Residenztheater Hedda Gabler von Henrik Ibsen


 

 

Vom leisen Untergang der Menschlichkeit

Hedda Gabler ist wahrlich keine liebenswerte Person. Einige Monate zuvor war sie die Ehe mit Jørgen Tesman, einem Kulturwissenschaftler mit guten Karriereaussichten, eingegangen. Gerade zurück von der mehrmonatigen Hochzeitsreise, bezieht das Paar  ein Haus, für das sich Tesman bis über beide Ohren verschuldet hat. Er baut auf die baldige Berufung zum Professor und auf die Ersparnisse der Tante Juliane. Hedda muss angesichts der mausoleumsartigen Idylle ihrer bürgerlichen Existenz erkennen, dass sie sich wohl von nun an für den Rest ihrer Tage zu Tode langweilen wird. Die Generalstochter ist eine unkonventionelle Frau, die sich nicht darum schert, ob und wie Tesman den Lebensunterhalt zukünftig bestreiten wird. Die Aussichten sind verdüstert.  Tesman hat nämlich Konkurrenz bekommen. Durch Richter Brack erfährt er von der Rückkehr des Schulkameraden Ejlert Løvborgs, einstiger Vertrauter von Hedda. Der hat ein Manuskript in der Tasche, das Jørgen Tesman zu einem mittelmäßigen Wissenschaftler und Autor stempeln wird. Die Professur ist gefährdet. Der Exalkoholiker hatte sich als Erzieher zu der Familie Elvsted in die Berge zurückgezogen, wo er in der Ehefrau des alten Bürgermeisters, Thea Elvsted, eine Mitstreiterin gefunden hat. Thea liebt Ejlert Løvborg. Sie ist aus ihrer behüteten Existenz ausgebrochen, um den instabilen, sensiblen Mann zu folgen. Hedda beginnt nun, mehr aus einer Laune heraus, als einer Notwendigkeit folgend, ein teuflisches Spiel und ruiniert Ejlert. Sie treibt ihn in den Tod, „ein Tod in Schönheit“ soll es sein, und vernichtet das zukunftsweisende Manuskript. Am Ende tappt sie in die Erpresserfalle des lüsternen Richters Brack und erschießt sich kurzerhand.

Ibsens Stücke sind stets radikale Seelenschau und zumeist düstere Dramen. Hugo von Hofmannsthal schrieb über die Figuren Ibsens: „Alle diese Menschen leben ein schattenhaftes Leben; sie erleben fast keine Taten und Dinge, fast ausschließlich Gedanken, Stimmungen und Verstimmungen. Sie wollen wenig, sie tun fast nichts. Sie denken übers Denken, fühlen sich fühlen und treiben Autopsychologie.“ Franz Blei unterstellte dem Werk Ibsens: „Alle diese Stücke sind Monologe Ibsens mit verteilten Ideen. Nicht Stücke, in denen Menschen Ideen haben oder von Ideen besessen sind.“ Das machte das Werk Ibsens immer wieder umstritten, eine zeitlang wegen der antiquierten Sprache der frühen Übersetzungen sogar „unspielbar“. Dem half Hans Georg Gerlach mit seiner Übersetzung in den frühen 60ern des letzten Jahrhunderts ab. Dieser Fassung bediente sich auch Martin Kušej für seine Inszenierung im Münchner Residenztheater. Doch auch Gerlachs sprachlich gestraffte Übersetzung köchelte er noch einmal ein und schuf ein Konzentrat, das einen grellen Fokus auf die Hauptpersonen und ihre Seelenzustände richtete. Bei Martin Kušej entstand daraus eine Epik des Unausgesprochenen. Die Handlung bedurfte nur weniger Worte, um sie voranzutreiben. Der Subtext hingegen wurde in langen Pausen, gemächlicher Diktion und gestischen Andeutungen erzählt. Es entstand eine schier knisternde Anspannung, die sich durch den gesamten zweistündigen Abend zog und nie abflachte. Jan Faszbenders Musik hielt diese Spannung auch bei Szenenwechsel in der Schwebe.

