Residenz Theater Der Vorname von Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière


Der Gott des Gemetzel schlug wieder zu

Elisabeth und Pierre verkörpern gemeinsam mit ihren Kindern (sie sind mit den Namen Athena und Adonas gestraft) so etwas wie eine gute, intakte Bildungsbürgerfamilie. Er, Literaturprofessor, kümmert sich gewichtig und mit Nachdruck um „Wörter und deren Bedeutung“. Nebenher bleibt wenig Raum für die kleinen Alltäglichkeiten wie Haushalt oder Kindererziehung. Man könnte auch sagen, Pierre ist der klassische aufgeblasene Familienpascha. Die Dinge des Alltags bleiben an der inzwischen vom Marathon des Lebens gezeichneten, Elisabeth, einer etwas verhärmten Französischlehrerin, hängen. Sie kümmert sich aufopferungs- und liebevoll um alles und jeden. An diesem Abend bereitet sie ein marokkanisches Essen vor. Bewirtet werden sollen Vincent, Elisabeths Bruder und Pierres Freund aus Jugendtagen mit seiner schwangeren Frau Anna. Vincent war in seiner Jugend nicht unbedingt der strebsamste, doch im Kreis der Freunde als Immobilienmakler der ökonomisch erfolgreichste. Als erster Gast erscheint jedoch Claude. Er ist Posaunist und mit Elisabeth seit ihren Kindertagen befreundet. Claude ist sensibel, dezent und zurückhaltend, und wollte man ihn charakterisieren, wäre es sinnvoller, „die Eigenschaften aufzuzählen, die ihm nicht eigen sind“.

Während sich Elisabeth um das Essen kümmert, die schwangere Anna noch auf sich warten lässt,  tauschen die Männer die üblichen Bösartigkeiten und Sticheleien aus. Als der in Vaterfreuden schwelgende Vincent allerdings verrät, dass der Junge, ein Ultraschallfoto verheißt dieses Geschlecht, Adolphe heißen soll, bricht ein Sturm der Empörung los. Es ist für Pierre und Claude völlig undenkbar, dass jemals noch einmal ein Kind Adolf genannt werden kann, denn davor ist Namensvetter Hitler. Die Erklärung, dass der Name dem berühmten Roman von Benjamin Constant „Adolphe“ entnommen wurde, tut dabei nichts zur Sache, denn phonetisch ist kein Unterschied zwischen Adolphe und Adolf auszumachen. Die Geschichte beginnt hochzuschaukeln und die Animositäten wachsen sich zu Zornesausbrüchen aus. Bald ist der Moment gekommen, in dem man sich (endlich einmal) die Wahrheit und nichts als die Wahrheit sagt. Und das tut dann auch richtig weh. Manches gerät unverzeihlich und zum Schluss bekommt Claude wegen seiner Liebe auch noch eins auf die Nase.

Die wundervolle Komödie von Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière entlarvt peinliche Lebenslügen und lächerliche Klischees, ohne den lebensnotwendigen Kompromiss, und nichts anderes ist das gesellschaftliche Zusammenleben, aus dem Auge zu verlieren. Werden die Arrangements erst einmal als solche erkannt, brechen die Geschwüre auf, die sich unter den Lebenswegen gebildet haben. Obgleich die Dramaturgie des Stückes ein wenig gekünstelt, ein wenig an den Haaren herbei gezerrt wirkt, ermöglicht es ein fulminantes Stück Theater voller tiefer Einsichten und überbordender Heiterkeit. Es sind wir selbst, über die wir dabei lachen, denn keine angesprochene menschliche Schwäche ist uns fremd. Es ist eigentlich sehr schade, dass die großen Theater die guten Komödien zu scheuen scheinen, wie der Teufel das Weihwasser. Während überambitionierte Regisseure aus „Hamlet“, „Macbeth“ oder „Lear“ Hanswurstiaden machen, weil sie meinen, der Zuschauer muss auch mal lachen können im Theater, sind solche wunderbaren Komödien eher die Seltenheit. Dabei gibt es gegen derartige Stücke absolut nichts einzuwenden. Sie sind intelligent, sprachlich brillant, haben Tiefgang und erzählen viel über die Menschen und unsere Gesellschaft. Wenn man den Deutschen nachsagt, sie gingen zum Lachen in den Keller, dann vielleicht auch, weil man ihr Lachen im Theater nicht selten mit düsteren, existenziellen Themen erstickt.

