Volkstheater Die Unbekannte aus der Seine von Ödön von Horváth




Verschenkt

Der Protagonist in Horváths Stücken ist zumeist der perspektivlose Kleinbürger. Es sind Menschen an Abgründen, die selbst alle Abgründigkeiten der Welt in sich tragen. Horváths Dramen sind eine Freakshows des Allzumenschlichen. In „Eine Unbekannte aus der Seine“, geschrieben 1933, griff er ein Thema auf, das wie kaum ein anderes die Kleinbürgerlichkeit des Denkens und Empfindens entlarvt. Hintergrund ist die obskure Totenmaske einer Frau, deren Leiche 1900 aus der Seine gefischt wurde. Ein Mitarbeiter der Pariser Leichenschauhalle hatte sie angefertigt, um das ungewöhnliche Lächeln der schönen Frau für die Nachwelt zu konservieren. Gelegentlich wurde der Gesichtsausdruck der Unbekannten mit dem Lächeln der Mona Lisa verglichen, ein Vorgang, der viel über den scheinbar naturgegebenen Voyeurismus des Menschen aussagt. Die Totenmaske wurde ein Bestseller und „schmückte“ zahllose Wohnstuben. Dieser Vorgang beschreibt an sich schon die Charaktere vieler Horváthscher Figuren. Dass er sich dieser unheimlichen Geschichte annahm, verwundert also nicht.

Er war den kryptofaschistischen Tendenzen dieser kleinbürgerlichen Existenzen auf der Spur und ließ die braven Spießer an ihren dunklen Seite zerbrechen, selbst dann, wenn sie wohlanständig überlebten. Als Menschen im humanistischen Sinn waren sie unbrauchbar geworden. Der vorbestrafte und arbeitslose Albert kehrte in die Heimatstadt zurück, um seine Braut wiederzusehen. Diese hat sich allerdings schon mit Ernst arrangiert. Enttäuscht wendet sich Albert ab und begeht gemeinsam mit Nicolo einen Raubmord an einem Uhrmacher. Die Unbekannte, sie ist seit zwei Tagen obdachlos, wird Augenzeugin des Verbrechens. Das Wissen um die Missetat bringt die beiden zusammen. Als schließlich die Braut Irene bereit ist, zu Albert zurückzukehren, geht die Unbekannte in die Seine, um ein- für allemal das belastende Wissen gegen Albert auszulöschen. Sie tut es freien Willens und als Liebesbeweis. So schrieb Horváth die Geschichte nieder. So werktreu erzählte Regisseurin Anna Bergmann sie allerdings nicht auf der Bühne des Volkstheaters. Dort wurde die Unbekannte von Irene erdrosselt. Dabei drängt sich natürlich die Frage auf, woher das Lächeln auf dem Antlitz der Toten kam, die so gewalttätig ins Jenseits befördert wurde?

Doch das ist nicht die einzige Frage, die sich im Zusammenhang mit der Inszenierung aufdrängt. Ben Baurs Bühnenbild beeindruckte immerhin im ersten Teil der Inszenierung. Er hatte eine kleinstädtische Kulisse geschaffen, in der das ganze Panoptikum aus Eingeborenen einsehbar war wie auf einem Präsentierteller. Die durchgängig schwarzen Gebäude umrahmten die marktplatzähnliche Spielfläche, auf der der erste Teil der Handlung bis hin zum Mord, dem städtischen Aufruhr um die Freveltat und die parallel ablaufende Junggesellenparty des Inhabers des Elektrogeschäftes sehr überschaubar ablief. Am Ende philosophierte Albert über seinen verzweifelten Zustand. In diese Szene hinein erschienen die Bühnenarbeiter, um die Kulisse zu demontieren. Warum? Immerhin lenkte das Gewusel sehr von dem überaus wichtigen Monolog ab.