Für Birgit Minichmayr war die Rolle der Hedda eine echte Herausforderung, die sie gekonnt bewältigte. Sie ist eine Schauspielerin, die auch schon mal berserkerhaft und ekstatisch Grenzen überschreitet. Hier war introvertiertes Spiel gefragt, bei dem trotzdem eine ständige Bedrohung mitschwingen musste. Das gelang Frau Minichmayr durch deutliche körperliche Haltung. Sie hatte auffällig oft die Arme über der Brust verschränkt, Unnahbarkeit signalisierend. Mit der Stimme war sie zumeist ein Quäntchen zurückhaltender als die Natur gebieten würde. Es funktionierte prächtig. Nur selten offenbarte sie menschliche Regungen. Als sie Løvborg die Pistole aushändigt, nähert sie sich ihm auf beinahe intime Wiese an. Dabei war es aber nur der Abschied vom Todgeweihten und Hedda lief nicht Gefahr, sich in Gefühlen zu verschwenden. Die Rolle des Ejlert Løvborg mit Sebastian Blomberg zu besetzten, war ein weiterer Glücksgriff. Blombergs natürliche physische Ausstrahlung verweist bereits auf einen hochsensiblen, leicht verletzbaren Charakter. Im Spiel erfüllten sich diese Attribute überzeugend und schlüssig.

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Birgit Minichmayr, Sebastian Blomberg

© Hans Jörg Michel

 

Der Rolle des Jørgen Tesman wurde in der langen Inszenierungsgeschichte häufig Gewalt angetan. Viele Regisseure neigten dazu, diese Figur zugunsten der Komik zu überzeichnen und einen klischeehaften, vertrottelten, aus der Welt gefallenen und mit allem überforderten Akademiker zu kreieren. Norman Hacker verlieh der Figur durchaus Eigenheiten, doch waren die nie lächerlich oder unglaubhaft. Vielmehr schuf er einen disziplinierten Mann, der aufrichtige Besorgnis ausstrahlte, dem man sogar sein Mitgefühl abkaufte und dessen moralische Integrität, auch wenn es die eines totalen Spießers war, in der Darstellung nicht in Frage gestellt wurde. Allerdings erkannten die Zuschauer diese Figur erst in ihrer emotionalen Zwergenhaftigkeit, als der letzte Satz nach dem Suizid Heddas gesprochen war. Oliver Nägeles Richter Brack war die Verkörperung des honorigen und zugleich janusköpfigen Kleinstadtvorstandes. Er befleißigte sich eleganter Formen, die nicht unbedingt spitzfindig, aber doch sehr effizient waren bei der Manipulation von Menschen. Er verkörperte einen wahrhaft heutigen Vertreter der politischen Kaste. Hanna Scheibes nervös grazile Thea Elvsted war eine zutiefst verunsicherte Frau. Ihre Liebe war wie ein Spinnweb, das bei den ersten emotionalen Stürmen, die selten von Lautheit begleitet wurden, zerriss. Obgleich sie die einzige Person war, die sich über die bürgerlichen Konventionen hinweggesetzt hatte, war sie auch zugleich das erste Opfer. Als sie Ejlert Løvborg vor seinem destruktiven Charakter beschützen wollte, wurde sie von ihm kurzerhand und kaltschnäuzig aus seinem Leben entlassen. Sie würde nach Beendigung der Geschichte mit Jørgen Tesman leiert sein. So bekommt sie ihre soziale Absicherung und kann zugleich dem Geliebten über dessen Tod hinaus in der Sichtung und Rekonstruktion seines Werkes verbunden bleiben.

In der gesamten Inszenierung bekam der Zuschauer nicht ein Mal Tageslicht zu sehen. Das kann bedeuten, dass der nordische Herbst soweit vorangeschritten war, dass sich die Sonne nicht mehr blicken ließ. Es war aber auch unbedingt ein Hinweis darauf, dass es in diesem Drama kein Entkommen aus der seelischen und geistigen Finsternis gibt. Annette Murschetz Interieur war eigentlich ein Exterieur, wenngleich nicht unbedingt schlüssig, denn außerhalb des Hauses, das ohne deutliche Abgrenzung in die Landschaft überging, wandelte man auf Parkett. Doch das tat der Sache keinen Abbruch. Die Figuren kamen aus der Finsternis und gingen wieder in die Finsternis, die undurchdringlich war. Gespielt wurde mit der denkbar größten Zurückhaltung hauptsächlich an der Rampe.

Martin Kušejs hochartifizielle Inszenierung lebte von einem fast quälenden Maß an Reduktion. Allein, die Räume, die dabei entstanden, wuchsen sich zu Dimensionen aus, die furchterregend waren. Darin fanden lautlos und ohne Aktionismus die perfidesten psychischen Gewalttätigkeiten statt. Es ist nicht nur eine wegen ihrer Nüchternheit wohltuende Inszenierung, sondern es war ein mutiger Versuch, mit kaum mehr als zarten Flügelschlägen einen Untergang von Menschlichkeit zu beschreiben.

 

Wolf Banitzki



 


Hedda Gabler

von Henrik Ibsen

Norman Hacker, Birgit Minichmayr, Barbara de Koy, Hanna Scheibe, Oliver Nägele, Sebastian Blomberg

Regie: Martin Kušej
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