Residenz Theater Medeia von Euripides


 
 
Leidenschaft ist größer als Liebe

Leidenschaft ist größer als Liebe und die Quelle des Unheils! Der Dichter Euripides, der bedeutendste seiner Zeit, war fasziniert von diesem Gedanken und in seinem Text "Medeia" trieb er seine Überlegungen zum Thema auf eine bisher unerreichte Höhe. In seinem 408/407 v. Chr. im Exil verfassten Text "Die Bakchen" stilisierte er die "barbarische" Leidenschaft zum staatsgefährdenden Element hoch und bewies damit seherische Weitblick. Athen ging unmittelbar danach zu Grunde. In "Medeia" behandelte er das Thema als eine zutiefst menschliche Eigenschaft, die eine Familie auslöschen kann. Und gerade diese Behandlung "menschlicher Eigenschaften" machte ihn jedoch von Anbeginn seiner dichterischen Karriere zum Bahnbrecher, der erst Jahrhunderte später als solcher gewürdigt wurde. In seiner Zeit, wie sollte es anders sein, wurde er verlacht und in der zeitgenössischen Dichtung sogar verspottet. Immerhin hatte er die Götter in seiner Dichtung zu Hinterbänklern gemacht. Aber der Prophet galt im eigenen Lande nichts und das gesunde Volksempfinden und die Dummheit der Athener Intelligenz vertrieben ihn.

Mit "Medeia" griff er ein Thema auf, dass zu allen Zeiten als das wohl grausamste Verbrechen geahndet wurde, weil es wie kein anderes Abscheu erregte. Es ging um den zweifachen Mord einer Mutter an ihren Kindern. Euripides gelingt das beinahe unfassbare; er überliefert uns eine Geschichte, die zwar kein Verständnis schafft, aber doch immerhin ein Begreifen.

Die Kolcherin Medeia, in den Augen der Griechen eine Barbarin, erliegt dem Werben Jasons, der in das Schwarzmeerland kommt, um das Goldene Vlies zu stehlen. Ihre vorbehaltlose Liebe treibt sie auf die Seite des jungen Mannes. Sie tötet den eigenen Bruder, um die Flucht der beiden zu garantieren. Sie ist eine leidenschaftliche Frau, deren Entscheidungen nicht in Halbheiten stecken bleiben. Die Flucht führt sie nach Korinth, wo König Kreon dem Paar, das inzwischen zwei Kinder hat, eine Zuflucht bietet. Jason wendet sich hier von Medeia ab und ehelicht Glauka, die Tochter des Königs. Seine Beweggründe sind niederer Natur, sexuelle Triebhaftigkeit, soziale Aufstiegschancen, Reichtum und Macht. Medeia will sich nicht in dieses Schicksal fügen, begehrt lautstark und aggressiv auf. Jason, der gemeinsame Sache mit Kreon macht, initiiert die Vertreibung Medeias. Doch was kann diese Frau noch vom Leben erwarten? Er hat sie um die Heimat, um die Freunde, um die Geborgenheit gebracht. Medeia ist eine starke und stolze Frau und zutiefst verletzt durch den Verrat ihres Mannes. Sie sinnt auf Rache und weiß, dass sie Jason nur zerstören kann, wenn sie das Leben seiner, ihrer gemeinsamen Kinder auslöscht, denn damit erstirbt zugleich die Zukunft des Mannes, dem sie ihr Leben gewidmet hat. Jason wohnt seinem eigenen Untergang bei und begreift.
 
 

 
 

Stephanie Leue, Rainer Bock

© Thomas Dashuber

 

 

Die dramatische Handlung beginnt mit der verzweifelten Klage Medeias, die von ihrer Ausweisung erfährt. Ihre Raserei endet erst, als alle Untaten vollbracht sind. Zur Verantwortung kann man sie nicht mehr ziehen, denn sie ist nach Athen geflohen.

Für Regisseurin Tina Lanik begann alles mit der Argo, dem Schiff, mit dem Jason und seine Argonauten nach Kolchis segelten. Bühnenbildnerin Magdalena Gut setzte diese Idee einfach und wirkungsvoll um. Die Argo, zunehmend als goldenes Gerippe sichtbar werdend, bildete das Zentrum. Umrahmt wurde die Szene von einer orangefarbenen, an einen Bauzaun erinnernden Mauer. Sie bildete das Verlies der Kolcherin, aus dem es nur den Weg ins Exil gab. Es blieb viel Raum auf der Bühne, Raum für die Raserei Medeias. Diese Tragödie ist kein Kammerspiel und eine weniger raumgreifende Bühne wäre gar nicht denkbar. Stephanie Leue durchmaß sie immer wieder in sinnloser Hatz, denn in diesem Raum war der Feind nicht zu greifen. Zudem war es ein langer Weg von der liebenden Mutter bis zu einer Kindsmörderin. Der Darstellerin fehlte allerdings das letzte Quäntchen Überzeugungskraft. Vielleicht lag es am Übermaß des körperlichen Einsatzes, bei dem die Intensität des Wortes, des Argumentes gelegentlich in der Atemlosigkeit unterging. Das beste Maß fand unbestritten Barbara Melzl als antiker Chor. Ihre Kommentare der Abläufe waren ernsthaft bis lakonisch, manchmal Understatement und einmal lautstarke bewusstlose Verzweifelung. Ebenso hervorhebenswert war die Leistung Rainer Bocks als Jason. Die Rolle ist eigentlich wenig ergiebig und dennoch gelang Bock die Charakterisierung des Jason in allen Facetten vom schmierigen Spießer bis zum Staatsmann.

Tina Lanik lieferte nach "Gothland" und "Baumeister Solness" einmal mehr den Beweis ihrer künstlerischen Meisterschaft. Maß- und wirkungsvoll erzählte sie eine Geschichte von geradezu unfassbarem Ausmaß. Diese Inszenierung zeugt vom tiefen Verständnis antiken Denkens, dessen ethische und moralische Maßstäbe auch heute nicht überlebt sind. "Medeia" ist wohl das älteste und zugleich modernste Stück der Theatergeschichte, das noch immer nicht zu Ende erzählt wurde. Es war eine Inszenierung, die den Dichter ehrte!

 
Wolf Banitzki
 
 

 

 

Medeia

von Euripides

Eva Schuckardt, Fred Stillkrauth, Stephanie Leue, Barbara Melzl, Guido Lambrecht, Rainer Bock, Stefan Hunstein, Lena Dörrie, Kinder: Leo Tannenberg, Rafael Tannenberg, alternierend: Sandro Iannotta, Quentin Strohmeier

Regie Tina Lanik
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