Residenztheater Die Ballade vom traurigen Café nach Carson McCullers


 

 

Südstaatenblues über die Einsamkeit der Herzen

Carson McCullers Novelle „Die Ballade vom traurigen Café“ ist eine gut gebaute Geschichte, die zwar aufregende Momente hat, von der es etliche gibt mit ähnlichem Plot. Was diese Geschichte so aufregend macht, ist der Anteil ‚Carson McCullers’ darin. Die Frau, deren Leben eine einzige Leidensgeschichte war und die mit gerade einmal 50 Jahren nach drei Herzinfarkten und einem Schlaganfall starb, hatte eine ganz besondere Sensibilität für Menschen, denen von der Natur einige wichtige Lebensvoraussetzungen vorenthalten wurden. Ihre Figuren fielen stets aus dem Rahmen, waren physisch behindert oder hatten eine von der „Norm“ abweichende sexuelle Neigung. In „Die Ballade vom traurigen Café“ ist beides zutreffend.

Der Ort der Handlung ist einer jener trostlosen Orte, deren erste Beschreibung den Leser oder Zuhörer bereits in den Existenzialismus katapultiert. Vom Nichts ist allzu häufig die Rede. Hier lebt Miss Amelia. Sie ist ein herbe, unnahbare, androgyne Frau, die pragmatisch ihren Geschäften nachgeht. Erfolgreich, wie in der Beschreibung durchschimmert. Ein Weg, „Andersartigkeit“ gegenüber der Gesellschaft zu kompensieren ist, (ökonomisch) erfolgreicher zu sein als die anderen. Tyrannei hatte in nicht selten diese „Andersartigkeit“ zum Ausgangspunkt. Als psychologisches Motiv durchzieht sie die gesamte Weltgeschichte.

Eines Tages taucht ein buckliger Gnom namens Lymon auf, der behauptet, Amelias Vetter zu sein. Zur Überraschung aller öffnet Amelia Vetter Lymon ihr Haus und gibt ihm ein Bett. Mit Lymons Einzug verändert sich alles. Amelia lebt auf, eröffnet ihr Café wieder und der Ort bekommt ein Herz. Das Getuschel über die unheilige Allianz der beiden Sonderlinge verstummt bald, denn dem Ort und seinen Bewohner wurde dadurch ein glücklicheres Leben geschenkt. Doch dann kehrt ein Mann in den Ort zurück, der durch die Welt gezogen war und auch im Gefängnis gesessen hatte: Marvin Macy. Marvin ist der rechtmäßige Ehemann von Amalia. Die Ehe war allerdings (im Bett) nie vollzogen worden und hatte Marvin aus der Bahn geworfen. Auch er war jetzt ein „Andersartiger“, der Vetter Lymon anzog, wie das Licht ein Motte. Und da es eine Südstaatengeschichte ist, ist auch die Katastrophe, die alles mit sich reißt, unabwendbar.

Regisseur Walter Meierjohann erzählte die Geschichte, die eine tragische ist, unaufgeregt und ohne platte Effekthascherei. Er steuerte geradlinig in den Abgrund, der gerade wegen der Unaufgeregtheit des Fortgangs und seiner zwingenden inneren Logik, Entsetzen erzeugt. Dieses Entsetzen ist jedoch nicht der Brutalität der Vorgänge geschuldet, sondern der Brutalität des Ausweglosigkeit. Die wichtigsten Pfunde, mit denen Meierjohann wuchern konnte, war einerseits die Rolle des Vetters Lymon, grandios und aufwendig von Markus Hering als agiler, missgestalteter kleiner Mann gestaltet, der einer fantastischen Geschichte E.T.A. Hoffmanns entsprungen sein könnte. Hering beließ es nicht dabei, ein skurriles buckliges Äußeres vorzustellen, auch seine wilde, z.T. animalische Gestik, seine Direktheit im Spiel und seine Ambivalenz in bodenlosen Situationen war faszinierend anzuschauen. Dem gegenüber, und somit sehr spannungsvoll, die robuste Darstellung der Miss Amelia durch Juliane Köhler. Gänzlich widersprüchlich zu ihrem weichen und wohlklingenden Namen war diese Frau eingebettet in einem Panzer aus radikaler Selbstbehauptung. Sie ließ an ihrem Anderssein keinen Zweifel aufkommen. Die wenigen Momente von Weiblichkeit waren nicht mehr als Haarrisse in ihrem Panzer, die lediglich Ahnungen durchscheinen ließen.

