Volkstheater Michael Kohlhaas von Heinrich v. Kleist




Der Kohlhaas-Report

Es ist unbestritten eine der spannendsten, bewegendsten und verstörendsten Geschichten der deutschen Literatur: Michael Kohlhaas von Heinrich von Kleist. Und sie ist modern, moderner, als die meisten modernen Literaturen und Bühnenwerke. Sie behandelt das Thema Terrorismus. Michael Kohlhaas, einem Rosshändler aus dem Brandenburgischen widerfährt Unrecht, zuerst einmal nichtstaatliches Unrecht, sondern Unrecht, resultierend aus privater Willkür. Als er sich an die Obrigkeit wendet, um sein Recht einzufordern, wird offenbar, dass staatliches Recht inzwischen staatlich gewordene private Willkür ist. Nicht nur, dass ihm das gesetzlich verbriefte Recht vorenthalten wird, nein, er wird als Querulant und Unruhestifter abgestempelt und in sein Schranken verwiesen. Diese Schranke sind abgesteckt durch die zynische Arroganz der Macht. Vetternwirtschaft und Verantwortungslosigkeit, Selbstgefälligkeit und geistig-moralische Verwahrlosung sind an die Stelle von Rechtsstaatlichkeit getreten. Betrachtet man die Geschichte, so wird man schnell feststellen, dass diese Vorgängen ganz normal und gesetzmäßig sind. Am Ende stand in der Regel eine Revolution oder zumindest (Staats-) Reformen. Kohlhaas war, und er ist als solcher in jeder historischen Gesellschaftssituation auffindbar, ein Handelnder, das moralische Recht auf seiner Seite und das staatliche Recht gegen sich, der auf Veränderung veränderungswürdiger Zustände sann.


Friedrich Mücke

© Arno Declair


"Die Geschichte fordert den Leser heraus, Partei zu nehmen." (Jens Bisky, der mit: Kleist. Eine Biographie. Berlin 2007, von deutschen Gazetten aller Couleur höchstes Lob erntete.) Schön, denkt man sich, endlich mal etwas, was weiterhilft in den Überlegungen bezüglich Terrorismus. Doch weit gefehlt. Die Bühnenfassung, die sich ganz augenscheinlich sehr stark auf die analytischen Gedanken von Herrn Bisky stützt, bezieht keinesfalls Stellung, noch erlaubt sie dem Publikum, sich zu orientieren. Um nicht falsch verstanden zu werden, es geht nicht darum, dass der Zuschauer eine vorgefertigte Weltanschauung vorgesetzt bekommt, aber es ist doch zumindest zu erwarten, dass die Macher (hier Regisseurin Hanna Rudolph und Dramaturgin Katja Friedrich) Argumente liefern für oder gegen Haltungen. Würde der Zuschauer die Kleistsche Novelle lesen, wäre er "so klug als wie zuvor". Diese Haltungslosigkeit der Inszenierung im Münchner Volkstheater befördert zumindest eines: die pluralistische Diskussion in alle Richtungen. Na ja, das ist doch zumindest abendfüllend, wenn auch nicht erkenntniserweiternd.

So brüchig wie das geistige Konzept war denn auch das ästhetische. Scheinbar als Report angedacht, glitt die Inszenierung immer wieder ins ästhetisierende ab. Nicht nachvollziehbar waren schauspielerische Auslassungen, wie das Spiel von Nico Holonics als Pferdeknecht Herse während der Befragung durch Kohlhaas (Friedrich Mücke). In dieser Szene glaubte man einen gespreizten Oscar Wilde auf Koks vor sich zu haben, und dabei war es doch ein brandenburgischer Pferdeknecht. Warum mussten die Schauspieler vorgeben, die Vorstellung musikalisch zu begleiten, wenn doch für jederman sichtbar war, dass die wenig überzeugende Musik (Kriton Klingler-Ioannides) aus der Konserve kam? Und warum gab es eine Rampe durch den gesamten Zuschauerraum, über die die Schauspieler auf und ab gingen? Um das Oben und Unten einer Gesellschaft zu versinnbildlichen? Das wäre dann doch ein recht schwacher Einfall! Das Bühnenbild von Nadia Fistarol, schwarz und durch Folienvorhänge begrenzt, war ganz auf Zweckmäßigkeit ausgerichtet. Auf der Bühne Stühle, Tische, Lautsprecherboxen, ein elektronisches Klavier. Beinahe alles wurde mit Vehemenz bewegt. Nur selten wurde jedoch der Grund sichtbar und gelegentlich beförderten die Umräumaktionen den Zuschauer unsanft aus der Geschichte heraus.

