Volkstheater  Romeo und Julia  von William Shakespeare


Infantil und gefallsüchtig

Der Kritiker ist zuallererst auch nur ein Zuschauer. Nur ist er nicht in der kommoden Situation, dass, wenn ihn eine Inszenierung nicht erreicht, berührt, in den Bann geschlagen hat, er sie einfach aus dem Bewusstsein tilgen und zur Tagesordnung übergehen kann. Er will und muss sich dazu verhalten. Also wendet er sich in seiner „Verzweiflung“ an das Programmheft, um Licht in das Dunkel der Lesart und des Interpretationsansatzes des Regisseurs/Dramaturgen zu bringen. Im Fall „Romeo und Julia“ (vorgeblich von William Shakespeare) stößt der Leser im Programmheft auf zwei Texte: „Lob der Liebe“ von Alain Badiou und „Das überforderte Paar“ von Eva Illouz. In beiden Texten wird das Thema Liebe in heutiger Zeit verhandelt und beide Autoren kommen zu erstaunlichen, bisweilen haarsträubenden Erkenntnissen.

Unterm Strich sind sich beide darin einig, dass die Liebe, wie sie bislang stattfand und praktiziert wurde, so nicht mehr funktioniert. Die veränderten sozio-ökonomischen Verhältnisse fordern uneingeschränkt das flexible Wesen, das sich zudem selbst die Frage stellt, ist eine Zweierbeziehung demokratisch und ökonomisch gerecht (auch in Bezug auf die Gefühlswelt), wenn jeder seinen Egoismus und seinen Hedonismus lebt? Eva Illouz fragt am Ende, ob eine Paarbeziehung überhaupt noch Sinn macht? Sie verteidigt das Modell mit dem Argument, „das monogame Paar (…) ist vielleicht die letzte soziale Einheit, deren Funktionsprinzipien denen der kapitalistischen Kultur zuwiderlaufen“. Also, wenn das nicht befremdlich klingt! Am Ende bedeutet es noch, dass Liebe Probleme evoziert. Wer hätte das gedacht!

Also in Shakespeares „Romeo und Julia“ ist das der Fall. Und dieser Fall ist auch noch exemplarisch, schließlich wird dieses Stück seit dem Erscheinen 1597 (noch ohne Angabe des Verfassers) weltweit rauf und runter gespielt. Und warum? Weil es das Phänomen Liebe als das wohl Bedeutendste charakterisiert, durch das der Mensch in die Lage versetzt wird, Grenzen zu überschreiten oder auch zu Grunde zu gehen. Was kann der Zuschauer nun im Volkstheater erwarten, wenn er in „Romeo und Julia“ von William Shakespeare geht? Jedenfalls bekommt er nicht, was draufsteht, denn Regisseur „Kieran Joel beleuchtet diesen Mythos aus heutiger Sicht und lässt die Geschichte um das wohl rätselhafteste und größte Gefühl der Menschheit Liebe selbstbestimmt aus Sicht der beiden Protagonisten erzählen. Die Liebe wird zum letzten Sehnsuchtsort in einer durchökonomisierten Welt, an dem es möglich ist, dass der Andere Zweck und nicht Mittel ist.“ (Werbetexte des Volkstheaters)

Was ist an der Geschichte unglaubhaft oder unmodern, dass man sie als solche nicht erzählen kann? Tatsache ist, hier ging es gar nicht darum, die Geschichte des Paares und ihres Liebestodes zu erzählen. Hier wurde Shakespeare (und nebenher auch Goethe) benutzt, um „wissenschaftliche Erkenntnisse“ zu illustrieren und den Zustand der Welt (in Liebesdingen) zu erhellen. Gebracht hat es jedenfalls nicht allzu viel.

 

  Romeo und Julia  
 

Luise Kinner (Mercutio), Silas Breiding (Romeo)

© Gabriela Neeb

 

Mercutio, gespielt von einer überaus komödiantischen Luise Kinner, sie gehört zu den seltenen unzerstörbaren Talenten, erklärte Romeo, Silas Breiding spielte diese Rolle wie ein fallsüchtiger, verstopfter Blasebalg, der vor Überdruck schier zu bersten drohte, und dem somit auch keine Differenzierungen im Spiel gelangen, dass Liebe nur biochemische Vorgänge seien, die schlimmstenfalls „In der Scheiße enden!“. Aber wenn eine Liebe wider Erwarten zu funktionieren scheint, wird auch sie unweigerlich „In der Scheiße enden!“. Dieser, in Alltagssprache gehaltener Monolog erheiterte das Publikum. An dieser Stelle sei ein anderer großer Literat zitiert, um aufzuzeigen, dass sich dieselben Thesen auch auf künstlerische Weise formulieren lassen: „Stehen zwei Menschen unter dem Einfluss der heftigsten, irrsinnigsten, trügerischsten und vergänglichsten aller Leidenschaften, so nimmt man ihnen den feierlichen Schwur ab, in jenem aufgeregten, abnormen und strapaziösen Zustand zu verharren, bis das der Tod sie scheide.“ (George B. Shaw) Egal, „In der Scheiße enden!“ geht natürlich auch. Ist halt eine Frage des Anspruchs.