  Balladevomtraurigen  
 

Markus Hering, Michele Cuciuffo, August Zirner

© Thomas Dashuber

 

Michele Cuciuffo gab den dramaturgischen Stolperstein Marvin Macy, an dem sich der Konflikt zu einer monströsen Bedrohung aufbaute. Der Macho, der keine Blume ungepflückt ließ, hatte sich in Amelia verliebt. Er änderte sein Leben, verleugnete sein Natur, nur um ihr zu gefallen. Auf die Frage, ob sie ihn heiraten würde, antwortete Amelia: „Warum nicht?“ Hinter diesem „Warum nicht?“ verbarg sich das ganze Dilemma, denn Marvin bekam nichts für seinen Schwur. Michele Cuciuffo spielte sowohl den Macho, als auch den kleinlauten Bewerber, als auch den blindwütigen Rächer seiner selbst mit donnernder Geste, aber ebenso verzweifelt und kalt. Mittendrin der Bruder von Marvin, Henry Macy. August Zirner flanierte mit sehnsüchtigem, melancholischem und resignativem Tonfall als der Bruder Marvins und zugleich als Erzähler durch die Geschichte. Zirners sanfte und unaufdringliche Art kontrastierte die Brutalität der Geschichte.

An der Peripherie der Geschichte die üblichen Verdächtigen. Aurel Mantheis Stumpy war der propere Macher mit Realitätssinn. Das ganze Gegenteil verkörperte Sierk Radzei als Merlie, der stets neben der Spur laufend auch schon mal hanebüchene Theorien entwickelte. Katrin Rövers Emma war die notorische Klatschbase und neiderfüllte Aufwieglerin, denn sie war das einzige weiblich Wesen, das von Marvin Macy nicht bestiegen worden war. Und so weiter ...

Die Mitglieder des Ensembles agierte durchaus prägnant, wenn ihnen Raum gegeben war. Leider ging aber auch manche Wortmeldung unter, weil die Akteure sich gelegentlich in der „Menge der Leute“ verloren. Das ist jedoch auch der einzige Kritikpunkt, der aber immerhin dazu führte, dass hier und da Konzentration im Spiel verloren ging. Wesentlich für den Erfolg, und als ein solcher ist die Inszenierung unbedingt zu sehen, war das Bühnenbild und die Kostüme von Johanna Pfau. Die Bühne hatte etwas von einer ausgedörrten Steppe, vereinzelt sprossen ein paar karge Büsche oder Grasstauden aus dem Boden. Der Hintergrund wurde begrenzt von eine weißen, den gesamten Bühnenraum umspannenden Wand, die effektvoll vom Licht (Gerrit Jurda) eingefärbt wurde und die Stimmungen eingängig kommentierte. Die Tristesse, mit der der Zuschauer begrüßt wurde, kippte augenblicklich, als aus dem Bühnenboden Amelias Haus/Geschäft und später Café herabschwebte, ein transparenter, zweistöckiger Holzbau, der viel Atmosphäre verströmte. Als das Café wieder eröffnet und von bunten Lampen illuminiert wurde, verwandelte sich die Szenerie in einen lebenswerten Ort, der nicht frei war von Heimeligkeit. Dergestalt wurde der Ort zum Mittelpunkt, zum Herzen des winzigen Städtchens, - ein guter Ort.

Am Ende lag alles das, was für eine kurze Zeit die Seele des Städtchens gewesen war, in Trümmern. Begleitet wurde diese Zerstörung von der bluesschwangeren Musik Jacob Suskes. Sie suggerierte im wesentlichen das, was gemeinhin unter dem Topos Südstaaten verstanden wird, Hitze, Schweiß und Einsamkeit.  Einsamkeit war denn auch das zentrale Thema des Abends. Bei Carson McCullers finden die Betroffenen keine Erlösung und so fließt Blut. Die Autorin bezeichnete die Einsamkeit als eine amerikanische Krankheit. Damit hat sie wohl nicht ganz Recht, denn dass diese Krankheit kein amerikanisches Phänomen ist, bewies die Inszenierung, die auch hier in München verstanden wurde. Ein bedrückende Bild, das die Problematik erklärt, geistert immer wieder durch das Stück. Es ist mehrfach die Rede von den Strafgefangenen aus dem nahen Gefängnis. Sie sind während der Arbeit mit Fußketten aneinander gefesselt und singen gemeinsam im Takt ihrer Tätigkeit. Dieses Bild wurde unvermittelt zu einem Synonym für ein „Wir“, dem man sehnsüchtig hinterher schaute. Was für eine Welt?

 

Wolf Banitzki



 

 


Die Ballade vom traurigen Café

Ein musikalischer Abend aus dem amerikanischen Süden
nach der Novelle Carson McCullers in der Bearbeitung von Edward Albee


August Zirner, Juliane Köhler, Markus Hering, Michele Cuciuffo, Aurel Manthei, Gunther, Tom Radisch, Sierk Radzei, Katrin Röver, Marie Seiser, Sharyhan Osman, Laurie Stettner, Jacob Suske (Musiker)

Regie: Walter Meierjohann

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