Volkstheater Magdalena von Ludwig Thoma




Die Jagd ist eröffnet

100 Jahre hat Ludwig Thomas Volksstück in drei Aufzügen bereits auf dem Buckel. In Bayern ist das Drama allein drei Mal verfilmt worden. Auch wenn die äußeren Umstände, die das Drama möglich machte, überwunden zu sein scheinen, im Denken und Fühlen ficht die Geschichte noch immer heftig an. Warum das so ist, erklärt vielleicht die Anmerkung Alfred Kerrs zur Uraufführung im Jahr 1912 an den Barnowsky-Bühnen: „Hier kommt etwas, ja, wie bei den alten Tragikern … Urmächte sind im Spiel.“

Tragisch ist die Geschichte um Magdalena, der Tochter des Kleinbauern Thomas Mayr und seiner todkranken Frau Mariann, allemal. Die noch minderjährige Magdalena war als Näherin in die Stadt gegangen, wo die Verdienstmöglichkeiten für sie besser waren, als auf dem Dorf. In der Stadt gerät sie an einen Heiratsschwindler, der sie um ihr Erspartes bringt. Um zu Überleben, muss Magdalena ihren Körper verkaufen. Sie wird vor Gericht gestellt und verurteilt, in das heimische Dorf zurückzukehren, und fortan im Elternhaus in absoluter Isolation zu leben. Die Dorfbewohner haben von der Straffälligkeit ihrer Mitbewohnerin aus der Zeitung erfahren. Mutter Mariann empfängt die gefallene Tochter mit Liebe und offenen Armen. Sie ringt ihrem Ehemann das Versprechen ab, Tochter Leni nie zu verstoßen. Das Denkbare ist jedoch nicht machbar. Der Voyeurismus der Dorfbewohner lässt die Familie, die die Mutter Mariann inzwischen zu Grabe getragen hat, nicht zur Ruhe kommen. Leni ist ein schlichtes Gemüt, unfähig sich selbst und die Vorgänge um sich herum einzuschätzen. Als sie sich, gelangweilt von ihrer „Isolationshaft“, mit dem Aushilfsknecht Lorenz Kaltner einlässt, konstatiert der verwundert: „Mögst d'as net glaab'n! De woaß heut no net, was s' to hat.“

Im Hintergrund zieht der Bürgermeister Jakob Moosrainer seine ganz eigenen Fäden, denn er sieht die Gelegenheit gekommen, die Mayrs zu vertreiben und günstig an deren Besitz zu gelangen. Als der Bauernbursche Martin Lechner seinen Kameraden erzählt, dass er bei der Leni gefensterlt und sie nach dem Beisammensein Geld von ihm gefordert habe, kippt die Stimmung im Dorf um und ein „Haberfeldtreiben“ entbrennt. Bürgermeister Moosrainer ist Wortführer in dem einstmals im Bayerischen Oberland gebräuchlichen Rügegericht. Er hat dabei einen mächtigen Verbündeten, den Kooperator Benno Köckenberger, ein Mann mit übersteigertem moralischem Sendungsbewusstsein. Staat und Kirche eröffnen in trauter Gemeinsamkeit die Jagd.

Maximilian Brückners Regiedebüt am Volkstheater erzählt die Geschichte in abgewandelter Form. Er spitzt sie zu, in dem er aus der Leni einen Leonhard macht, der in der Stadt als Stricher versucht hatte zu überleben. Homosexuelle Prostitution galt in der Entstehungszeit des Dramas als absolute Verwerflichkeit. Auch heute noch wird sie unter der Hand deutlich anders bewertet als das heterosexuelle Horizontalgewerbe. Daran ändert auch die staatlich sanktionierte und verordnete Toleranz bezüglich sexueller Orientierung nichts. Das Volkstheater ist dafür bekannt, Homosexualität immer wieder zu thematisieren. Nicht immer mit glücklicher Hand, insbesondere in ästhetischer Hinsicht. In diesem Fall jedoch gelang eine Aktualisierung, die dem Stück eine neue Dimension verlieh.

