Volkstheater Caligula von Albert Camus


Caligula, der den Mond wollte

Es ist aus der Entwicklungspsychologie hinlänglich bekannt, dass die prägende Persönlichkeitsbildung im familiären Umfeld stattfindet. Ist diese von Liebe, Zuneigung und Verständnis geprägt, wird die Entwicklung positiv verlaufen. Was aber, wenn jemand in einem Umfeld aus Mord, Missgunst, Intrige und ständiger Angst aufwachsen muss? Was für ein Charakter kann sich unter diesen Umständen bilden? Caligula, eigentlich Gaius Caesar Augustus Germanicus (12 – 41 n.Chr.), widerfuhr eben dieses Schicksal. Seinen Vater, Germanicus, hatte der amtierende Kaiser Tiberius beseitigen lassen, wie zahlreiche andere Nebenbuhler auch. Die Historiker sind sich heute ziemlich sicher, dass Tiberius ein Psychopath war, der sich auf die Insel Capri zurückgezogen hatte und dort seinen sadistisch-erotischen Neigungen frönte. Die detaillierten Schilderungen Suetons über die orgiastischen Veranstaltungen lassen jedem normalen Menschen die Haare zu Berge stehen. Als 18jähriger erlebte Caligula die Ausschweifungen des Großonkels mit. Als der 78jährige Tyrann schließlich erkrankte und ins Koma fiel, man Caligula und Tiberius Gemellus, letzte Nachfahren aus dem julisch-claudischen Geschlecht, bereits zur Nachfolge gratulierte, verlangte der Totgeglaubte plötzlich nach einem Getränk. Man erstickte dieses Bedürfnis kurzerhand nachhaltig mit einem Kissen.

Caligula, benannt nach seinen Militärsandalen (caligae), die er als Kind im Militärlager seines Vaters trug, war eine ausgesprochen unattraktive Erscheinung. Er war groß, sehr blass und hatte spindeldürre Beine. Zudem hatte er schon sehr früh eine Glatze, war aber ansonsten am ganzen Körper stark behaart. Allein die zufällige Erwähnung des Kompositums „haarige Ziege“ konnte tödlich für den Unbedachten enden. Seine Empfindlichkeiten bezüglich seines Haupthaares führten dazu, dass er Menschen mit üppigem Haar nicht selten den Befehl erteilte, sich scheren zu lassen. Dennoch waren seine politischen Amtshandlungen anfangs nicht ohne Erfolg und zeugten von einigem Sachverstand. An seinen sexuellen Eskapaden nahmen die Römer wenig Anstoß. Er war bisexuell und bediente sich nach Gutdünken an beiden Geschlechtern. Zudem etablierte er in seinem Palast ein Bordell, in dem auch Ehefrauen hochstehender Persönlichkeiten ihre Dienste anbieten mussten. Sueton behauptete, er habe seine Ehefrau Caesonia nackt zur Schau stellen lassen. Auch unterhielt er höchstwahrscheinlich eine inzestuöse Beziehung zu seiner Schwester Drusilla. Ihr Tod, so einige, jedoch nicht alle Historiker, warf ihn aus der Bahn und ließ ihn einem Wahn anheimfallen. Er hielt sich bereits zu Lebzeiten für göttlich. Der Kaiser sprach mit Jupiter, drohte ihm bei Gewittern aber auch mit dem Homer-Zitat aus der Ilias: „Zerstöre mich, oder ich werde dich zerstören.“ (Ajax an Odysseus) Caligula scheute sich nicht anzudeuten, dass Jupiter ein Betrüger und er das Original sei. Die Vorstellung implizierte, dass er auf Erden zwar mit Caesonia, als Sonnengott allerdings mit der Mondgöttin Luna liiert wäre. Er sprach mit ihr! Seine Ausschweifungen nahmen indes ungeahnte Züge an und so erließ er, um seine Zügellosigkeit zu finanzieren, kurzerhand den Befehl, dass sämtliche Bürger ihr Vermögen testamentarisch dem Staat vermachen mussten. Jetzt brauchte er bei Bedarf die Bürger nur noch verbleichen lassen…Warum tat Caligula das? Die Antwort ist einfach: Weil er es konnte. Er war der mächtigste Mann der Welt und trat aus den Grenzen des Menschlichen heraus.

