Residenztheater Zement von Heiner Müller


 

 

Warum Heiner Müller? Warum Zement?

Heiner Müllers Stück „Zement“ ist die Adaption des gleichnamigen Romans von Fjodor Gladkow, veröffentlicht 1925. Auf die Frage der Schauspieler, ob das Stück nicht zu weit entfernt und zu unbekannt sei, erklärte Regisseur Dimiter Gotscheff: „Was heißt unbekannt? Durch dein Alter vielleicht. Es ist aber doch nicht unbekannt, dass da ein gesellschaftlicher Entwurf geträumt und entworfen wurde. Das ist der Grund, warum ich Müller ausgesucht habe: weil ich mich selbst entfernt habe von dem Entwurf, weil ich selbst Fett angesetzt habe. (...) Müller greift in eine Zeit, die mit unserem geopolitischen Raum wenig zu tun hat: Revolution, Utopien. Ein kurzer Augenblick der Menschheit, wo ein uralter Traum gelebt und selbst zunichte gemacht worden ist.“ (Zitat Programmheft zur Inszenierung)

Tatsächlich sind die Ideen des Kommunismus scheinbar völlig aus dem Bewusstsein der Gesellschaft getilgt. Sie taugen gerade noch für dümmliche Wahlkampfdrohungen einer liberalen Partei, dabei stets den Umstand missachtend, dass die Ideen, wie jede Revolution, gute Gründe hatten und dass für diese Ideen Millionen Menschen gestorben sind, resp. getötet wurden. Dabei hat der Kapitalismus seinen Zenit längst überschritten und das wissen auch deren Protagonisten, die von einer Krise in die nächste schlittern. Der Kapitalismus ist längst zum Totengräber geworden, ängstlich darauf achtend, dass nur keine Ideen aufkommen, die über ihn selbst hinausgehen könnten.

Es ist eine lobenswerter Umstand, dass es Intendant Martin Kušej gelang, Dimiter Gotscheff  für eine Inszenierung zu verpflichten. Dieser Regisseur steht nicht für bürgerliches Amüsiertheater und das können wir, angesichts der brodelnden Situation weltweit, auch nicht unbedingt gebrauchen. So betrat der gebürtige Bulgare und studierte Veterinärmediziner, der seit 1964 mit Heiner Müller bekannt war, die zementgrau ausgeschlagene Bühne mit schiefer Ebene von Ezio Toffolutti, um aus „Mommsens Block“ von Heiner Müller zu zitieren. Der aus dem Jahr 1992 stammende Text von Müller bezieht sich auf den Sockel des von Adolf Brütt geschaffenen Denkmals für den Historiker und Literaturnobelpreisträger (1902) Theodor Mommsen (Enthüllung 1909), dessen Standort vor der Humboldt Universität in Berlin war. Die Machthaber der DDR hatten das Denkmal des Historikers entfernt. Es musste einem Denkmal für Karl Marx weichen. Quintessenz des Müllerschen Textes ist die Enttäuschung des Autors über die politische Entwicklung im Nachwendedeutschland. Er führte dabei Mommsens nicht geschriebene „Spätrömische Geschichte“ ins Feld und artikulierte parallelisierend die Vermutung, dass Mommsen das Zeitalter der römischen Dekadenz einer wissenschaftlichen Betrachtung für unwürdig erachtete. Müller war der erste Schriftsteller, der mit der Wiedervereinigung das Zeitalter der Dekadenz einläutete. Selbst liberale Politiker stolperten inzwischen über diesen Begriff.

Müller war, wie Theodor Mommsen auch, Geschichtspessimist. Das hielt ihn jedoch nicht ab, an den Idealen des Kommunismus festzuhalten. Er rechtfertigte in seinen Stücken, die vom immerwährenden Kampf, ähnlich den Bemühungen des Sisyphos, kündeten, auch deren Opfer. In „Hamletmaschine“ von 1977 hatte Müller bereits die Hoffnung verloren, einen menschlichen Sozialismus/Kommunismus zu erleben und versank über die Resignation hinaus in „Lebenshass und Daseinsverzweifelung“ (Georg Hensel). Allein die gesellschaftliche Größe, der Mythos vom Protagonisten waren noch von Bedeutung für Müller, was vielleicht auch seine späte Bekanntschaft mit und sein Interesse für Ernst Jünger zu erklären vermag.

