Volkstheater Alice im Wunderland von Roland Schimmelpfennig nach Lewis Carroll




Das Grinsen ohne Katze

Alle Kunst beginnt mit dem Schritt heraus aus der Realität auf der Suche nach einer neuen Perspektive. Lewis Caroll, eigentlich Charles Lutwidge Dodgson (1832 - 1898), Mathematiklehrer seines Zeichens, tat dies auf radikale Weise. Er wechselte die Fronten gänzlich, übersprang den Graben und landete im Widersinn. Dafür steht folgende Schlüsselszene:
"Liebe Güte! Ich habe schon oft eine Katze ohne Grinsen gesehen", stellte Alice fest; "aber ein Grinsen ohne Katze! Das ist mir noch nie begegnet!"
Wider - Sinn ist eigentlich ein unzutreffender Begriff, denn Carolls Welt ist ebenso intakt, ebenso logisch, gleichsam lebenswert für den, der den Mut dazu aufbringt.


Roland Schimmelpfennig, seine Stücke sind momentan eine der besten Stützen des zeitgenössischen Theaters, erkannte die Chance, mittels des Widersinns den Unsinn des vermeintlichen Sinns zu entlarven. Der Autor ging großzügig mit der Vorlage um und schuf ein bedrohliches Werk. Wenn die Königin, bei Caroll Herzkönigin, bei Schimmelpfennig Queen of Pain, zur Hummer-Quadrille lädt, dann geht es bei den Beteiligten um Kopf und Kragen. Mit diesem Gefühl, einem tiefen Unbehagen, entließ Regisseurin Bettina Bruinier das Publikum ‚offenen Auges in die abermals trübe Wirklichkeit'. Dieses brauchte denn auch einige Zeit, um aus der Entrückung zu erwachen und seine Dankbarkeit für dieses wunderbare Theaterereignis bekunden zu können.

© Arno Declair / Nico Holonics, Barbara Romaner

Bettina Bruinier griff tief in die Theaterkiste und verzauberte über 1 Stunde und 45 Minuten mit witzigen und effektvollen Einfällen. Markus Karners Bühne war alles andere als anheimelnd. Er hatte gar nicht erst versucht, die technische Wirkungsweise seines überdimensionalen Buches, das gleichsam auch die Ebenen des Irdischen und Unterirdischen definierte, zu verstecken oder gar zu kaschieren. So blieben nur die Regieeinfälle und das entrückendende Spiel der Darsteller, um der Poesie des Absurden, des Surrealen oder des Widersinns Gestalt zu verleihen. Das gelang durch die Umkehrung de Gedanken. Alice wurde zur Zwergin, weil ihre Halskette das Vielfache ihrer Körpergröße annahm. Ihre Tränen über ihre Riesenhaftigkeit klatschten aus dem Bühnenboden und drohten alle normalwüchsigen Gestalten zu ertränken. Merzhase, Siebenschläfer und Hutmacher gingen nicht zu Tisch, sondern waren an diesen gekettet. Immerhin war es für alle Zeiten fünf Uhr und folglich stetsTeezeit.

Barbara Romaner verlieh ihrer Alice eine große Naivität. Ihr gelang die Darstellung der Kindlichkeit ohne dem Kindischen auch nur nahe zu kommen. Um sie herum wuselten die märchenhaften Gestalten derart, dass es dem Zuschauer schwer fiel, die Rollen den Darstellern zuzuordnen. Robin Sondermann hetzte als weißes Kaninchen durch die Szene auf der Suche nach Handschuh und Fächer. Nico Holonics, zu kapriziöser Darstellung neigend, brillierte als der verrückte Hutmacher ebenso wie als Köchin. Sophie Wendt verbreitete Irritationen als Katze und als Queen of Pain. Die Genannten wurden spielfreudig und komödiantisch ausladend von den KollegInnen unterstützt, die durchweg in mehrere Rollen schlüpften, um einen zauberhaften Reigen der Fantasie zu entfesseln.

Dabei war es nicht einfach nur Sprechtheater. Komponist und Musiker Oliver Urbanski hatte aus dem Stück eine musikalische Revue gemacht. Seine Kompositionen waren von erstaunlicher Eingängigkeit. Sollte die Volkstheater-Inszenierung als Musical fortleben, würde es nicht verwundern. Die ausgefeilte Musik- und Geräuschbegleitung verschmolzen die sprunghaften Szenen zu einem geschlossenen Werk, in dem die Darsteller ihre sehr guten gesanglichen Qualitäten zu Gehör bringen konnten. Es war ein märchenhafter Rock & Roll wie ihn nur sonst Tom Waits hinbekommt. (Vielleicht ein wenig zu laut!)

Mit dieser Inszenierung verfügt das Volkstheater über ein sehr ungewöhnliches und qualitativ hochwertiges Werk, dass nur wärmstens empfohlen werden kann. Es stellt nicht nur alle Realitäten in Frage, sondern verunsichert den Zuschauer auf wohltuende Weise. Das Stück ist beste Anregung zum Nachdenken über den Sinn an sich. Und Sinn hat es immer, auch wenn der König (auch der König an sich) meint: "Wenn es keinen Sinn hat, kostet es auch keinerlei Mühe, denn dann brauchen wir ihn auch nicht herauszufinden." Aber alles hat einen Sinn. Selbst der Unsinn. Der hat den Sinn des Un.


Wolf Banitzki

 

 


Alice im Wunderland

von Roland Schimmelpfennig nach Lewis Carroll

Nico Holonics, Stefan Murr, Barbara Romaner, Robin Sondermann, Xenia Tiling, Andreas Tobias, Sophie Wendt, Oliver Urbanski, Karl Wende, Jan Kahlert

Regie: Bettina Bruinier

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