Residenztheater Aus dem bürgerlichen Heldenleben von Carl Sternheim


 

 

Der Aufstand kommt – oder auch nicht

Am Anfang stand die „Hose“, oder besser, deren Fall. Das Missgeschick widerfuhr Luise, Ehefrau des kleinbürgerlich, spießigen Beamten Theobald Maske. Doch was von einigen Beteiligten ursprünglich als soziales Desaster empfunden wurde, entpuppte sich als ökonomischer Glücksfall. Die Reize Luises haben einige Männer hochgradig erotisiert und nun ist es für Theobald ein Leichtes, sämtliche Zimmer im Mietshaus gewinnbringend zu vermieten. Erste und wichtigste Reinvestition ist ein Sohn, den sich Theobald Dank des Hosenfalls endlich leisten konnte. Und es war ein gute Investition, denn Sohn Christian ist ein Erfolgsbesessener, dient sich geschickt hoch bis zum Generaldirektor eines Unternehmens, von dem er, niemand weiß es, zwanzig Prozent der Aktien hält. Er ist ein „Snob“, schreitet, dem Stern des Erfolgs folgend, über menschliche Gefühle kalt und fühllos hinweg. Er heiratet in den Adel ein und verstreut gleichsam das Gerücht, selbst unehelicher Sohn eines Adligen zu sein. Im Jahr „1913“, Christian, inzwischen einer der reichsten Männer der Welt, bereitet seinen 70sten Geburtstag vor. Es ist das Schicksalsjahr für die Familie Maske, denn Christians Tochter Sophie versucht, dem Vater das Heft des Handelns aus der Hand zu nehmen. Nur mit äußerster Anstrengung gelingt es Christian, sein Patriarchat zu verteidigen. Er sucht einen Verbündeten. Sein Sekretär Wilhelm Krey scheint geeignet. Doch der ist von den revolutionären Ideen beseelt, die sich im und nach dem 1. Weltkrieg radikal Bahn brechen. All das erlebt Christian nicht mehr, denn er stirbt unverrichteter Dinge.

Was Sternheim in „1913“ beschrieb, ereilte ihn selbst im Jahr 1912. Zu der Zeit bewohnte er bereits das vierte Jahr das von ihm mit dem Geld seiner zweiten Ehefrau Thea Löwenstein errichteten Schloss (im Stil Louis XVI) „Bellemaison“ in Höllriegelskreuth bei Pullach. Thea Löwenstein musste mit dem Großteil ihres Vermögens den finanziellen Ruin ihres Vaters abwenden. Carl Sternheim und seine Frau Thea verkauften „Bellemaison“ und zogen nach Belgien, wie sie sich 1927 scheiden ließen. Sternheim starb 1942 arm und vereinsamt in Brüssel.

Bei allem Respekt für Carl Sternheim, er gehörte der Klasse an, die er kolportierte, war ein Verehrer Bismarcks und des preußischen Militärs. Dennoch war er klug genug, sich nicht auf deren Seite zu schlagen, sondern deren Lächerlichkeit durch den Fokus seines Monokels auf die Bühne zu bringen. Adressat seines Hohnes war der „Spießbürger der Nach-Bismarck-Zeit“ und mit ihm nahm er gleichsam die Aristokratie aufs Korn, die sich allzu gern von eben diesem Spießbürger korrumpieren ließ. Bei aller gesellschaftlichen Klarsicht und Hemmungslosigkeit in seiner Kritik, fand sich im letzten Winkel des Reichsdeutschen Sternheim eine stille Verehrung für das preußische Junkertum und dessen Vorreiters Moltke. Es ist also Vorsicht geboten im Umgang mit Carl Sternheim und seinem „Bürgerlichen Heldenleben“. Im Übrigen hat er sich nie letztgültig dazu geäußert, welche Komödien dieser Serie tatsächlich dazu gehören.

