, was sein echtes Leben gewesen wäre?“

 

Goethe war in Bezug auf die Kunst ein Fahnenflüchtiger, doch konnte er es sein Leben lang brillant kaschieren. Frühreif (im unangenehmsten Sinn) wie er war, widerstand er selbst beizeiten der Versuchung, sich der Liebe zu ergeben. Das dokumentieren immerhin die Tatsachen. Er lernte am 7. Juni 1772 auf einem Ball in Volpershausen Charlotte S.H. Buff kennen. Lotte war zu seinem Leidwesen mit dem vielbeschäftigten Legationsrat Johann Christin Kestner leiert. Das Zusammensein mit Lotte einen Sommer lang hatte sich „leidenschaftlicher als billig“ entwickelt und „so fasste ich (Goethe –Anm. W.B.) den Entschluss, mich freiwillig zu entfernen, ehe ich durch das Unerträgliche vertrieben würde“. Er reiste am 11. September auf Einladung Sophie La Roches von Wetzlar nach Ehrenbreitstein. Die Dame war Mutter zweier reizender Töchter. Eine, Maximiliane, hatte es ihm mit ihren schwarzen Augen schnell angetan, und er ergab sich der „neuen Leidenschaft, (...) ehe die alte noch ganz verklungen war“. Soviel zum Verhältnis von Autor und Werk. Der Selbstmörder war ebenfalls nicht aus der Luft gegriffen, sondern der junge Karl Wilhelm Jerusalem, ein Legationssekretär, den Goethe bereits aus Leipzig kannte. Der nahm sich Ende Oktober 1772 das Leben.

 

Goethes Geniestreich bestand darin, im Stile einer heutigen Dokusoap eine Geschichte mit schlimmstmöglichen Ausgang (Der erste Suizid in der deutschen Literatur!) zu erzählen, die nur Allzumenschliches beschrieb und die daher völlig zeitlos ist. Der einzige Unterschied zu heute ist die grandiose, exorbitant reiche und daher nicht unbedingt für die damalige und wohl auch heutige bildungsferne Schicht entwickelte Sprache. Goethe war von Anbeginn seiner schriftstellerischen Tätigkeit ein begnadeter Handwerker! - Soviel Theorie muss sein, um heutige Rezeptionen einordnen zu können. Eine neuerliche fand am 26. Februar 2013 am Volkstheater München statt und es war, soviel sein vorab gesagt, eine durchaus sehenswerte Rezeption.

 
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Pascal Riedel, Sohel Altan G., Mara Widmann

© Arno Declair

 

 

Jan Gehlers ästhetisch unspektakuläre und ausgewogene Inszenierung ließ tatsächlich vergessen, dass die Vorlage bereits im Jahr 1774 Schwarz auf Weiß erschienen war. Er setzte ganz auf die Handlung und die Strahlkraft seiner Darsteller. Ohne inszenatorische Mäzchen erzählte er die Geschichte in 1 Stunde und 20 Minuten gradlinig, ohne auf den emotionalen Background zu verzichten. Ein wenig störend im Ablauf waren naturgemäß die reflektorischen Passagen (Die Vorlage ist ein Briefroman.), in denen die Darsteller aus den Dialogen ausstiegen, um den Fortgang der Geschichte oder die innere Befindlichkeit an das Publikum gerichtet zu vermitteln. Auch wurde gelegentlich ein wenig zu schnell gesprochen, was den Zwischentönen den Raum nahm. Ungeachtet dessen blieb die Inszenierung flüssig, da die Geschichte hinreichend zwingend ist. Gehlers Liebe zum Detail wurde deutlich, als dem Abschiedsbrief Werthers ein Laubblatt entfiel, welches Lotte am Anfang des Stücks zwischen ihren Lippen gehalten hatte. Ein berührendes Bild.

