Volkstheater Bluthochzeit von Federico García Lorca



 

Der Tod tanzt

Spätestens seit der Filmtrilogie, die Regisseur Carlos Saura dem Flamenco widmete und zu der neben Carmen (1983) und Liebeszauber (1986) auch die Bluthochzeit (1981) gehört, weiß man um die Magie von Musik und Machismo, dem männlichen Verständnis einer archaischen Geschlechterrolle. Es ist die erschütternde Konsequenz der Lösung von Liebeskonflikten, die zumeist im Blutvergießen endet und dem Betrachter immer wieder einen heiligen Schauer über den Rücken jagt. Über Jahrhunderte war das andalusische Lebensgefühl von diesem Rollenverhalten geprägt. Auch Federico García Lorca widmete sich dem unausweichlichen Thema. Allerdings stellte er den Sinn dieser Rituale in Frage und artikulierte darüber eine alles umfassende Trauer. Einen Ausweg vermochte er nicht anzubieten. Allzu übermächtig waren die gesellschaftlichen Meme, wie selbst sein eigener Tod und die Jahrzehnte andauernde Verleugnung seiner Person und seiner Kunst bewiesen. „Bluthochzeit“ spielt im Herzen Iberiens. Unter einer unbarmherzigen Sonne lösen Gefühle die Vernunft auf und die Katastrophe nimmt ihren Lauf.

In der „lyrischen Tragödie“, wie Lorca die das Drama nennt, heiratet ein junger Mann eine Frau, die er liebt und die ihn liebt. Vergessen soll sein, dass die junge Frau schon einmal verlobt war mit Leonardo, der schließlich die Cousine der Braut geheiratet hat. Vergessen soll auch sein, dass Leonardos Familie schon den Vater und den Bruder des Bräutigams getötet haben. Es ist eine gute Konstellation in Fragen der Liebe und auch des Besitzes. Also, wozudie Vergangenheit beschwören. Doch Leonardo Herz schlägt noch immer für die junge Braut. Gemeinsam fliehen sie in der Hochzeitsnacht. Der Bräutigam setzt ihnen nach und bringt sie auf blutige Weise zur Strecke. Leonardo und auch der Bräutigam sterben. Die Braut kehrt blutbesudelt heim in das Haus der Schwiegermutter, unberührt noch immer, und nur noch von dem Wunsch beseelt zu sterben.

bluthochzeit

Max Wagner, Ilona Grandke, Michael Kitzeder, Ursula Maria Burkhart, Robin Sondermann, Kristina Pauls, Oliver Möller, Mara Widmann, Jean-Luc Bubert, Xenia Tiling

© Arno Declair

Der serbische Regisseur Miloš Lolić hatte diese Geschichte auf unerhört eindringliche Weise in Szene gesetzt. Gespielt wurde kaum. Gruppenbilder dominierten die Szene, wobei die Darsteller das Wort und die lyrische Botschaft Lorcas zelebrierten. Lolić setzte nicht auf körperliche Aktion, sondern ersetzte Spiel durch permanenten Rhythmus. Das unentwegte Stampfen der hochhackigen Schuhe oder das Klatschen in die Hände versetzen die Szene von Anbeginn in unheilschwangere Schwingungen. Der Tod tanzte vom ersten Augenblick an unsichtbar, aber hörbar mit. In dieser statuarischen Darstellung wurde die Qualität der Übersetzung von Rudolf Wittkopf deutlich, deren Rhythmus organisch mit Flamenco und Bodyperkussion verschmolz. Die Figuren blieben in der gerade einmal eine Stunde dauernden Aufführung zwar holzschnittartig, erfüllten aber allemal ihren Zweck, der in erster Linie darin bestand, einen Gesellschaftskörper röntgenartig zu durchleuchten.

Ursula Maria Burkhart fiel die Rolle der besorgten Mutter zu, die bei dem Wort „Messer“ innerlich zusammenzuckte und hörbar oder auch nur durch ihre Haltung das Ende der Geschichte voraussagte. Robin Sondermanns Bräutigam hielt bis zur Offenbarung des Verrats an seinem Glück lächelnd fest. Er war gewillt, der Vergangenheit nicht das Wort zu reden. Kristina Pauls als Braut unterdrückte alle Impulse, festen Willens, aus ihrer Situation ein Glück zu zimmern, so bescheiden es auch ausfallen möge. Ebenso Jean-Luc Bubert als zufriedener Vater der Braut. Auch er ignorierte mit viel Mühe die Zeichen, die für alle sichtbar die kommende Hochzeit überschatteten. Oliver Möller, schwarz gewandet, die Farbsymbolik war unübersehbar, hatte als Leonardo den Dorn der unerfüllten Liebe im Fleisch und lud die Vorgänge mit anschwellender Unberechenbarkeit auf. Die Katastrophe wurde schließlich Klang, Gesang, Schrei und dumpfes Pochen des vermeintlichen Schicksals. Blut sah man nicht, aber man hörte es Dank des Sounds von Luca Ivanović.

Miloš Lolić Inszenierung war eine gelungene Eröffnung der Spielzeit am Münchner Volkstheater. Seine Bühnenästhetik war überraschend und verblüffend im positivsten Sinn. Er schuf eine Interpretation, die unprätentiös und doch reich war, die in intelligenter Schlichtheit daher kam und gleichsam eine unmissverständliche, hochlyrische Sprache sprach. Es war Theater vom Feinsten, das wohl jeden Betrachter anrührte, ohne dabei beliebig zu werden.

Als sich im letzten Bild die Darsteller zu einer Gruppe formierten, wurde der Zuschauer aus der der Zeit gerückt. Sepiafarbenes Licht schuf ein belebtes Foto aus einer vergangenen Epoche, wie man es bei Hochzeiten, Geburten, Taufen etc. zur Erinnerung arrangierte, vor dem Hintergrund der blutigen Geschichte allerdings den Wunsch erzeugend, dass diese Zeit tatsächlich perdu sei. Abgerundet wurde die ausgefeilte Ästhetik durch die fantasievoll stilisierten Kostüme von Maria Jelesijević. Insbesondere im letzten Bild entstand eine fast vollkommene Schönheit, wie man sie, aus welchen Gründen auch immer, auf der Theaterbühne selten zu sehen bekommt. „Bluthochzeit“ ist besonderes Theater, zudem besonders gut!

 

Wolf Banitzki


 


Bluthochzeit

von Federico García Lorca

Jean-Luc Bubert, Ursula Maria Burkhart, Ilona Grandke, Oliver Möller, Kristina Pauls, Pascal Riedel, Robin Sondermann, Xenia Tiling, Max Wagner, Mara Widmann, Michael Kitzeder, Toralf Vetterick

Regie: Miloš Lolić
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