Dabei musste man den Schauspielern höchstes Lob zollen. Sie spielten engagiert und voller Hingabe. Jeder einzelne konnte seine Stärken ausspielen. Allen voran Friedrich Mücke, dessen physische Präsenz allein den Kohlhaas, einen Mann der einige Städte in Schutt und Asche gelegt hatte, glaubhaft erscheinen ließ. Xenia Tiling überzeugte in der Rolle der Ehefrau von Kohlhaas ebenso wie in der Verkörperung männlicher Rollen, obgleich sie immer ganz Frau war. Gabriel Raab, Robin Sondermann und Andreas Tobias komplettierten bestes Ensemblespiel in nicht weniger als zwölf Rollen, wenngleich es gelegentlich schwierig wurde, den Überblick zu behalten. Zuschauer, die den Kleistschen Kohlhaas nicht kannten, fanden sich dann und wann auf verlorenem Posten wieder. Hier hätte die Dramaturgie besser zum Stift gegriffen.

Es war eine ambitionierte Arbeit von Hanna Rudolph, die ästhetisch entgrenzen wollte und dabei mehrfach ausglitt. Die Wahl der ästhetischen Mittel sollte immer dem Effekt geschuldet sein, den das Mittel auszulösen vermag. Wenn das Mittel Selbstzweck ist, und nicht selten schien es so, wirkt es kontraproduktiv. Die Inszenierung ist aufgrund der guten schauspielerischen Leistungen eines kraftvoll agierenden Ensembles sehenswert. Der Inhalt, einmal von der Großartigkeit der Kleistschen Vorlage abgesehen, vermag nicht zu überzeugen.

Man sollte diesen Text nicht als Vorlage wählen, wenn man kein gesellschaftliches Anliegen verfolgt, wie Kleist es tat, als er den Text schrieb. Angesichts der Modernität wäre eine Provokation angebracht gewesen. Warum gelang es dieser Inszenierung nicht, dem Publikum einmal zu erklären, dass Terroristen nicht vom Himmel fallen oder fehlgeleitete Irre sind, sondern das Produkt einer Gesellschaft, die selbst in die Schieflage geraten ist? Die deutschen Innenminister wissen das längst, allen voran Herr Schäuble. Der ist ein wirklich guter und fleißiger Staatsdiener, denn er wandelt die demokratische deutsche Gesellschaft langsam aber unaufhaltsam in eine geschlossene um. Und er tut das präventiv, um die kommenden Kohlhaasfiguren beizeiten eliminieren zu können. Kohlhaas ist eine historische Gesetzmäßigkeit, was seine permanente Wiederkehr beweist. Insofern sollten wir uns nicht mit der moralischen und juristischen Verurteilung aufhalten.

Diese Inszenierung war durch ihre Unentschiedenheit und durch ihre Haltungslosigkeit bestes Staatstheater. Sie erweckte den Eindruck, dass eine Auseinandersetzung stattfindet. Sie findet aber ebenso wenig statt, wie bei der Bewältigung der RAF. Und genau in dieser Inkonsequenz besteht das Dilemma bürgerlichen Denkens. Konsequent wäre beispielsweise auch gewesen, den heute lächerlich anmutenden Appendix um die Prophezeiung einer Zigeunerin wegzulassen. Aber das stachelt Befindlichkeiten an und darauf verzichtet heutiges Unterhaltungstheater ungern.


Wolf Banitzki

 


Michael Kohlhaas

von Heinrich v. Kleist

Nico Holonics, Friedrich Mücke, Gabriel Raab, Robin Sondermann , Xenia Tiling, Andreas Tobias

Regie: Hanna Rudolph
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