Residenztheater Richard III von William Shakespeare


 

Hoffnung ist Illusion

William Shakespeare erschuf einen Mann, der mit der realen historischen Gestalt kaum oder gar nicht vergleichbar war. Dieser Mann hat einen Plan. Sein Name ist Richard, Herzog von Gloster aus dem Hause York. Er hat sich im Spiegel betrachtet und kam zu dem Schluss: Richard ist hässlich, „und zwar so lahm und so ungeziemend, dass Hunde bellen, hink ich wo vorbei.“ Wer so verabscheut, so ungeliebt ist, sollte König werden, auch und vor allem, weil es niemand sonst will: „Weil ich den Liebhaber nicht spielen kann, hab ich beschlossen, hier den Dreckskerl aufzuführn.“ Da passt es in den Plan, dass man so gar nichts fühlt, kein Mitleid, keine Verbundenheit, nicht einmal gegen das eigene Blut. Gloster ist kein Anfänger in seinem mörderischen Gewerbe. Seine Lehrzeit fällt in die Rosenkriege, in denen sich die Yorks (Weiße Rose) und die Lancasters (Rote Rose) den Rang streitig zu machen suchen. Gloster beendet die Herrschaft der Lancasters, in dem er König Heinrich VI und dessen einzigen Sohn Edward meuchelt. Als er Heinrich VI niedersticht, gesteht er freimütig: „Ich, der nichts weiß von Mitleid, Lieb und Furcht! ...“ (König Heinrich VI, Dritter Teil, Szene 6)

Jetzt, im Drama „Richard III“, als die eigene Sippe an der Macht, Glosters eigener Bruder Edward IV König ist, zeigt sich das ganze Ausmaß seiner Fühllosigkeit. Und so beschließt er den Tod des mittleren, in der Erbfolge vor Gloster rangierenden Bruders Georg, Duke of Clarence. Ein Orakel lässt Edward, der bereits stark kränkelt, glauben, dass ihm sein Bruder Georg nach dem Leben trachtet. In der Gegenwart der Leiche König Heinrich VI vollführt Gloster seinen ersten diabolischen Geniestreich. Er betört Heinrichs (VI) Schwiegertochter Lady Anne, die er selbst zur Witwe machte, ohne seine Taten zu leugnen, und steckt ihr einen Ring an den Finger. Dann lässt Gloster seinen Bruder Clarence im Tower töten und überbringt die Botschaft seinem anderen Bruder König Edward VI, diesem die Schuld für den Brudermord genussvoll in die Schuhe schiebend. Den nächsten Tag erlebt der gramgebeugte König nicht mehr.

Lord Hastings, der sich den Plänen Glosters nicht fügt, wird ebenso einen Kopf kürzer gemacht. Gloster rechtfertigt die Bluttat mit der Sorge um die Sicherheit Englands, - „Heimatschutz“, könnte man es auch nennen. Jetzt ist die Krone zum Greifen nah, doch er greift nicht danach, sondern lässt sie sich vom Volk und den Pairs geradezu aufdrängen. Das gefakte Begehren der Mehrheit wurde vom Herzog von Buckingham, dem getreusten Handlanger Glosters, initiiert. Aber auch ihn verrät der bucklige König am Ende. Gloster genießt den Triumph auf die ihm eigene Art: „Ich bin ja nicht von Stein: / Durchdringlich eurem freundlichen Ersuchen, / Zwar wider mein Gewissen und Gemüt.“

Die letzte Hürde, die den Thron noch wanken lässt, sind die beiden Kinder König Edwards und ein junger Sohn des Bruders Clarence. Auch diese nimmt Gloster schwungvoll, lässt die beiden Thronprätendenten töten und den dritten auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Ein Widersacher konnte sich dem Blutrausch Glosters durch Flucht nach Frankreich entziehen: Richmond, Halbbruder Heinrich VI. Er stellt ein Heer auf und kehrt mit Verbündeten nach England zurück, um Gloster erfolgreich zu stürzen. Durch Eheschließung zwischen Richmond und Elisabeth, Tochter Edward IV, werden die verfeindeten Dynastien miteinander verbunden und der Krieg findet sein Ende.