magdalena

Peter Mitterrutzner, Alexander Duda, Peter Fasching, Ferdinand Schuster, Franz Maier, Mara Widmann, Wolfgang M. Bauer

© Arno Declair

Katharina Dobner, die für Bühne und Kostüme gleichermaßen verantwortlich zeichnete, hatte einen realistischen Biergarten auf der Bühne installiert. Grüne Biergartengarnituren standen in grobem, weißen Kies. Das schuf Atmosphäre, war aber der Akustik nicht unbedingt zuträglich, denn der Kies knirschte lautstark unter den Sohlen der Akteure. In den drei Bühnenwänden waren weiße Fenster eingelassen, über denen große Jagdtrophäen prangten. Im Hintergrund, auf einer hölzernen Terrasse, stand ein Schankhäuschen. Umsäumt war der Garten von Baumstümpfen. Bei genauer Betrachtung musste der Zuschauer erkennen, dass allenthalben entleibte Natur war, abgesägt Bäume, abgesägte Geweihe. Ein wirklich gelungenes Bild, denn es entsprach sehr deutlich dem Inhalt des Stückes, in dem es vornehmlich darum ging, menschliche Natur auszublenden, schamhaft zu verstecken, zu unterdrücken oder gar zu töten. Das gesellschaftliche Regelwerk, durchsetzt von Bigotterie, die ihrerseits Aggressionen schuf, war ein ungeschriebenes, aber dennoch ein übermächtiges.

Regisseur Maximilian Brückner ließ es dann auch richtig krachen. Emotionale Ausbrüche wurden rasant körperlich, wobei Bänke und Tische zu Wurfgeschossen wurden. Man ging sich ans Leder, derb und unverblümt, wenn es galt, sein Besitz zu verteidigen, seinen Anspruch zu behaupten oder auch nur, um sich Luft zu machen. Ein herausragender Darsteller war Wolfgang Maria Bauer als Thomas Mayr. Er spielte einen bodenständigen, zupackenden Landmann, der von seinen eigenen zwiespältigen Anschauungen gehetzt und gequält wurde. Einerseits Vater, andererseits Dorfbewohner und eins mit den gängigen Auffassungen von Moral und Ordnung, streichelte oder schlug er seinen Buben Leonhard. Dieser wurde von Florian Brückner gespielt. Brückner verlieh seinem Leonhard ein Maß an Tumbheit, das den Intentionen Ludwig Thomas unbedingt entsprach. Im Nichtverstehen, im Nichterkennen (können) versteckte sich die Fußangel, die den Fall auslöste. Brückner konnte glaubhaft überzeugen, dass diese Figur keine Chance hatte, zu entkommen. Von bewegender Emotionalität war das Spiel von Ursula Maria Burkhart als Mutter Mariann. Mit ihrem Abgang ging gleichfalls die Hoffnung auf Menschlichkeit, auf ein friedliches Ende. Neben Alexander Duda, der als Bürgermeister Moosrainer staatliche Instanz und verschlagenes Großbauerntum in seinem Spiel miteinander vereinen konnte, bestach Mara Widmann als Lorenza durch kühles Understatement.

Die gradlinige und auf jegliche Mäzchen verzichtende Inszenierung war eine gelungene Neuauflage des Stoffes, der es an Modernität nicht mangelte. Allerdings sei angemerkt, dass man als Preiß (selbst als assimilierter) seine Probleme mit dem Verständnis hat. Hochbayerisch klang es nicht immer. Doch das deutliche Spiel aller Beteiligten macht die Geschichte transparent. Da konnte schon mal ein Satz untergehen, ohne dass es dem Genuss abträglich war. Der Premierenbeifall war frenetisch. Ein wenig zu frenetisch vielleicht und gewiss auch der Tatsache geschuldet, dass es für die Brückners ein echtes Heimspiel war.

Wolf Banitzki

 

 


Magdalena

von Ludwig Thoma

Wolfgang Maria Bauer, Florian Brückner, Ursula Maria Burkhart, Alexander Duda, Peter Fasching, Ercan Karaçaylı , Franz Maier, Peter Mitterrutzner, Hubert Schmid, Ferdinand Schuster, Mara Widmann

Regie: Maximilian Brückner
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