  Heldenleben  
 

Hanna Scheibe, Oliver Nägele, Jens Atzorn

© Matthias Horn

 

Der Dramatiker Sternheim war ein Phänomen, was seine Sprache anbelangte. Seinerzeit hielt man sie für expressionistisch. Tatsächlich blieben seine Figuren Gattungsvertreter, deren Kosmos immer der des Besitzes ist. Folglich bietet sich die verfremdete Lesart geradezu an. Nicht Menschen agieren, sondern „geometrische Klischees“ die mit „Sprachmasken auftreten, die als vorgeprägte Maske hörbar wird“, und die sich somit selbst demaskieren. (Georg Hensel) Man bedenke, die Protagonisten der drei vorliegenden Dramen heißen Maske.

So gesehen können die Stücke Sternheims nur Folien sein, die mit der heutigen Realität vergleichend herangezogen werden können. Das Ergebnis ist überraschend. Die Aktualität ist auf den ersten Blick erschütternd. Auf dem zweiten bleibt nur der Schluss: Bei aller Schminke, die Prämissen des Kapitalismus und die daraus resultierenden Folgen sind unverändert geblieben. Tom Kühnel und Jürgen Kuttner widmeten sich auf die ihnen eigene Art diesen Texten, was bedeutet, sie benutzten sie, um ihre Kapitalismus- und Gesellschaftskritik an den Mann und die Frau zu bringen. Man spielte die Stücke, doch man kommentierte sie gleichsam, und zwar im Übermaß. So wurden die Sternheimschen Vorlagen mit Adorno, van Hoddis, Kersten und Werfel aufgestockt. Heraus kam ein philosophisch, politischer Diskurs, manchmal schwer zu fassen und schwer zu verdauen. Das theatralische Moment wurde mit kabarettistischen Momenten gebrochen, was Raum zum geistigen Atemholen gab. In zwei Szenen trat Jürgen Kuttner als Maschinengewehr der Aufklärung in Erscheinung und an die Rampe und verballhornte, was ohnehin kaum noch jemand kennt, nämlich die europäische Philosophie und die griechische Mythologie.

Ausgehend von der großen Wende der europäischen Philosophie, die in Descartes „Cogito ergo sum“ (Ich denke, also bin ich.) gipfelte, schlug er den Bogen zu ihrer Vollendung in heutiger Zeit durch Juliane Werdings: „Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst…“ Das war lustig. Weniger lustig und vielmehr erschütternd war die Vorstellung eines Bundeswehr-Werbefilms zum Starfighter (Lockheed F-104), dem von Franz Josef Strauss (als Verteidigungsminister) angeschafften Kampfflugzeug. Der Film war unterlegt mit den Zeilen aus Ovids Metamorphosen, die den Flug des Ikarus beschrieb, der bekanntlich mit dem Tod des kühnen Dädalus-Sohnes endete.

Aber keine Bange, Theater gab es auch, denn die ganze Geschichte dauerte immerhin 3 Stunden und 45 Minuten. Jo Schramms Bühne zeigte für „Die Hose“ eine indische Wellblechhütte, aus der sich die Maskes zu befreien suchten. „Der Snob“ residierte in einem klassizistischen Tempel inklusive moderner Malerei und gänzlich entortet, irgendwo in einer Wellnessoase mit Zen-Garten, verlor sich das Jahr „1913“.