  Richard III  
 

Michele Cuciuffo (Hastings), Marcel Heuperman (Catesby), Norman Hacker (Richard III)

© Matthias Horn

 

Michael Thalheimers Inszenierung am Münchner Residenztheater war, wie nicht anders zu erwarten, eine eigenwillige Lesart und Interpretation. Bühnenbildner Olaf Altmann schuf für die Inszenierung einen hohen düsteren Schacht aus schwarzem, vielleicht verkohltem Holz. Der Bühnengrund war angefüllt mit Brandresten der Geschichte, Kohle und Asche. Daraus erhoben sich die Figuren, nicht glanzvoll wie Phönix, sondern wie immer wiederkehrende Protagonisten einer unbelehrbaren Geschichte, um ihr zerstörerisches Werk immer und immer wieder zu verrichten. Allen voran Gloster, ein geistiger und körperlicher Kretin, deformiert in jeder Hinsicht. Norman Hacker spielte diese Deformationen mit jeder Faser seines Körpers und jeder Nuance seiner Stimme. Bei aller Clownerie, die dabei entstand, blieb er stets und ständig ein perfides blutrünstiges Monster, die Personifizierung des Bösen schlechthin. Es gibt nur noch zwei berühmte Bühnenrollen, die wie Gloster als uneingeschränktes Bekenntnis zum Bösen daherkommen. Die zweite stammt ebenfalls aus der Feder des Engländers: Jago („Othello“). Christian Dietrich Grabbes Neger Berdoa („Herzog Theodor von Gothland“) ist die dritte dramatische Ausgeburt. Diese Figuren müssen sich nicht erklären, sie handeln einfach nur, folgen ihren niedrigsten Instinkten und perversesten Neigungen. Dabei gibt es in diesem Stück noch eine zweite Figur, die Gloster in nichts nachsteht. Gemeint ist der Herzog von Buckingham, kongenial zu Norman Hacker mit Thomas Schmauser besetzt. Schließlich steht hinter jedem Tyrannen immer auch ein pervers-genialer Stratege und Stichwortgeber. In Thalheimers Inszenierung bleibt auch er nur ein Handelnder, dessen Beweggründe allein in der Mechanik der Vorgänge ablesbar bleiben. Dabei verbirgt sich hinter dieser Figur und auch der Figur Richard III ein Universum an psychologischen Variablen. Doch die lotet Michael Thalheimer nicht aus.

Ihm geht es vielmehr um die erschütternden Einsichten über die Modernität des Dramas und der Figur Glosters. Er ist ein Tyrann, der nicht nur Nebenbuhler in feindlichen und auch der eigenen Partei überwinden muss, sondern auch das Volk. Ohne auch nur die geringste konkrete Andeutung, drängten sich die Parallelen zur heutigen Weltpolitik auf. Da sind Potentaten, deren (zumeist seelische, aber auch physische) Hässlichkeit ins Auge springt; Potentaten, die eine ungeheure Machtfülle haben und die, obgleich sie längst ganz augenscheinlich gegen ihr eigenes Volk regieren, noch immer dessen (beinahe) uneingeschränkten Rückhalt haben. Diese Potentaten schüren hemmungslos und nicht einmal sonderlich geschickt den Hass gegen politische Feinde, gegen benachbarte Nationen und gegen jede Form von (politischer, ökonomischer und auch ökologischer) Vernunft.

Die Geschichte, die der Gesellschaft schlechthin, aber auch die um Richard III, wurde in Schwarz-Weiß erzählt. Und zwar im wahrsten Sinn des Wortes (Kostüme Michaela Barth). Wenn eine Farbe ins Spiel kam, dann war es rote. Es waren die blutigen Hände Tyrells (Michele Cuciuffo) nach der Bluttat im Tower an den Söhnen Edward IV. Oder es war eine rote Plastiktüte, Mordinstrument in den Händen Catesby, devot, eilfertig und effizient von Marcel Heuperman gespielt. Wenn Richmond (Philip Dechamps) zuletzt bei Gloster den Blutzoll einfordert, spritzt der rote Saft in den Raum, sich mit der Asche der Geschichte vermählend. In diesem Augenblick strömte warmes Licht von oben in den schwarzen Schacht, was angesichts der zweieinhalbstündigen Düsternis ein wenig kitschig anmutete. Vielleicht hatte Michael Thalheimer ein zu düsteres Bild von der „Weltgeschichte“ geschaffen, als dass das Licht dazu hätte taugen können, Optimismus zu verkünden. Zu tief drang das düstere Grollen (Musik Bert Wrede) in die Betrachter ein; zu sehr waren die Protagonisten griechisch-tragödisch, um als Betrachter den Kopf oben behalten zu können.