  Zement  
 

Sebastian Blomberg, Schauspielstudierende der Otto-Falckenberg-Schule und der Bayerischen Theaterakademie August Everding

© Armin Smailovic

 

 In „Zement“ wird die Geschichte des Kriegsheimkehrers Gleb Tschumalow erzählt, der drei Jahre auf Seiten der Bolschewiki für die Revolution als Regimentskommissar gekämpft hat. Die Rede ist vom Bürgerkrieg 1917/18 – 1920, der 8 bis 10 Millionen Opfer gefordert hat. Nach dem Sieg der Bolschewiki über Truppen der „Konterrevolution“, der Entente und der Mittelkräfte, kehrt Gleb in seine Heimat zurück. Dieser Krieg hatte wahrhaft archaische Dimensionen, der verbrannte Erde zurück gelassen hatte. Jeder handelte nach der Devise, wer nicht für uns ist, der ist gegen uns. Es herrschte Hunger und Elend, was nicht nur Folge des Krieges war, sondern auch ein Ergebnis eines Jahrhunderte währenden Zarismus. Gleb findet nichts mehr, wie es war. Seine Frau hat sich emanzipiert, ist Kommunistin geworden und verweigert sich ihm, dem einstigen „Besitzer“. Ihr Kind lebt in einem Kinderheim. Das Zementwerk ist in einen Ziegenstall umgewandelt worden und in der Bevölkerung herrscht Agonie. Der Kriegskommunismus kämpft um das eigene, wie auch um das Überleben der Bevölkerung. Anstelle einer effizienten Verwaltung  entsteht eine Bürokratie. Als sich die Lage nicht bessert, führt Lenin die „Neue Ökonomische Politik“ als „taktischen Rückzug“ ein. Damit kehrte der Kapitalismus ins Land zurück und eine kleine reiche Schicht entstand, während die Massen weiterhin hungerten. Diese Politik erfuhr dann eine Umkehr durch die „ideologischen Säuberungen“.

Dimiter Gotscheff inszenierte das Müllersche Stück mit der Wucht eines antiken Dramas. Das lag ganz in den Intentionen Heiner Müllers, der den Text mit antiker Mythologie hinterlegt hatte. Wenn Sebastian Blomberg als selbstbewusster, entschlossener Revolutionär auftritt, wälzt er einen großen Stein vor sich her. Der versinnbildlicht die prometheische Existenz des aufbegehrenden Menschen. Prometheus, der sich gegen die Götter erhoben hatte, war von diesen an die Felsen des Kaukasus geschmiedet worden. Bibiana Beglaus Dascha Tschumalowa war eine Frau, die ihren Geist, ihren Willen und auch ihren Körper in den Dienst der Revolution gestellt hat. Der Grad der Ideologisierung war so stark, das sie weder tiefer gehendes Empfinden als Ehefrau, noch als Mutter hatte. Als die Tochter Njurka im Kinderheim starb, brach sie zwar zusammen, fand aber in eben jenem Bekenntnis zur politischen Arbeit die Kraft, wieder aufzustehen und zu gehen, und zwar weg von ihrem Ehemann. Valery Tscheplanowas Njurka nahm die Rolle eines körperlosen Wesens an, das die Geschichte mit ihren antiken Erzählungen kontrastierte und ihr die archaische Dimension verlieh, die es letztlich ermöglichte, von der blutigen Realität zu abstrahieren.