Immerhin ließ sich Romeo überzeugen, zum Fest der Capulets, der feindlichen Familie zu gehen, um sich von seiner Liebe zu Rosalinde zu lösen. Dort traf er Julia. Carolin Hartmann gelang es kaum, diese blitzschlagartige Liebe durch ihre Erscheinung und ihr Spiel zu begründen. Jakob Immervoll gelang es immerhin, den Capulet, Julias Vater, in seiner Beschränktheit glaubhaft zu machen. Als Max Wagner ihm seinen Grafen Paris, also sich selbst, als Ehemann Julias empfahl, berief er sich auf die im Internet über Algorithmen errechneten Übereinstimmungen, so genannte Matches. Dieser Dialog, über Gebühr ausgewalzt und strapaziert, erheiterte das Publikum. Jonathan Hutters Lorenzo indes erheiterte nicht, denn er war ja nur der Franziskaner, der die Liebenden traute und der am Ende die trickreiche Kabale einfädelte, um das Paar zu retten, was allerdings nicht gelang. Sein Amt war ein zutiefst ernstes, denn er glaubte an die Liebe. (Ein berufsmäßiger Katholik halt.) Übrigens erfuhr der stückunkundige Zuschauer nicht, warum die Geschichte tragisch scheiterte. Jonathan Müllers Tybalt war in einem Fatsuit gewandet, wohl, damit man ihn Fettsack schimpfen konnte. Mercutio tat es und wurde gemeuchelt. Sie spielte nach Ankündigung einen großen Operntod, an dessem Ende auch noch die einzige politische Botschaft des Abends stand: „Fuck the AfD!“ Das Publikum war sehr erheitert!

Der Wechsel von Alltagssprache zu Shakespearscher und zurück, erleichterte das Verständnis auch nicht unbedingt und es verhinderte jegliche Atmosphäre, die zum Nachempfinden von Liebe (oder gespielter Liebe) förderlich gewesen wäre. Allein, die alltagssprachlichen Auslassungen erheiterten das Publikum und es drängt sich leider der Verdacht auf, dass es den Machern vornehmlich darum ging. Wie ließe sich sonst erklären, dass Romeo den Ring, den er während der Trauung durch Lorenzo drei Mal fallen ließ? Oder dass die Terminfindung der durch Capulet und Paris geplanten Hochzeit zu einer ganzen Szene ausgewalzt wurde? Oder dass Mercutio sein Sterben bis zur Langeweile zelebrierte, um dann mit einem faden Witz abzutreten?

Regiesseur Kieran Joel hätte wohl gut daran getan, das Stück als das seine auszugeben mit der Anmerkung, unter Verwendung von Ideen und Texten von William Shakespeare. Dann wäre die Erwartungshaltung, und eine solche lässt sich bei einem Stück wie „Romeo und Julia“ nicht unterdrücken, vielleicht eine andere gewesen. Die Inszenierung war geprägt von physischer Raserei auf vier Treppen (Es wurde in alle Himmelsrichtungen gedacht/gespielt) und einer Mittelbühne. (Bühne: Jonathan Mertz) Innehalten, stehen lassen von Momenten, Bildern, Gedanken – Fehlanzeige. Was nicht erspielt wurde, erschien als Videobilder (Video: Christin Wilke) auf der Gaze oder den Vorhängen. So auch die berühmte Szene um die Nachtigall und Lerche nach durchliebter Nacht. Einer der wenigen Augenblick, die an Shakespeare und sein Stück erinnerte.

Viele Einfälle erschienen infantil und nicht selten gefallsüchtig. Die Laxheit im Umgang mit den Shakespearschen Texten, so sie denn vorkamen, und die Rotzigkeit zeigte sich dann auch bei den Verbeugungen, die unkoordiniert und chaotisch stattfanden. Normalerweise wird auch die Verbeugungsordnung geprobt, denn es ist eine Frage des Respektes dem Publikum gegenüber. In diesem Fall schien es allerdings unnötig gewesen zu sein, denn das Publikum war erheitert und bedankte sich mit geradezu frenetischem Applaus.

Der Vorhang war gefallen und dennoch war wenigstens eine Frage offen. Wenn, wie in den Texten des Programmheftes beschrieben, das Dilemma tatsächlich dergestalt ist, dass Liebe eigentlich wegen der sozio-ökonomischen Verhältnisse so nicht mehr möglich ist, wie kann man das mit dem Stück „Romeo und Julia“ abhandeln? Wenn etwas im Stück nicht infrage gestellt wurde, dann doch die Liebe, oder? Sie kostete beiden Protagonisten das Leben. Könnte es nicht sein, dass die junge Generation zugunsten eines Hedonismus und eines Egoismus freiwillig auf die Liebe verzichtet? Und wenn nicht, warum steht sie dann nicht auf und pfeift auf den Kapitalismus und der daraus resultierenden Fremdbestimmung. Ist es vielleicht Feigheit? Romeo und Julia waren jedenfalls nicht feige.

Wolf Banitzki


Romeo und Julia

von William Shakespeare

Mit: Silas Breiding, Carolin Hartmann, Jakob Immervoll, Luise Kinner, Jonathan Müller, Jonathan Hutter, Nina Steils, Max Wagner

Regie: Kieran Joel

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