Residenz Theater Torquato Tasso von Johann Wolfgang Goethe


 

 

Tasso - Scheitern auf hohem Niveau

„Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch.“ Mit diesen Worten qualifizierte Johann Wolfgang von Goethe „Torquato Tasso“ als sein vielleicht persönlichstes Theaterstück. Tatsächlich befand sich der Dichter in einem weltanschaulichen Dilemma. Obgleich er doch aufgrund seiner gesellschaftlichen Stellung viele Privilegien und Freiheiten genoss, sah er seine Ansprüche an eine freie menschliche und bürgerliche Existenz unerfüllt. Als Verleger Göschen ihm 1786 eine Gesamtausgabe vorschlug, erkannte der Dichter, dass er in den vorangegangenen zehn Jahren kein nennenswertes Werk fertiggestellt hatte. Zu viele Kompromisse war er in dem Dezennium als Weimarer Minister (1775 – 1786) eingegangen. Als er sich dessen schmerzhaft bewusst wurde, reichte er, im Zenit seiner Amtskarriere stehend, unbefristeten Urlaub ein, um sich nach Karlsbad zur Kur zu begeben. Doch sein eigentliches Reiseziel, das er streng geheim hielt, war Rom. Knapp zwei Jahre dauerte die Reise, die er gelegentlich als „Wiedergeburt“ bezeichnete. In dieser Zeit vollendete er auch sein Schauspiel „Torquato Tasso“, das er bereits um 1780/81 begonnen hatte.

Um seinen Konflikt literarisch austragen zu können, bediente sich Goethe der Figur des Renaissancedichters Torquato Tasso, der mit seinem Epos “Das befreite Jerusalem“ seinerzeit großes Ansehen erlangt. Die moderne Wissenschaft ist sich übrigens weitestgehend darin einig, dass der historische Tasso unter einer Schizophrenie litt, die ihn zu einem sehr schwierigen Zeitgenossen machte. Als Gegenspieler schuf Goethe die Figur des Staatssekretärs Antonio Montecatino. Im Gegensatz dieser beiden Figuren spiegelt Goethe seine eigene Zerrissenheit: einerseits der pragmatisch dienende Staatsmann, andererseits der genialische, nach Entgrenzung strebenden Künstler.

Goethes Schauspiel beginnt mit der Überreichung des langersehnten Werkes “Das befreite Jerusalem“ in die Hände Alfons II., Herzog von Ferrara. Leonore von Este, die Schwester des Herzogs, krönt Tasso mit dem Lorbeer. Doch dann kehrt Antonio, Staatssekretär des Herzogs, von seiner Mission aus Rom zurück. Über Tassos Lorbeer, Ausdruck seiner überragenden Person, geraten beide in Streit und Tasso zieht gegen den Staatsmann seinen Degen. Der Herzog lässt den Dichter unter Arrest stellen, tadelt aber gleichsam den welterfahrenen Antonio, der sich zu seiner Schuld, Tasso über Gebühr gereizt zu haben, bekennt. Tasso hegt Groll und Misstrauen gegen jedermann. Leonore Sanvitale, die Gräfin von Scandiano, eine Freundin des Hauses, möchte Tasso gern mit sich an den Hof von Florenz nehmen und vermittelt. Der Herzog verzeiht und es kommt zum Friedenschluss. Doch als Tasso den Ort verlassen will, überkommt ihn heftig das Gefühl der Zuneigung zu Leonore von Este und er umarmt sie. Dieser Etikettenbruch besiegelt das Schicksal des Dichters. Er ist jetzt ein Ausgestoßener. Selbst sein Werk wird ihm noch genommen, denn es gehört dem, der dafür gezahlt hat. Zuletzt bleibt ihm nur noch sein Wort: „Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt, / Gab mir ein Gott, zu sagen, wie ich leide.“

  Tasso  
 

Sibylle Canonica, (Projektion) Valery Tscheplanowa

© Matthias Horn

 

Es ist ein antagonistischer, einunlösbarer Konflikt, denn beider Männer Anspruch war durchaus rechtens. Doch einer musste auf der Strecke bleiben: Tasso. Die Gräfin Sanvitale bringt es auf den Punkt: „Zwei Männer sind's, ich hab' es lang' gefühlt, / Die darum Feinde sind, weil die Natur / Nicht einen Mann aus ihnen beiden formte.“ Goethes Pessimismus ist und bleibt von Dauer. Zehn Jahre nach der Weimarer Uraufführung im Jahr 1807 schrieb er an Sulpiz Boizzereé den Satz: „(…), denn leben heißt doch eigentlich nicht viel mehr als viele überleben.“ Tasso lässt Goethe zuletzt die Worte sagen: „So klammert sich der Schiffer endlich noch / Am Felsen fest, an dem er scheitern sollte.“ Dieser Felsen ist Antonio.