1938 schrieb Albert Camus sein erstes Drama: „Caligula“. Ausgangspunkt der Handlung ist der Tod Drusillas, seiner Schwester, und der erschütternden Einsicht, dass der Existenz kein tieferer Sinn innewohnt. Caligula bringt es auf die einfache Formel: „Die Menschen sterben und sie sind nicht glücklich.“ Er kann, er will das nicht akzeptieren und er erklärt mit endgültiger Konsequenz: „Jedenfalls bin ich nicht verrückt, ich war noch nie so vernünftig. Nur hatte ich plötzlich ein Bedürfnis nach dem Unmöglichen. (…) Die Welt in ihrer jetzigen Gestalt ist nicht zu ertragen. Darum habe ich den Mond nötig oder das Glück oder die Unsterblichkeit, etwas, das vielleicht unsinnig ist, aber nicht von dieser Welt.“ Bereits in diesen wenigen Sätzen offenbart sich ein Grundzug der Philosophie des Existentialismus, deren Vollender Camus war: Es gibt keinen ideellen Grund für die Existenz des Menschen. Was also soll er mit seiner Existenz anfangen? Caligula zieht eine Spur der Verheerung durch die letzten vier seines nur neunundzwanzig Jahre währenden Lebens. Er lässt morden und foltern, vergewaltigt, verhöhnt und erniedrigt und lässt sich dabei anbeten. Er entwickelt eine eigene, völlig neue Logik, überschreitet jede nur denkbare Grenze und ist in allem absolut konsequent.

 

 
  caligula  
 

Max Wagner

© Arno Declair

 

 Camus bekennt in Bezug auf sein Stück, dass es ihm keinesfalls darum ging, mit diesem Drama eine Philosophie zu skizzieren oder gar zu etablieren. Es ging ihm um das außerordentliche Maß des Handelns Caligulas: „Das leidenschaftliche Verlangen nach dem Unmöglichen ist für den Dramatiker ein ebenso gültiger Gegenstand der Betrachtung wie etwa die Habsucht oder der Ehebruch.“ Und nicht mehr und nicht weniger beschrieb Camus: „Dieses Verlangen in seiner Maßlosigkeit darzustellen, seine Verheerungen aufzuzeigen, sein Scheitern deutlich an den Tag zu bringen – das war meine Absicht.“ (A. Camus: Vorwort zu Caligula.)

Genau das gelang Regisseurin Lilja Rupprecht auf der Bühne des Volkstheaters und obgleich sie „großes Kino“ veranstaltete, blieb sie den Intentionen von Albert Camus treu. Die Bühne von Anne Ehrlich folgte weitgehend den textlichen Vorgaben des Autors. Eine breite Raumfront mit drei großen Türen, die die Erhabenheit eines Palastes suggerierte, aber zugleich die Patina der Antike atmete, ließ sich durch Verschieben in eine große Spiegelfront verwandeln. Wenn Caligula am Ende seine Ehefrau tötet und selbst getötet wird, schaut er sich in Camus´ Stück selbst dabei zu. So auch im Volkstheater, wo sich der gutgebaute und ansehnliche Caligula-Darsteller Max Wagner, physisch das völlige Gegenteil des historischen Caligula, nachdem er sämtliche Höflinge niedergestreckt hatte, selbst die Kugel gab, indem er sein Speigelbild erschoss. Wagners Caligula war kalt, bestechend in seiner Logik und stets die Verkörperung der Unberechenbarkeit. Die ihn umgebenden Adlaten entlarvten sich in ihrer Sucht, im Glanz des selbsternannten Gottes zu wandeln, in ihrer Feigheit, die sie zu absurden Opportunisten machte. Ausgenommen Helicon. Jean-Luc Bubert spielte den einzigen Vertrauten des Kaisers als einen blind Folgenden, wissend, dass alles in der Katastrophe enden würde. Das machte ihn frei, den Tanz auf dem Vulkan mitzutanzen.  Constanze Wächter Caesonia indes war überrascht, als es ans Sterben ging. „Ist das denn Glück, diese entsetzliche Freiheit?“ fragt sie fassungslos. Und Caligula antwortet: „Ohne sie wäre ich ein satter Mensch gewesen. Dank ihr habe ich die göttliche Klarsicht des Einsamen gewonnen.“