Maßgeblich beteiligt waren daran die Frauenfiguren, die wie Erinnyen orakelten, nicht wie verletzte Frauen greinten, tobten und verdammten. Allen voran Charlotte Schwab als Herzogin von York, Mutter Glosters. Hölzern vor Gram und Entsetzen durchschritt sie die Szene um Klage zu halten. Hanna Scheibes Königin Elisabeth verwandelte sich gänzlich in den Schrei der Anklage wider die Mörder ihrer Kinder und zwischen dieser gramvollen Versteinerung und der vom Schmerz zersetzten Mutterfigur wandelte Sibylle Canonicas Margaret von Anjou, der Gloster sowohl den Mann als auch den Sohn genommen hatte. Anna Drexlers Lady Anne war es zudem noch vergönnt, die Ehefrau des Scheusals zu werden, das vorgab, ihren Vater und ihren Bruder aus Liebe zu ihr getötet zu haben. Sie fand ihre königliche Rolle zwar, doch führte die sie mehr oder weniger in den Wahnsinn.

An Michael Thalheimers Inszenierung war lobenswert, dass er, ohne platte Vergleiche, den Zuschauer mit dem Heute konfrontierte. Nun muss man dieser heutigen Realität allerdings auch zugestehen, dass sie einen Shakespeare an Theatralik durchaus in den Schatten stellen kann. Wenn Gloster die Tötung seiner Feinde mit dem billigen Vorwurf der Hexerei veranlassen kann, ist das heutigen tags nicht mehr sehr glaubhaft. Wenn ein Präsident eine Stadt zu einer Hauptstadt erklärt und innerhalb von 24 Stunden damit eine Konfrontation in der Größenordnung eines Bürgerkrieges auszulösen vermag, staunt der politische Laie schon. Es mutet an, als sehnten sich alle nach diesem Konflikt und stürzten sich lustvoll kopfüber hinein.

Wir müssen uns einfach eingestehen, dass wir wieder in der rüden Welt der Glosters, der Jagos und der Berdoas angekommen sind. Interessensvertreter, und zumeist sind es ökonomische, gehen nicht mehr den Weg über die Politik oder die Diplomatie. Diese Wege sind ineffizient geworden. Also übernehmen Milliardäre, Geheimdienstler und narzisstische Idioten, von den Kirchen dieser Welt abgesegnet, die moralisch und ökonomisch maroden Gesellschaften. Der Bürger sehnt sich nur nach geordneter Sicherheit. Er gibt jedem seine Stimme, der ihm genau das verspricht. Eine differenzierte Weltsicht ist ihm dabei längst abhanden gekommen. Weltanschauungen sind Meinungen gewichen und die schwirren in Twitterformat um den Globus, die allgemeine Verblödung und Verwirrung voran treibend.

Michael Thalheimers „Richard III“ muss man aushalten können. Die Wucht der moralischen und geistigen Finsternis ist unerträglich, und obgleich dem Stück ein grandioses ästhetisches Konzept innewohnt, gibt es trotz angedeuteter „Morgenröte“ aus dieser Depression kein Entkommen. Wer diese zweieinhalb Stunden argumentativer Panzerschlacht nicht erträgt und aussteigt, dem wird die Zeit verdammt lang. Der Satz, die Hoffnung stirbt zuletzt, kommt einem wie eine Plattitüde vor, denn einmal mehr müssen wir uns eingestehen, dass dem Menschen die einfachsten Einsichten zu seinem eigenen und zu unser aller Besten offensichtlich nicht gegeben sind, noch gegeben sein werden. Hoffnung ist offenbar nur eine Illusion. Auf das der rote Saft lustig weiterfließe! Sicher scheint momentan nur der Satz zu sein: „Die ganze Welt ist schwindelig.“

Wolf Banitzki

 


Richard III

von William Shakespeare
Deutsch von Thomas Brasch

Norman Hacker, Philip Dechamps, Götz Schulte, Hanna Scheibe, Max Koch, René Dumont, Sibylle Canonica, Charlotte Schwab, Anna Drexler, Thomas Schmauser, Michele Cuciuffo, Marcel Heuperman, Philip Dechamps, Max Koch, Michele Cuciuffo, Philip Dechamps

Regie: Michael Thalheimer

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