Die menschlichen Figuren neben den Trägern der Ideale waren die Opfer oder die Täter der Geschichte. Badjin als Bezirkssekretär war ein pragmatischer und linientreuer Machtmensch. Aurel Manthei steigerte diese Figur bis in das Diktatorenhafte, das sowohl stalinistische, wie auch Züge Hitlers trug. Paul Wolff-Plotteggs Kleist, verkörperte die historische Desillusion. Als Erbauer des Zementwerkes wurde er zwar durch sein Wissen und seine Fähigkeiten geschützt, doch alles das war von Gleb „verstaatlicht“ worden. Sein Individualismus, der ihm genommen worden war, war ihm heilig und so konnte man ihm eigentlich nichts mehr nehmen. Ihm lag an diesem Leben nicht mehr allzu viel. Lukas Turtur als Sergej Iwagin und Genija Rykova als Polja Mechowa verkörperten die voranstürmende Jugend, geblendet von den Idealen der Revolution. Dass sie Opfer werden mussten, deutete bereits das beeindruckende komödiantische Spiel von Lukas Turtur an. Er hatte sich gegen seine Familie gewandt, die ein Relikt der bürgerlichen Welt vorstellte. Er agierte mit Gefühlen und nicht mit Argumenten, mit Enthusiasmus, anstatt mit Vernunft. Sein Bruder Dmitri Iwagin, Robert Niemann verlieh seinem Tanz auf dem Vulkan diabolische Züge, wurde sein Stolperstein. Er hatte von Anbeginn keine Begeisterung für die Revolution gezeigt und schlug sich ins Lager der Konterrevolutionäre. Unter den kriegskommunistischen Verhältnissen war Sippenhaft die Normalität. So nahm die Partei nicht Rache an Einzelpersonen, sondern gleich an deren ganzen Familien. Sergej Iwagin und Polja Mechowa wurden aus der Partei ausgeschlossen. Die Revolution hatte begonnen, ihre Kinder zu fressen.

Unberührt von den Wirren blieben Menschen wie Tschibis, die Vollstrecker des Systems. Götz Argus richtete den moralisch gestrauchelten 19jährigen Kommunisten Makar (Robert Niemann) mit Eiseskälte. Er zweifelt nicht an seinem Tun, denn es ist von der Partei abgesegnet. Man nennt es gemeinhin Befehlsnotstand und viele Täter haben sich zu allen Zeiten erfolgreich dahinter verschanzt. Am Ende gleicht Gleb Tschumalows Kampf dem des Herakles mit der Hydra. Auch dieser gewaltige Text wurde von der beeindruckenden Njurka-Darstellerin Valery Tscheplanowa wie aus einem Maschinengewehr ins Publikum gefeuert. Es ging an diesem Abend scheinbar um alles oder nichts.

Dimiter Gotscheff schuf eine grandiose bis monströse Inszenierung, deren Pathos, das im Text verankert ist, er immerhin durch wundervolle szenische Einfälle durchbrechen konnte. Dazu bediente er sich nicht zuletzt eines antiken Chores, bestehend aus Schauspielstudenten der Falckenberg-Schule und der Theaterakademie. Die gut dreistündige Inszenierung, die sich am Premierenabend wegen einer technischen Panne noch weiter ausdehnte, war harte Arbeit, sowohl für die Darsteller, wie auch für das Publikum. Nach diesem Abend war die fern geglaubte Geschichte gar nicht mehr so fern. Dank der starken Ästhetik haben vermutlich viele Zuschauer die Bilder mitgenommen, die genug Diskussionsstoff bieten. Bleibt zu hoffen, dass sie auch stattfinden möge. Heiner Müller, der viel zu früh aus dem Fokus geratene Dramatiker, entlässt uns aus dieser Pflicht nicht: "Was man braucht ist Zukunft und nicht die Ewigkeit des Augenblicks. Man muss die Toten ausgraben, wieder und wieder, denn nur aus ihnen kann man Zukunft beziehen". Aus Müllers Mund klingt diese dichterische Weisheit, die auch ein politische sein sollte, fast wie ein Drohung.


Wolf Banitzki



 

Zement
von Heiner Müller

Valery Tscheplanowa, Sebastian Blomberg, Bibiana Beglau, Aurel Manthei, Lukas Turtur, Genija Rykova, Paul Wolff-Plottegg, Götz Argus, Robert Niemann

Lena Eikenbusch, Jonas Grundner-Culemann, Thomas Hauser, Ines Hollinger, Lukas Hupfeld, Johanna Küsters, James Newton, Klara Pfeiffer, Philipp Reinhardt, Anna Sophie Schindler, Benjamin Schroeder, Jeff Wilbusch

 

Regie: Dimiter Gotscheff

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