Volkstheater Das Maß der Dinge von Neil LaBute



 

Wenn Liebe zur Selbstaufgabe führt

Adam, ein Anglistikstudent, jobbt als Aufseher im Museum. Er nimmt diese Arbeit sehr ernst, nicht weil sie ihn besonders begeistert, sondern weil er unliebsame Zwischenfälle fürchtet. Er ist ein stiller junger Mann, der sich nur in seiner Anonymität sicher fühlt. Auftritt Evelyn. Sie ist Kunststudentin und plant, einen Penis auf eine antike Plastik zu sprühen, denn dieser ist nachträglich verhüllt worden, was sie als Zensur empfindet. Eine Liebesgeschichte entspinnt sich. Evelyn beginnt, den unscheinbaren, geradezu unattraktiven Mann in einen begehrenswerten, ausstrahlungsstarken Loverboy zu verwandeln. Nebenher arbeitet sie an ihrem Abschlussprojekt, und so erfährt der Zuschauer einiges über Kunsttheorie. Erste Misstöne kommen auf, als Adam Evelyn mit dem Freund Philipp und dessen zukünftige Ehefrau Jenny zusammenbringt. Gegenstand der Auseinandersetzung ist die Kunst. Jenny war einstmals der Schwarm von Adam, doch er hatte nie den Mut, sich ihr zu offenbaren. Zwischen Jenny und Philipp kriselt es. Jetzt macht Jenny den ersten Schritt auf Adam zu und es kommt zum scheinbar Unvermeidlichen. Ein Strudel aus Leidenschaft, Berechnung und Intrige scheint alle Liebe zur verschlingen. Es wird gelogen, geblufft, misstraut und betrogen, doch am Ende nimmt die Geschichte eine verblüffende und erschreckende Wendung.

Alu Walters Bühnenraum war minimalistisch. Eine kleine Drehbühne lieferte das Podium für exponierte Szenen, Momente der Besinnung, der Erotik oder auch der Erschütterung. Ansonsten wurde der Raum der „Kleinen Bühne“ des Volkstheater über die gesamte Länge hinweg bespielt. Dabei kamen die Schauspielern den Zuschauern sehr nah, was eine besondere Intensität erzeugte. Die vierte Wand war von Beginn an nicht existent.

Regisseur Florian Helmbold inszenierte das psychologische Kammerspiel unter Berücksichtigung dieser Tatsache. Er organisierte das Spiel unprätentiös und schuf dadurch die notwendigen Räume, um die inneren Vorgänge der Figuren sicht- und fühlbar zu machen. Er setzte dabei auf den Witz LaButes und dessen anspruchsvolle Gedankengänge. So blieb das Spiel vom ersten bis zum letzten Augenblick spannend und fesselnd. Neil LaButes Texte mögen zwar Kunstkonstrukte sein, doch sie bewegen sich messerscharf durch die Realität. Da war kaum ein Zuschauer, der sich in diesem Stück nicht in irgendeiner Weise wiederfand. Das ist eine Voraussetzung für gutes Theater, wenn zudem die szenische Umsetzung gelingt.

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Pascal Fligg

© Gabriela Neeb

Bei Helmbold stimmte sie, denn es gelangt ihm, die Darsteller zu präzisem und engagierten Spiel zu verleiten. Pascal Fliggs erspielte die Metamorphose des „Losers“ Adam nicht nur physisch. Immer wieder gelangte er an die Grenzen der Selbstverleugnung, was ihn in tiefe seelische Qualen stürzte, ohne dass er dabei „brunnenvergiftend“ (So bezeichnete Marlene Dietrich das Spiel Emil Jannings in „Der blaue Engel“.) wurde. Xenia Tilings Evelyn war in ihrer Eloquenz rasierklingenscharf und unterkühlt. Wenn beide dann erotische Momente spielten, übrigens sehr schön unaufdringlich gestaltet, deutete sich der zwiespältige Charakter ihrer Figur immer wieder neu an, die in der letzten Szene eine brachiale Aufklärung erfuhr. Zu keiner Zeit verlor diese Evelyn die Kontrolle über die Vorgänge, die sie virulent vorantrieb. So erfasste der Strudel der Manipulation jede in den Bannkreis geratenen Figur. Erstes Opfer war Phillip, der narzisstische Freund und einstiger Mitbewohner Adams. Robin Songermann gab eine Figur, die sich sehr schnell aus der Reserve locken ließ und die (Selbst-) Kontrolle verlor. Sondermann erzeugte ein Explosivität, die die Szenen, in denen er auftrat, beinahe zum Kippen brachte. Doch sie kippten nicht. Davor war die Unbedarftheit der Jenny. Christine Pauls spielte eine so verstörte, defensive und nicht selten auch überforderte Jenny, dass sich natürliches Mitgefühl, wenn auch nur rudimentär, bei den anderen, sehr eigensinnigen Protagonisten einstellte, was den emotionalen Druck maßvoll hielt.

Immerhin ist der Titel des Stücks „Das Maß der Dinge“. Schnell wurde erklärt und deutlich, dass das Maß sehr subjektiv ist. Doch wenn die Subjektivität und der eigensinnige Anspruch darauf dazu führt, dass man sich auf nichts mehr einigen kann, stimmt etwas nicht. Und genau darum ging es. Wenn Individualismus in Asozialität mündet, beweist das nur, dass selbst (vorgeblich) liebende Menschen, sehr weit auseinander gerückt sind, dass Liebe zum Instrument geworden ist. Wie weit das führen kann, erfuhr der Zuschauer dann in der Schlussszene.

Es war ein gelungene Inszenierung, die nur empfohlen werden kann. Gutes Handwerk des Regisseurs, eine intelligente Umsetzung des Textes und engagiertes und diszipliniertes Spiel der Darsteller schufen ein Diskussionsangebot zu Fragen, die wohl jeden bewegen. Neil LaBute ist ein kluger Autor, der einige schlüssige Antworten zu geben vermag.


Wolf Banitzki

 

 


Das Maß der Dinge

von Neil LaBute

Pascal Fligg, Kristina Pauls, Robin Sondermann, Xenia Tiling

Regie : Florian Helmbold
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