Volkstheater Das ferne Land von Jean-Luc Lagarce


 

Kein Amüsiertheater!

Louis wird sterben, bald schon. Darum tritt er eine letzte Reise in seine Heimat an, der er einstmals entfloh. Es ist ein fernes Land, in das er reist, denn dort ticken die Uhren anders. Dort ist die Tristesse zu Hause, die Ausweglosigkeit, der Stumpfsinn. Vielleicht hatte Louis die Hoffnung, mit offenen Armen empfangen zu werden. Der erste Eindruck gibt ihm recht. Doch dann offenbaren die Zurückgebliebenen ihren Status und der ist beklemmend und erschütternd. Louis begegnet der biologischen Familie, der Mutter, dem Bruder und dessen Familie und seiner Schwester. Aber auch dem verstorbenen Vater, der zeitlebens nur malocht hat und nie aus der Stadt herausgekommen war, es nicht einmal nach Paris schaffte, obgleich er es immer vorhatte.

Er trifft aber auch die Freunde wieder, die Geliebten und unter ihnen auch einen verstorbenen. Louis lässt die Lebensbeichten über sich ergehen und verstummt zusehends. Am Ende kann er seinen nahen Tod nicht verkünden, denn auch dieser Akt würde die Gräben zwischen allen noch tiefer reißen. Die Zurückgebliebenen mit ihren ungelebten Leben machen Louis für ihre Sackgassen verantwortlich, obgleich sie nicht einmal wissen, wie das Leben des „verlorenen Sohns“ aussieht. Man beneidet und verachtet ihn und weiß nicht einmal warum. Man weiß nur, wer weggegangen ist aus der Stadt, einer „Art Stadt“, kein Raum, in dem man leben möchte oder kann, hat Verrat geübt an denen, die zurückgeblieben sind.

Der Text von Jean-Luc Lagarce (1957-1995), zwischen 1991 und 1993 geschrieben, ist eine hochsensible Bestandsaufnahme zum Thema Abschied und Tod, den er selbst schon in sich trug. Es ist ein prosanaher Text in einem Stück, das handlungsarm ist und ohne deutliche dramatische Struktur auskommt. Die Syntax der Texte, ist ein überbordendes Blühwerk, in dem These und Antithese, unterschiedliche Tempusformen und sich steigernde und einander überbietende Konkretisierungen gleichberechtigt nebeneinander stehen oder aufeinander folgen. Was den Texten an Dramatik fehlt, wird ersetzt durch die Sogkraft der strudelartigen Bilder. Es fehlen durchgängige Dialoge, in denen abgearbeitet, analysiert, zugespitzt und nach einer Lösung gestrebt wird. Stattdessen hat jeder Darsteller irgendwann seinen großen Offenbarungsmonolog. Und jeder Monolog für sich ist ein Abgrund, in den der Zuschauer zu schauen gezwungen ist. Wozu das führt, hat Friedrich Nietzsche in „Jenseits von Gut und Böse“ beschrieben: „Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“ Genau dieses Entsetzen, das dabei entstand, war die wesentliche Qualität des Theaterabends. Es war eine ehrliche Inszenierung, die einem Franzosen vielleicht eher gelingt, als uns Deutschen, die wir uns den Blick auf das pure Leben immer gern mit Ideologien und Philosophien verstellen.

  Das fremde Land  
 

Gregor Knop, Reinhardt Winter, Luise Deborah Daberkow, Jonathan Hutter

© Gabriela Neeb

 