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Sina Kießling, Felix Kramer,Robin Sondermann, Pascal Fligg,Kristina Pauls, Jean-Luc Bubert

© Arno Declair

Der zweite Teil spielte vor einem, den gesamten Bühnenhintergrund verdeckenden Prospekt mit einer Waldlandschaft. Davor befand sich die Wohnung Alfreds als eine Art flachbegrenzter Spielplatz. Und hier drängte sich die nächste Frage auf. Warum musste Felix Kramer (Albert) beinahe die gesamte Szene, in der er wiederum auf groteske Weise sein Dasein, das Dasein an sich und seine vermeintliche Liebe zu der Unbekannten (Xenia Tilling) spiegelte, splitterfasernackt agieren? Eine schlüssige Antwort kann darauf nicht gegeben werden und Spekulationen sollen an dieser Stelle unterlassen werden. Sicher war dieser Entblößung eine Symbolik eigen. Aber welche?

Immerhin bemühte Frau Bergmann einige Theatertechnik, ließ es auf der Bühne kräftig regnen. Als Irene (Sina Kießling) ihren Mord an der Unbekannten begangen hatte, Alfred endlich in seine Kleider geschlüpft war, fiel der Prospekt unerwartet auf den Bühnenboden und gab den Blick auf eine spätere Zeit frei. Komplett rosafarben präsentierte sich nun die heile Welt der Kleinbürger, die, aufgereiht mit Kind und Kegel, ihre „Glückseligkeit“ zur Schau stellten. Platter ging’s kaum, als man sich um die Leiche gruppierte, und darüber schwärmte, dass die Tote, sie lag bis zum Schlussvorhang auf der Vorderbühne, eine wunderbare Installation abgab. Der Bürger als Kunstliebhaber feierte Triumphe, als sich das rosafarbene Haus öffnete und der Kinderchor des Gärtnerplatzes ein süßliches Finale einläutete. Auch hier stellt sich die Frage, ob dieser recht plakative Einfall den Aufwand künstlerisch rechtfertige?

Mögen die szenischen Lösungen auch dem einen oder anderen Zuschauer gefallen haben, die Aufhebung und der Transport der Horváthschen Vision kann kaum als geglückt angesehen werden. Das Universum dieses Dramas in geschriebener Form ist deutlich größer, als die schmalspurige Desavouierung des Kleinbürgertums. Die Verächtlichmachung verhinderte zumindest ein tieferes Verständnis für die hintergrüngigen Verhältnisse. Es wäre wohl besser gewesen, wenn sich die Regie auf mehr als nur drei oder vier Rollen konzentriert hätte. Von Geschlossenheit kann kaum die Rede sein, denn neben den Figuren Albert, Irene, die Unbekannte und Ernst (Jean-Luc Bubert) kam kaum eine wirklich zum Tragen. Damit wurde ein in sich geschlossenes und im Detail einander bedingendes Gesamtbild verschenkt. Ein umfassenderes und geschlossenes Menschenbild entwickelte von den oben genannten Darstellern lediglich Jean-Luc Bubert als Ernst. Seine Figur nahm die deutlichsten Züge an. Viele wichtige Nebenrollen verbleiben nicht in der Erinnerung, wie zum Beispiel Ursula Maria Burkhart als Lucille, Justin Mühlenhardt als blinder Theodor, Pascal Fligg als Polizist oder Michael Tschernow als Uhrmacher. Bei der Lesart von Regisseurin Anna Bergmann verkamen diese Rollen zu Fußnoten der Geschichte, obgleich den Darstellern ihr Bemühen deutlich anzusehen war.

Es war ebenso ersichtlich, dass es Anna Bergmann um starke, reizvolle Bilder ging, und nicht um die komplexe Geschichte, deren Wahrheiten in den Seitengassen lagern und dort auch belassen wurden. Der starke Plot konnte vor Diffusion nicht schützen. Das Ergebnis befriedigte nicht und hinterließ einen schalen Nachgeschmack. Schade, denn es ist ein große Geschichte, der ein fester Platz in den Spielplänen gebührt, da sie heute wie damals so oder so ähnlich noch immer geschieht. Ödön von Horváth ist trotz aller Überzeichnung noch immer ein Meister in Fragen des Allzumenschlichen.

Wolf Banitzki

 

 

 


Die Unbekannte aus der Seine

von Ödön von Horváth

Jean-Luc Bubert, Ursula Maria Burkhart, Pascal Fligg, Sina Kießling, Felix Kramer, Justin Mühlenhardt, Kristina Pauls, Robin Sondermann, Xenia Tiling, Max Wagner, Michael Tschernow

Regie: Anna Bergmann
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