 

Sabrina Rox hatte die Bühne zweigeteilt, in dem sie den Raum mit einer großen weißen Treppe von rechts oben nach links unten diagonal zerschnitt. So entstand ein  äußerer Raum für Landschaften und ein innerer Raum für die Wohnstatt Lottes und später auch Alberts. Die gute musikalische Begleitung wurde von den Darstellern von einem Tonpult im Bühnenhintergrund selbst eingespielt. Dorthin zogen sich die Darsteller zurück, die für den Moment nicht an der Handlung beteiligt waren. So behielt die Inszenierung einen offenen Charakter. Es wurde in heutiger Alltagskleidung gespielt (Kostüme: Katja Strohschneider) und in sehr heutigem Gestus. Die jungen Darsteller entwickelten von der ersten Minute an jene jugendliche Energie, deren grundlegende Charakteristik im Unbändigen, im Unkanalisierten bestand.

 

Wenn man Pascal Riedel als Werther erlebt hat, kann man sich schwerlich eine andere Besetzung vorstellen. Sein feinnerviges Spiel entsprach ganz und gar dem, was man während der Klassik gemeinhin unter „überspannt“ verstand. In dieser Zeit wurde Sensibilität unter dem Wort Empfindsamkeit immerhin zum Oberbegriff einer ganzen künstlerischen Epoche. Allein, das gesunde Volksempfinden sah darin eher eine nervliche Überreizung, vornehmlich Künstlern eigen. Sohel Altan G. war Werthers Gegenspieler und Lottes Verlobter/Ehemann Albert. Es war nicht der Albert Goethes, der stets um die Form besorgt war, sondern ein Mann, der trotz der Freundschaft zum  Nebenbuhler um seine Lotte zu kämpfen bereit war. Erstaunlich wirkungsvoll war denn auch der Moment, als Albert Werther plötzlich mit einer Pistole bedrohte und in seine Schranken wies. Das war keinesfalls Goethe, doch dramaturgisch sinnfällig, denn schließlich musste die (Selbstmord-)Waffe ja irgendwann eingeführt werden.

 

Lotte ist sowohl bei Goethe, wie auch in Gehlers Inszenierung das Subjekt der Begierde. Mara Widmann erfüllte diese Aufgabe geschickt und verlieh der Figur etwas Flüchtiges. Sie kokettierte nicht, sondern blieb die Freundin, die sich von Albert nie abwandte. Justin Mühlenhardt gab die andere tragische Männerfigur. Auch er liebte unerhört, nur tötete er nicht sich, sondern das geliebte Wesen. Im Angesicht der Tat zeigte Mühlenhardt glaubhaft einen zerstörten und bedauernswerten Menschen. Lenja Schultze blieb der Part der personifizierten Vernunft. Ihr selbst wurde keine Liebe zuteil und so agierte sie nüchtern und pragmatisch, um zu retten, was nicht zu retten war.

 

Das Volkstheater verfügt mit dieser Arbeit über eine brauchbare Inszenierung, mit der man insbesondere die Jugend für das Theater begeistern kann. Viele junge Menschen werden sich in dieser Geschichte und in deren Umsetzung wiederfinden können. Auch wenn gerade diese Geschichte keine brauchbare Lösung anbietet, so lässt sie doch zumindest erkennen, dass tragische Liebe kein individuelles Problem ist. Und das kann helfen, einen Weg aus einem möglichen Dilemma und ins Leben zu finden. Den Versuch sollte es unbedingt wert sein. Oder, um es mit Ortega y Gasset, auch mit Blick auf den fahnenflüchtigen Goethe, zu sagen: „Jeder ist, was er werden muss, wenn er es auch vielleicht niemals wird.“

 

Wolf Banitzki



 


Die Leiden des jungen Werther

nach Johann Wolfgang von Goethe

Sohel Altan G., Justin Mühlenhardt, Pascal Riedel, Lenja Schultze, Mara Widmann

Regie: Jan Gehler
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