Volkstheater Dingos von Paul Brodowsky




Auf den Hund gekommen

Paul Brodowsky, der von sich sagt, "Ich halte mich gerne in Menschenkollektiven auf", bewegt sich mit dem Stück "Dingos" aus eben diesen Gemeinschaften heraus. Die Wüste Australiens wählte er als Schauplatz für den Machtkampf zwischen den Protagonisten Carla und Georg. Australien als Metapher für den in der Wüste auf sich selbst zurück geworfenen Menschen. Nein, es handelt sich bei der Wahl des Ortes um keine Metapher (so der Autor), sondern schlicht um ein Reiseland, in dem "gesichertes" Abenteuer möglich ist. Wüste und doch nicht Wüste, so spiegelt der Ort gleichsam auch die moderne Einöde Großstadt wieder. Hier sind die "Pisten", auf denen Begegnungen stattfinden, ebenfalls ausgefahren, in Zeitschriften vordefiniert und in den Szene-Karten verzeichnet. Hier wie dort agiert die Unwägbarkeit Mensch, der doch so berechenbar ist in seiner Emotionalität.

Carla und Georg fahren mit einem Geländewagen für eine Woche durch die Wüste. Ausgerüstet mit reichlich Wasser und Treibstoff, sowie einer Landkarte beginnen sie das Abenteuer. Und wäre da nicht Adrian, mit dem Carla eine kurze Affäre hatte, unsichtbar mit im Gepäck, wäre es nicht mehr als eine Urlaubsfahrt. Doch in Georgs Fantasie erstehen immer wieder die Bilder der Begegnungen zwischen den Beiden, bis er schließlich beginnt, diese Szenen nachzustellen und mit Carla auszuleben. Eifersucht, Trotz und die ganze Palette der Gefühle wird ausgebreitet. Carla überfährt ein Känguru, Georg kämpft mit einem Dingo und so kommt auch der Tod ins Spiel.


Xenia Tiling, Justin Mühlenhardt

© Gabriela Neeb


Paul Brodowsky ist ein moderner Autor (Diplom-Kulturwissenschaftler) mit einem genauen Blick auf seine Generation und ihre kulturelle Welt. Die Reproduktion von Wissen und Kultur steht für Lebensinhalt. Carla und Georg singen während der Fahrt abwechselnd Passagen aus bekannten Hits, wobei ein Thema von Lied zu Lied übergreift. Georg improvisiert gelegentlich schon mal. "Wenn du nicht weiter weißt, erfindest du selbst"; aber das lässt Carla nicht gelten. Doch schon wenig später wirft sie Georg vor, er sei zu sehr an Wissen und Tradition orientiert. Brodowsky zeichnete heutige Figuren in ihrer Klischeehaftigkeit. Sie muten an wie Kinder, die den Aufstand proben, ohne Ziele und Inhalte, sieht man von persönlichen Befindlichkeiten, die unter der Bezeichnung Selbstverwirklichung um Anerkennung ringen, ab. Wie gut, dass es den Tod gibt, der in der Lage ist Schlusspunkte zu setzen wo Entwicklung ausbleibt oder an Grenzen gerät.

Regisseur Philipp Jescheck setzte in seiner Inszenierung auf Emotionalität und auf Aktionismus. Leider ist Aktionismus nicht gleichzusetzen mit Dramatik und so rief denn manche Tollerei beim Betrachter nur Langeweile hervor. Xenia Tiling und Justin Mühlenhardt ließen sich von der Regie eine Menge abfordern, wobei nicht immer deutlich wurde, ob sie auch wußten was sie taten. Den Schauspielern ist wohl kein Vorwurf zu machen, denn ihr Bemühen war aufrichtig. So sprunghaft wie der dramatische Entwurf des Autors ist, so sprunghaft war dann auch die Umsetzung durch die Spielleitung. Die innere Logik blieb nicht selten auf der Strecke. Physischer Aktionismus auf der Bühne verlangt, um Wirkung zu entfalten, höchste Präzision. Hier muss man der Regie eine gewisse Schlampigkeit bescheinigen. Mit dem Konflikt, und ein solcher sollte in jedem Theaterstück bewältigt werden, haben sich sowohl Paul Brodowsky als auch Philip Jescheck übernommen, denn keine der Figuren hat eine Wandlung durchlaufen.

Die Aufführung mutete an wie verzappeltes Gezicke, das vielleicht das Lebensgefühl einer Generation wiedergibt, jedoch als Aussage ziemlich mager daher kommt, auch wenn das längst akzeptierter Bestandteil der bürgerlichen Gesellschaft ist.



C.M.Meier

 

 


Dingos

von Paul Brodowsky

Xenia Tiling, Justin Mühlenhardt

Regie: Philipp Jescheck
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