Volkstheater Julilus Cäsar nach William Shakespeare


 

 

Der lustige Untergang der EU im Volkstheater

Die Geschichte von „Julius Cäsar“ beschreibt eine historische Zäsur, nämlich den Übergang von der römischen Republik zur Cäsarendiktatur. Cäsar war in der Folge einiger Bürgerkriege de facto Alleinherrscher im Römischen Reich. Er erklärte die republikanische Staatsform für überlebt. Sie war für ihn „ein Nichts, ein bloßer Name ohne Körper und Gestalt“ (Sueton). Am 15. März 44 v. Chr. kam es schließlich unter der Führung von Gaius Cassius Longinus und Marcus Iunius Brutus zum Tyrannenmord an Gaius Iulius Caesar. Die römische Republik schien gerettet, doch Marcus Antonius, der Vertraute Cäsars, übernahm die Amtsgeschäfte und meldete seinerseits die Alleinherrschaft an. Octavian (später Kaiser Augustus), zuerst Gegner von Marcus Antonius, verbündete sich mit diesem und begründete gemeinsam mit Marcus Aemilius Lepidus Anfang November 43 v. Chr. das Zweite Triumvirat. Sie entfesselten eine unglaubliche Mordwelle im Reich und schlugen im Oktober/November 42 v.Chr. die Heere von Cassius und Brutus vernichtend. Damit war der Untergang der römischen Republik besiegelt und Octavian begründete 27 v. Chr. den Prinzipat, das römische Kaiserreich. Soweit die Historie in groben Zügen.

Der Shakespeare-Übersetzer Hans Rothe äußerte die Vermutung, dass es sich bei dem Drama nicht um eine in sich geschlossene Cäsarentragödie handelt, sondern um zwei Teildramen, die ihren Zusammenhalt durch die berühmte Rede des Marc Anton bekommen. Vieles spricht dafür. Diese Rede war eine rhetorische Meisterleistung und es legt den Verdacht nahe, dass sie den Verlauf der Weltgeschichte (Rom schrieb damals Weltgeschichte.) verändert hätte. Das ist natürlich Unsinn, denn die spätrömische Republik hatte sich auf natürlichste Weise überlebt. Es war nur noch eine Frage der Zeit und der passenden Persönlichkeit, ihr ein Ende zu bereiten.

Regisseur Csaba Polgár startete am Münchner Volkstheater nun den Versuch, eine Lesart des Shakespeare-Dramas zu finden, kritisch mit der heutigen Gesellschaft und den unterschiedlichen Generationen zu verfahren. „Er untersucht die Möglichkeiten eines riesigen Reiches – wie einst das römische Reich war –, das die kleineren Völker nutzt und ausnutzt, die aber schlau und unaufhaltbar ihren Lebensraum finden wollen.“ (aus: Pressemitteilung des Volkstheaters) Das ist bestimmt nicht unbedingt die nahe liegende Lesart, insbesondere, wenn man aus Ungarn kommt, ein Land, indem es um die Demokratie Dank des Wirkens von Männern wie Viktor Orbán oder Janos Ader nicht gerade zum Besten bestellt ist. Die bekannte ungarische Soziologin Zsusza Ferge äußerte 2013: "Leider habe ich während meiner langjährigen Praxis ein System erlebt, von dem ich dachte, dass es nie wiederkehrt. Das ist nun die dritte Diktatur meines Lebens, die sich da anbahnt.“ Wer sich mit Politik, auch deutscher, beschäftigt, dem werden die Parallelen zum Stück nicht entgangen sein. Nun gut, fragt sich, was Polgár meint mit seiner These von den kleinen Völkern im Riesenreich. Das Programmheft befragt, wird deutlich, dass das sich bei dem in der Krise befindendlichen Riesenreich um die Europäische Union handelt und bei den kleineren, ausgenutzten Völker vermutlich um die erst kürzlich beigetretenen östlichen Partnerländer wie z.B. Ungarn, Tschechien, Slowakei. Immerhin, eine gewagte These, der EU, die nun gerade einmal 20 Jahre alt ist, die gleiche Krise zu unterstellen wie dem Römischen Reich nach 700 Jahren Existenz.

