Volkstheater Liliom von Ferenc Molnár




Liliom - der unschuldig Getötete

Liliom ist der Platzhirsch auf dem Rummelplatz der Vorstadt. Er verdient seine Brötchen als Ausrufer. Die Mädchen lieben seine Testosteron-Ausdünstungen und wenn er ihnen die Hand auf die Hüften legt, sind sie im Paradies. So läuft das Geschäft gut für Frau Muskat, die seinen Vorstadtmachoreizen ebenfalls erliegt. Doch Liliom ist stolz und als Frau Muskat ihn zurechtweisen will, geht er. Im seinem Gefolge Frau Muskats Angestellte Julie, die ihn liebt, es ihm aber nicht sagen kann und schwanger wird. Als der arbeits- und einkommenslose Liliom von seiner künftigen Vaterschaft erfährt, lässt er sich zu einem Raubüberfall verleiten. Doch es ist nicht sein Metier und bevor er sich in die Hände der Justiz zu begibt, rammt er sich lieber das Küchenmesser in den Leib. Nach sechzehn Jahren Fegefeuer wird ihm noch ein Erdentag geschenkt. Ist Liliom ein besserer Mensch geworden? Franz Molnár gibt eine überzeugende Antwort.

Molnárs schrieb sein "Märchenspiel" vor etwa 100 Jahren. Es wurde ein Klassiker des Volkstheaters und wer nicht weiß, wie alt dieser Text ist, könnte ihn möglicherweise für einen zeitgenössischen halten. Das Drama beschreibt die Welt der "kleinen Leute", die damals wie heute mit Unterschicht tituliert wurden und werden. Es sind bedauernswerte Geschöpfe, die nachmittags im Privatfernsehen wie in einer Freakshow vorgeführt werden. Es sind Menschen ohne Bildung und ohne einen bedeutsamen Lebensanspruch außer dem, ein guter Konsument zu sein. Im Konsumismus aber hat Ethik keinen Platz. So sind diese Menschen selten mehr als Produkte eines Schlagabtausches mit der verleugneten Realität, wobei die Realität letztlich immer siegt. Sie folgen keiner Moral, sondern den existenziellen Notwendigkeiten des Tagesgeschäftes.

 

Benjamin Mährlein

© Arno Declair


Monika Rovans Bühnenbild war schlicht und überzeugend. In einer runden Arena, gekrönt von einem kreisrunden Glitzerhimmel, drehte sich die Scheibe des Lebens. Die Welt als Scheibe - bewusster Entwurf oder passierter Geniestreich? Die Scheibe rotiert und entwickelt für alles, was sich auf ihr befindet, Fliehkraft. Wer nachlässt im Lebenskampf wird über den Rand geworfen. So funktioniert selbstentfremdetes, von den Gesetzen der Ökonomie diktiertes Leben. Doris Homolkas Kostüme beschreiben eine weitere Ebene der sozialen Determination. In einer Welt, in der Design mehr zählt als Sein, ist derjenige automatisch außen vor, der sich Geschmack (eine kulturelle Errungenschaft - die er selbst nicht haben muss) nicht leisten kann. So geben sich diese Menschen freiwillig der Lächerlichkeit preis in formlosen schrillfarbigen Joggingklamotten, Turnschuhen oder Cowboystiefeln, die alles andere als kleidsam und vorteilhaft sind. Strass spiegelte sich in den Augen und in den Gedanken.

Nicholas Reinke gab Liliom. Das Pseudonym ist der Mythologie entlehnt und suggeriert den "unschuldig Getöteten". Reinke wirkte kraftvoll, unberechenbar und zugleich doch auch verletzlich. Er, Liliom, genoss seinen Ruf, scheute vor Brutalitäten nicht zurück und war doch zugleich ein Hilfloser. Er wusste sich im Dilemma, fand aber in seiner Welt keinen Ausweg. Die Rhetorik war geprägt von den soziale Verhältnissen. So verkörperte die sehr zerbrechlich wirkende Ines Schiller eine Julie, die im Bewusstsein ihrer eigenen Zerbrechlichkeit wegstecken konnte, auswich, duldsam war und wenig preis gab von ihren inneren Kämpfen und Sehnsüchten. Freundin Marie war das ganze Gegenteil. Stephanie Schadeweg gestaltete die Rolle der oberflächlichen, in Fettleibigkeit und Stumpfsinn endenden Frau facettenreich und witzig.

Regisseurin Christine Eder konnte auf eine wunderbare Vorlage zurückgreifen und tat dieser keine Gewalt an. Die Inszenierung hatte, Dank des guten Bühnenbildes und der durchgängig guten schauspielerischen Leistungen, einen hohen Schauwert. Leider wies die Inszenierung in der ersten Hälfte einige Längen auf. Die gelegentliche Sprachlosigkeit der Protagonisten in Liebesdingen, ein geschwätziges Geplänkel, um sich nicht trennen zu müssen, erhielt nicht den notwendigen gestischen oder mimischen Subtext. Um so gelungener hingegen die Darstellung der jenseitigen Welt. Der Übermächtige als Zwerg, als Entertainer. Benjamin Mährlein gab ihn von nüchtern bis süffisant.

Unterm Strich eine sehenswerte Arbeit, mit der sich das Volkstheater das Verdienst erworben hat, ein so wertvolles und gutes Stück Dramatik von Franz Molnar am Leben zu erhalten.


Wolf Banitzki

 

 

 


Liliom

von Ferenc Molnár

Nicholas Reinke, Ines Schiller, Stephanie Schadeweg, Sophie Wendt, Benjamin Mährlein

Regie: Christine Eder
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok Ablehnen