Residenz Theater Am Ziel von Thomas Bernhard


 

 

Schwarz auf Weiß

"Schreiben ... Nur wer wirklich unabhängig ist, kann im Grund wirklich gut schreiben. Weil wenn sie abhängig sind von irgendwas, wird man das in jedem Satz spüren. Die Abhängigkeit lähmt jeden Satz, den sie hinschreiben. So gibt's lauter lahme Sätze, lauter lahme Seiten, lauter lahme Bücher ...", so Thomas Bernhard, dessen Ausführung über das Schreiben sich ebenso gut auf das Leben übertragen lässt.

Sein Werk "Am Ziel" ist eine anhaltende Auseinandersetzung über Abhängigkeit. Eine Abhängige schafft sich Abhängige um ihre Abhängigkeit zu kompensieren. Das kann nur in Vergeblichkeit, Langeweile und Leere enden. Noch dazu, wenn die Ziele rein äußere, handfest materielle sind. Den Besitzer eines Gusswerks ehelichte die Enkelin eines Spaßmachers, und mit dem Aufstieg ins Bürgerliche lernte sie rechnen, wohlgemerkt erst rechnen und dann schreiben und dann lesen. Gehasst hat sie ihn, den Mann, und sich verliebt in das Wort Gusswerk und in das Haus am Meer. Wie jedes Jahr, seit zwanzig Jahren, fährt sie mit der Tochter dorthin. Von der werden die Koffer gepackt, ein Ritual, das die Mutter mit typisch Bernhardschen Ausführungen ihrer Lebens- und Leidensgeschichte begleitet. Doch diesmal ist es anders, lud sie doch im Überschwang einer Premierenfeier den gefeierten Erfolgsautor ein, die Sommerfrische mit ihnen zu teilen. Auch der dramatische Schriftsteller ist am Ziel, das da heißt: Erfolg.
 
   
 

Cornelia Froboess

© Thomas Dashuber

 

 

So wie die Matadore immer "hart am Stier" kämpfen, so schrieb Thomas Bernhard immer "hart an der Wahrheit". Gnadenlos aufrichtig lässt er die Mutter resümieren, über den Mann, den verkrüppelten verstorbenen Sohn, der erst im Tod ansehnlich wurde, und die Tochter, die nur noch für sie und ihre Wünsche da zu sein hat. Cornelia Froboess beherrschte in dieser Rolle die Bühne. Abwechslungsreich und überzeugend trug sie vor, hob sie das Glas, forderte sie die Unterwerfung in ihre Wünsche ein. Ja, man gewann den Eindruck, sie genoss auszusprechen, was normalerweise verschwiegen wird. Für Stephanie Leue als Tochter und Dirk Ossig als dramatischer Schriftsteller, deren Text ohnehin keinesfalls opulent ist, blieb da nicht allzu viel Platz. Hier arbeitete die Inszenierung stark mit Körpersprache und Mimik, um der Wortgewalt etwas entgegenzusetzen. Das Konzept ging auf. Stephanie Leue gab eine linkische junge Frau, der es an eigenen Wünschen und eigenem Willen mangelte und die sich im Koffer ein- und auspacken erging. Den dramatische Schriftsteller, mit symbolisch wirrem Haarschopf, stellte genial linkisch Dirk Ossig dar.

Sinnfällig Schwarz-Weiß gestaltete Stefan Hageneier die Bühne. In großen Lettern stand die Tageszeit auf der Rückwand, lief die Zeit ab. In einem schwarzen Lehnstuhl saß die Mutter zu Hause, stellte das Cognacglas auf einen schwarzen Tisch. Der Ortswechsel ins Haus am Meer verlief zwischen grünen Windmühlen. Was an Interieur im zweiten Teil folgte, strahlte weiß, weiß waren der Lehnstuhl und die Hocker vor dem weißen Tisch im Haus am Meer.

Blickt man auf die Gesellschaft, so sieht man sie die an ihrem Ziel angekommen. Sie, die die Vorstellungen machen in endlosen Tiraden, verbal und medial, und die Nachfolgenden, die ohne Wünsche die Koffer packen, also die Vorgaben erfüllen und vergeblich nach ein wenig Raum für Eigenes Ausschau halten. Und die Autoren, die aufschreiben, kommentieren und von oder zu denen man dann sagt: "alles könnte von mir sein". Die Ziele im Terrain sind längst abgesteckt, "es gibt schon alles". Und was kommt danach? "... wir wiederholen was es schon gibt ..."

Am Ziel war auch der Regisseur Thomas Langhoff, der genau wusste, mit welchen Passagen aus der Dichte des Bernhardschen Textes er sein Publikum einfängt und gekonnt Betonungen und Pausen setzte. Dessen kleine Slapstick-Einlagen im Hintergrund abliefen und der auch die Körper der kaum zu Wort kommenden Tochter und des dramatischen Schriftstellers sprechen ließ.

Am Ziel war auch der Zuschauer, dem eine Inszenierung geboten wurde, die unterhielt, schmunzeln machte und angenehm bewegte. Was wollte Publikum mehr. Da applaudierte man doch gerne und anhaltend.

 

C.M.Meier

 

 

 


Am Ziel

von Thomas Bernhard

Cornelia Froboess, Stephanie Leue, Dirk Ossig, Nella Schliep

Regie: Thomas Langhoff
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