 
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Katalin Szilágyi, Tamás Herczeg, Jean-Luc Bubert
Barbara Romaner, Johannes Meier, Mara Widmann,
Justin Mühlenhardt

© Arno Declair

 

Auf der Bühne agierten die „kleineren, ausgenutzten Völker“ in Gestalt von vier Plebejern: Carolin Adler, Katalin Szilágyi, Richárd Barbarás, Tomás Herczeg. Bei diesen Darstellern hörte man (ausgenommen Carolin Adler) den osteuropäischen Akzent. Sie waren das Reinigungspersonal, die Menschen für das Niedere, die sich immer wieder in gekonntem A capella-Gesang zusammenfanden und zu einer unauffälligen Macht wurden. Sie hatten den Betrieb in der staatlichen Trophäensammlung aufrecht zu erhalten und mussten sich von den Arbeit gebenden Bürgern anschnauzen und demütigen lassen. Dass die Bühne von Lili Izsák (zeichnete auch für die Kostüme verantwortlich) als Trophäensammlung gestaltet war, meinte, dass Politik und das Ringen um Macht eine permanente Jagd sei, bei denen naturgemäß auch Trophäen anfallen. Die dienstbaren Plebejer begleiteten und verfolgten das Spiel um Macht und Mord wie Satelliten.

Die Geschichte um Julius Cäsar und seine Widersacher war auf eine komödienhafte Dekadenzposse herunter gebrochen. So wurde die vor Machtbesessenheit ungeniert perfide agierende Ursula Maria Burkhart als Julius Cäsar auch nicht erdolcht, sondern von den Widersachern in einer Schuhputzmaschine zu Tode geschreddert. Mara Widmann, die in der Rolle des Cassius den Tyrannenmord organisierte, hatte mit ihrem betörenden Charme wenig Mühe, Jean-Luc Bubert als Brutus zu überzeugen, die Tat zu begehen. Der spielte einen etwas vertrottelten Idealisten, der mit Verwunderung hinnehmen musste, wie unterschiedlich sich die Realität zu seinen Vorstellungen entwickelte. Am Ende war er denn auch so wenig Herr seiner Sinne, dass er immerfort Text von seinen Mitspielern einforderte. Diesen running Gag zelebrierte man so lange, bis endlich der Satz kam: „Es ist kein Text mehr da.“ Dann durfte er sich selbst in der Schuhputzmaschine schreddern. Pascal Riedels Marc Anton war wohl die ernsthafteste Darstellung der Figur, wie sie von Shakespeare erdacht wurde, selbst als er sich in seiner Devotion vor Julius Cäsar lächerlich machen musste. Justin Mühlenhardt gestaltete seinen Casca als einen leicht zu verschreckenden Loser, dem man auch schon mal die Brille entwendete, um ihn gänzlich der Lächerlichkeit preiszugeben. Der Octavius von Leon Pfannenmüller war ein Springinsfeld mit Tennisstirnband und Barbara Romaners Portia, Ehefrau von Brutus, erregte Aufsehen mit der Forderung, dass man sie ihren ohnehin viel zu kleinen Auftritt an der Rampe doch bitte nicht stehlen solle. So gab es mehrere Erinnerungen ans Publikum, dass man sich im Theater befand.

Als zum Schluss nur noch Marc Anton und Octavius überlebt hatten, wurden diese von den Plebejern zerquetscht wie lästige Insekten. So also stellt sich Regisseur Csaba Polgár vor, wie die kleinen (unterdrückten) Länder „schlau und unaufhaltbar ihren Lebensraum finden wollen“. Der Vorhang ging zu und viele Fragen blieben offen, denn vieles ging einfach nicht zusammen. Der interessante Text des belgischen Althistorikers David Engels im Programmheft, in dem über die Erkenntnisse aus dem Studium der Römischen Geschichte die Existenz der Europäischen Union infrage gestellt wird, ist sehr unterhaltsam, doch hoch spekulativ. Die Lesart des Regisseurs erwies sich ebenfalls als sehr spekulativ. Da half auch das Adverb „nach“ vor dem Namen Shakespeare wenig, um diesen Bruch und den sehr oberflächlichen Umgang mit dem Thema zu rechtfertigen. Shakespeare hat mit seinem Drama kleinere Brötchen gebacken, doch die waren bedeutend sättigender.

 

Wolf Banitzki

 

 

 


Julius Cäsar

nach William Shakespeare

 in der Übersetzung von August Wilhelm Schlegel bearbeitet von Gergely Bánki und Ildikó Gáspár

Ursula Maria Burkhart, Leon Pfannenmüller,  Pascal Riedel, Jean-Luc Bubert, Mara Widmann, Justin Mühlenhardt, Johannes Meier, Barbara Romaner, Carolin Adler, Katalin Szilágyi, Richárd Barbarás, Tomás Herczeg

Regie: Csaba Polgár
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