 

  DerVorname  
 

v.l. Friederike Ott, Norman Hacker, Michele Cuciuffo, Sophie von Kessel,  René Dumont,

© Matthias Horn

 

Eigentlich sollten auch die Schauspieler solche Stücke bei den Theatern einfordern, denn was befördert ausschweifige Komödiantik mehr, als ein gutes Lustspiel. Die Lust am Spiel war bei allen Beteiligten unübersehbar. Wenn es für Komödien eines Beweises bedarf, erbrachte die gelungene Inszenierung von Stephan Rottkamp am Residenztheater diesen allemal. Robert Schweers Bühnenbild zeigte einen eleganten und unverbindlichen Raum in strahlendem Weiß mit Bücherschrank, dezent verborgener Hausbar und großen Hockern. Von oben und den Seiten wurde das unschuldige Weiß allerdings von schwarzen Farbflüsse bedroht, die das Bild unaufhaltsam zu erobern drohten.

Regisseur Stephan Rottkamp hatte vornehmlich den Text inszeniert und auf klamaukige Beigaben verzichtet. Sämtliche Darsteller brillierten auf ureigenste Weisen. Norman Hacker als Vincent Larchet und Michele Cuciuffo als Pierre Garaud gaben zwei ebenbürtige Alphatiere, deren Kräfte sich allerdings aus unterschiedlichen Quellen speisten. Cuciuffos Pierre lebte hemmungslos seine intellektuelle Arroganz aus. Er, der Wissende um „die Wörter und ihre Bedeutung“, konnte stets das letzte Wort haben, denn seine vermeintliche Überlegenheit schüchterte ein. Umso lächerlicher wirkte er, wenn er seine eigenen Schwächen offenbarte oder sie ihm vor Augen geführt wurden. Hacker hingegen zog sein ungeheures Selbstbewusstsein aus seinem Self-Made-Status. Sein Drang, stets im Vordergrund zu agieren und um jeden Preis witzig zu erscheinen, steigerte die Fallhöhe enorm, aus der er mit allerlei Peinlichkeiten stürzte.

Ganz im Gegensatz zu diesen beiden Darstellern agierte René Dumont als Claude Gatignol mit feiner, subtiler mimischer und gestischer Raffinesse. Der schüchterne Mann, der lange nachdenken musste, ob es in seinem Leben einen Menschen gab, den er hassen könnte, war in einem Maße weich und verletzlich, dass die anderen die unerschütterliche Meinung vertraten, er müsse schwul sein. Der Beweis, unter großen seelischen Nöten erbracht, dass dies nicht der Fall sei, führte schließlich in die blutige Katastrophe. Sophie von Kessel gab über weite Strecken eine Elisabeth Garaud-Larchet, die sich mit der Rolle des mehr oder weniger devoten Hausfrauchens abgefunden hatte, denn Aufbegehren machte angesichts der widerwärtigen Egozentrik des Ehemannes und auch des Bruders wenig Sinn. Doch irgendwann gerät jeder Mensch an seine Grenzen. Der lange Monolog der Abrechnung mit den sie umgebenden Menschen und den Fassaden der Bürgerlichkeit glich einem Schlachtfest. Ebenso radikal stellte Friederike Ott als Anna Caravati ihren Partner Vincent und ganz nebenbei alle anderen Anwesenden, ausgenommen Claude, dem sie liebevoll verbunden war, in Frage.

Das gemeinsame Diner war ein Desaster und zugleich ein großartiger Theaterspaß. Die Zuschauer erlebten eine Gesellschaftskomödie, die von der Regie in bester Salonstückmanier in Szene gesetzt worden war. Ein geringer Anlass, ein nicht gerade intelligenter Witz brachte ein großes Lügengebäude aus Ideologien, selbstgefälligem Liberalismus oder egoistischem Narzissmus donnernd zu Fall. Der Spaß war unbestritten, denn auch am Ende waren die Protagonisten durchaus liebenswerte Zeitgenossen. Sie ähnelten uns einfach zu sehr, folglich konnten wir ihnen nicht wirklich böse sein.

Wolf Banitzki

 


Der Vorname

von Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière

Sophie von Kessel, Michele Cuciuffo, René Dumont, Norman Hacker, Friederike Ott

Regie: Stephan Rottkamp

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