Philipp Preuss, er besorgte die Einrichtung am Münchner Residenztheater, ist gleichsam Autor und bildender Künstler. Da lag der Schluss nahe, dass der Besucher mit Überraschungen zu rechnen hatte. Eine war das Bühnenbild von Ramallah Aubrecht, das die Fortsetzung des Zuschauerraums, inklusive Balkon, bedeutete. Es handelte sich also, zumindest bis kurz vor dem Ende, um Theater im wörtlichen Sinn. Auf dem Balkon über der Bühne hatte Alfons II. Platz genommen. Er wurde dargestellt von einem 15köpfigen Chor. Ein Stuhl wurde ins Zentrum der Bühne gestellt und Leonore von Este, kraftvoll und majestätisch zugleich von Sibylle Canonica gestaltet, dialogisierte gemeinsam mit Nora Buzalka, die eine selbstbewusste und sehr anziehend-frauliche Leonore Sanvitale gestaltete, über Tasso, seine Verdienste und auch über seine männliche Erscheinung. Die Szene wurde wiederholt und als es schließlich zur Bekränzung Tassos kam, verstand der Zuschauer, dass es sich um Proben zu einer Award-Verleihung handelte. Dann regnete es Flitter aus dem Bühnenboden und Valery Tscheplanowas sensibel-fragiler Torquato Tasso, höchst irritiert von dieser Ehrung, bat: „O nehmt ihn weg von meinem Haupte wieder, / Nehmt ihn hinweg! Er sengt mir meine Locken!“

Mit dem Auftritt Norman Hackers als Antonio Montecatino wandelten sich Tassos Ansichten über die äußeren Insignien des Ruhms schnell, die er nun verteidigte. Der Streit eskalierte und ehe Antonio sich recht besinnen konnte, war er blutüberströmt. Unterschiedlicher konnten die Gegner kaum angelegt sein. Valery Tscheplanowas Tasso focht hysterisch mit starken und vor allem großen Worten. Sie zeigte dabei durchaus außer Kontrolle geratene pathologische Züge, wie sie dem historische Tasso im Gegensatz zu Goethes Figur wohl eigen waren. Norman Hacker hingegen reagiert kühl, überlegt und pointiert. Dabei ließ er es an einer beträchtlichen Portion Zynismus und auch Verachtung nicht fehlen. Die Erregungskurve der Inszenierung stieg stetig an und die Texte Tassos wurden zunehmend Opfer der Raserei, die immer wieder aufflackerte, weil Tasso jedem und allem misstraute. Der Kampf fand immer weniger auf der Szene und zunehmend im Geist Tassos statt. Irgendwann wurde deutlich, dass Tasso keinen Ausweg finden würde und scheitern musste. In diesem Augenblick wurde das Bühnenbild demontiert und abtransportiert. Das Lustschloss Belriguarda, Ort der Handlung, löste sich auf und die Realität wurde kalt und technisch sichtbar.

Philipp Preuss´ Konzept war wohldurchdacht, intelligent und schlüssig. Die Bilder waren klar, schön und groß. Die Inszenierung hatte unbedingt alle Voraussetzungen, ein großer Erfolg zu werden. Doch als das Licht verlosch, war der Applaus (3. Vorstellung) artig und mäßig. Das Publikum war schlichtweg überfordert. Die komplizierte, metaphorisch aufgeladene und durchaus gestelzte Sprache Goethes entzog sich allzu oft dem Verständnis durch mangelnde Akustik und extremen Tempo. Es war zu schwierig, einen Einstieg in die sehr emotionale Handlung zu finden und so stellte sich kaum ein eindeutiger Kontext her. Nur bei bester Kenntnis des Werks war es möglich, Bilder sofort zu entschlüsseln und Ideen zuzuordnen. In solchen Situationen steigt der Betrachter schließlich aus und wartet auf das Stichwort, das ihm den Wiedereinstieg ermöglicht.

Momentan wird der Münchner Theatergänger nicht selten mit Inszenierungen konfrontiert, die zwischen drei und viereinhalb Stunden dauern. Das artet auch schon mal in harte Arbeit aus. Für die Inszenierung von „Torquato Tasso“ hätte sich Philipp Preuss mehr Zeit genehmigen sollen. Hier wäre mehr auch mehr gewesen, denn bei einer Theaterarbeit, die nicht zu fesseln vermag, weil der Zuschauer immer wieder hinauskatapultiert wird, können zwei Stunden länger sein als drei.

 

Wolf Banitzki

 


Torquato Tasso

von Johann Wolfgang Goethe

Sibylle Canonica, Nora Buzalka, Valery Tscheplanowa, Norman Hacker, Chor

Regie: Philipp Preuss

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