Einen nach dem anderen richtet er hin, nachdem er sie in einen Dichterwettstreit zum Thema Tod gezwungen hatte. Die Jury: Caligula. Sie fielen durch, die Männer die er gedemütigt hatte, in dem er sie öffentlich Windeln tragen ließ wie den von Alexander Duda verkörperten Senectus. Nur einer wiederstand, Cherea, gespielt von einem emotionalen und selbstquälerischen Leon Pfannenmüller. Der historische Cassius Cherea war Präfekt der Prätorianergarde und Anführer des Attentates auf Caligula während der palatinischen Spiele. Auf der Bühne des Volkstheaters war er der letzte Überlebende, der das Unaussprechliche nur noch mit einem hilflosen Achselzucken kommentieren konnte.

Regisseurin Lilja Rupprecht fuhr auf, was das Theater hergab. Videoinstallationen von Moritz Grewenig schufen emotional aufgeladene Subtexte; hämmernde Bässe betonten apokalyptische Stimmungen. In leiseren Szenen begleitete Sophia Pfisterer die Bewegungen, aber auch die Gedanken der Protagonisten mit ihrer elektrisch verstärkten Violine. Die Flut an Bildern, Tönen, auch ekstatischen Tänzen überwucherten trotz der Wucht der Ästhetik das Drama dennoch nicht, wofür allen Beteiligten Lob gezollt werden muss. Der Effekt ordnete sich weitestgehend unter. Das ist wichtig, denn Camus betonte in oben zitiertem Vorwort explizit: „Ich jedoch schätze eine Kunst gering, die zu schockieren bestrebt ist, weil sie nicht zu überzeugen vermag.“

Es mag auf den ersten Blick nicht sichtbar sein, doch das Stück und somit auch die gelungene Inszenierung ist brandaktuell. Es beantwortet z.B. auch die Frage, wie es kommt, dass europäische Jugendliche, auch Minderjährige aus Bayern und Thüringen, sich dem IS anschließen und mordend ihrem eigenen Tod entgegengehen. Parole: „Jeder muss Sterben, warum nicht auf dem Weg Allahs!“ Hier entgrenzen sich Menschen, denen nie wirklich Werte und Überzeugungen vermittelt worden sind. „Geld ist keine Überzeugung“, sagte am Abend zuvor ein gewisser Hamad auf der Bühne der Kammerspiele in Arnon Grünbergs Uraufführung von „Hoppla wir sterben!“ Und um was geht es denn in unserer neoliberalen Konsumgesellschaft noch, außer um Geld?

Die Gewalt ist der Zweck geworden, sie ist kein Mittel mehr. Und wir begehen einen fatalen Fehler, wenn wir es uns so leicht machen und dieses Phänomen dem Islam in die Schuhe schieben wollen. Aus dieser Religion kommen lediglich die Rattenfänger, die leichtes Spiel haben bei jungen Menschen, denen die Hatz nach Geld gehörig „stinkt“, weil sie Werte, Liebe und Gemeinschaft suchen und nicht finden können. Diese Gemeinschaft finden sie in den mordenden Horden, in denen sie all ihren aufgestauten Frust und (so furchtbar frühen) Lebensüberdruss in echtem Blut ertränken können. Und ein Leitsymbol wird ihnen gleich mitgeliefert. „Allah ist groß!“ Caligula ist nicht mehr exemplarisch. Wehe uns, wenn er virulent wird, und zwar hier unter uns.

Wolf Banitzki


Caligula

von Albert Camus

Max Wagner, Constanze Wächter, Jean-Luc Bubert, Johannes Schäfer, Leon Pfannenmüller, Alexander Duda, Sohel Altan G., Justin Mühlenhardt / Violine Sophia Pfisterer

Regie: Lilja Rupprecht

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