So unglaubwürdig, wie sich der Mofa fahrende Oliver Nägele als Theobald Maske ausgerechnet in Indien ausnahm, so schlüssig figurierte Johannes Zirner als sterbender Globalplayer Christian Maske zwischen Bonsais. Im Dienst der Botschaft wurde kräftig aufgesetzt und übergestülpt. In diesem Sinn fiel es den Darstellern auch schwer, sich in den unterschiedlichen Rollen differenziert zu geben. Gerhard Peilstein der Mann für das Aristokratische, gab sowohl Graf Aloysius Palen, wie auch Graf Otto von Beeskow. Einen Unterschied nahm man vornehmlich in den Kostümen (Ulrike Gutbrod) wahr. Wie auch sollte sich ein Unterschied einstellen, unterlag er doch in beiden Rollen ein und derselben Sprachmaske. Ähnlich erging es Franz Pätzold als Mieter Frank Scarron in „Die Hose“ und als Sekretär Wilhelm Krey in „1913“. Dabei wäre hier wesentlich mehr Differenzierung möglich gewesen. Doch Pätzold spielte den verstiegenen Dichter mit ebenso viel stimmlicher Expression und emotionalen Druck wie den verkappten Revolutionär. Friederike Ott war in „Der Snob“ (Marianne Palen) und in „1913“ (Ottilie) jeweils die bestmöglich zu verhökernde Aristokratentochter. Auch ihre Rollen waren sehr klischeebehaftet und es gelang ihr nicht, sich deutlich darüber zu erheben.

Besser dran waren Hanna Scheibe als mütterlich, naive Luise Maske und skrupellose Geschäftsfrau Gräfin Sofie von Beeskow. Auch Jens Atzorn konnte von der Unterschiedlichkeit seiner Rollen profitieren. Als von Wagner besessener Mieter Benjamin Mandelstam in „Die Hose“ war er eine recht lächerliche Figur; als Phillipp Ernst in „1913“ hingegen gestaltete er einen ignoranten Bo, der einem Aufruhr die Pediküre vorzog. Katharina Pichlers unterschiedliche Frauenbilder als kuppelnde Nachbarin und als verschmähte Ex-Geliebte waren ebenso wohltuend anzuschauen. Johannes Zirners Christian Maske erschien in „Der Snob“ als ein energetischer, von Ehrgeiz zerfressener Mann, in „1913“ hingegen als ein an sich selbst verzweifelnder, alter, bissiger Greis, der immerhin noch einen Neuanfang wagen würde, hätte er nur einen Verbündeten. Durchgängig deutlich und charakteristisch war Oliver Nägele als Theobald Maske. Sein etwas tumber, nur in Geldfragen aufgeweckter Kleinbürger kam den Vorstellungen Sternheims vielleicht am nächsten. Es war ein reines Vergnügen, seine Präsenz und seine spielerische Präzision zu erleben.

Bei aller Vergnüglichkeit, die die Regisseure Tom Kühnel und Jürgen Kuttner entfesseln konnten, mussten doch einige Längen ausgehalten werden. So intellektuell anspruchsvoll die Spielfassung auch war, so unübersehbar und vordergründig waren leider die politischen Botschaften und ihre eher kabarettistische Umsetzung. Es stellte sich daher insbesondere in „1913“ ein Grad der Ermüdung ein, mit dem man nach fast vier Stunden den Heimweg antreten musste. Viele Bilder waren von politischen Thesen/Analysen/Parolen verdrängt worden, vor allem durch das Gerede vom kommenden Aufstand. (Ein frommer Wunsch?) Viel griffiger (Sprach-) Witz, wie er in Sternheims Texten reichlich vorhanden ist, ging im Politdiskurs unter oder wurde schlichtweg verschenkt. So gerieten die Figuren noch schematischer, als sie ohnehin schon sind. Daher drängte sich auch die berechtigte Frage auf, wie effizient dieser Abend wirklich war. Angesichts des Aufwandes, hielt sich das Vergnügen letztlich dann doch in Grenzen.

 

Wolf Banitzki

 

 


Aus dem bürgerlichen Heldenleben             
Die Hose. Der Snob. 1913

von Carl Sternheim

Oliver Nägele, Hanna Scheibe, Katharina Pichler, Franz Pätzold, Jens Atzorn, Jürgen Kuttner, Johannes Zirner, Gerhard Peilstein, Friederike Ott

Regie: Tom Kühnel und Jürgen Kuttner

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