Unterm Strich entdeckte der Zuschauer eine Endzeit, einen Bankrott der Gefühle und Ideen in Bezug auf (k)eine Zukunft. Die Kraft der Protagonisten resultierte größtenteils aus ihrer Selbstverachtung, die Nietzsche erklärt mit: „Wer sich selbst verachtet, achtet sich doch immer noch dabei als Verächter.“ Schon das Bühnenbild von Pia Greven ließ jedes Streben nach ästhetischer Attraktivität vermissen. Es war eine bildliche Verlautbarung der Vergänglichkeit und der Schäbigkeit. Abgewetztes und vergilbtes Grün bedeckte den Boden. Wülste, landschaftliche Verwerfungen oder Schründe, dienten als Beete, die nach und nach mit weißen Lilien bepflanzt wurden. Die ambivalente Symbolik dieser Blume in unserem Kulturkreis reicht von Jungfräulichkeit bis Vergänglichkeit, wobei sich in diesem Zusammenhang letztere Bedeutung aufdrängte. Auf dem Prospekt vor dem Bühnenhintergrund waren die vagen Umrisse des Wohnhauses der Familie sichtbar, in die hinein Videoprojektionen gebeamt wurden. Davor standen einige billige Gartenstühle wie in einem Freiluftkino unter einer vielfarbigen Leuchtgirlande. Die Tristesse fühlte sich im Spiel dennoch atmosphärisch aufgeladen an.

Nicolas Charaux, der zuletzt mit seiner hochartifiziellen Inszenierung von Kafkas „Das Schloss“ begeisterte, überzeugt auch in dieser Arbeit mit guten bis verblüffenden szenischen Lösungen. In der Videoschau wurden die Darsteller nackt und bloß wie unter einem erbarmungslosen Vergrößerungsglas. Verblüffend war der Auftritt des Kriegers, gespielt von Oleg Tikhomirov, dessen Körper bei den meisten Männern Minderwertigkeitskomplexe erzeugen könnten. Beinahe nackt und vollkommen mit Goldfarbe überzogen, erschien er geräuschlos wie ein Wesen aus einer märchenhaften Welt, um einen tonlosen Schrei in den Raum zu schleudern. Das war ein Moment mit Gänsehautfaktor. Der Auftritt von Reinhardt Winter als der tote Vater war ein echter Höhepunkt der Inszenierung. Als eine Mischung aus verantwortungsvollem Familienvorstand, brutalem Macho und von Sehnsucht zerfressenem Malocher schuf er ein umfängliches Bild einer ganzen Generation, die den heutigen Wohlstand schuf, ohne ihn selbst genossen zu haben. Marie Goyette faszinierte als Louis' Mutter mit einer kaum zu unterdrückenden Komik, die selbst in tragischen Momenten mitschwang. Luise Deborah Daberkow, noch recht neu am Münchner Volkstheater gestaltete Louis' Schwester Suzanne mit ungeheurer Frische und einer Kraft, die schier unbändig war.

Es war wieder einmal bestes Ensembletheater, in dem auch sämtliche Darsteller überzeugten, die an dieser Stelle nicht genannt wurden. Einer sollte indes unbedingt erwähnt werden: Gregor Knop. Der 1987 in Berlin geborene Schauspieler faszinierte mit seinem überaus verhaltenen Spiel in der Rolle des Louis'. Darüber hinaus aber war es angesichts seiner Physis schwer vorstellbar, dass diese Rolle mit einem anderen Darsteller besser hätte besetzt werden können. Er erinnerte an den jungen Woody Allen mit seinen großen scheuen und fragenden Augen, nur war seine Ausstrahlung nicht komisch, sondern von einer fast biblischen Tragik. Nicolas Charaux weiß, wie man Bilder baut, auch und vor allem aus menschlichen Antlitzen. Und er weiß, wie man die Vorgänge mit unspektakulärer Musik wirkungsvoll unterlegt. (Musik Bernd Eder)

Dieser Theaterabend war einer, der sich mit anstrengender Arbeit vergleichen lässt. Er war nicht frei von Schmerz und er war gelegentlich auch quälend lang. Doch er war ehrlich und aufrichtig, zwei Attribute, die nicht unbedingt immer in einem Zusammenhang mit Erbauung und Wohlbefinden genannt werden. „Das ferne Land“ war kein Amüsiertheater!

Wolf Banitzki

 


Das ferne Land

von Jean-Luc Lagarce

Gregor Knop, Jonathan Müller, Mehmet Sözer, Jonathan Hutter, Oleg Tikhomirov, Reinhardt Winter, Marie Goyette, Silas Breiding, Luise Deborah Daberkow, Pola Jane O´Mara, Nina Steils

Regie: Nicolas Charaux

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