Residenz Theater Herzog Theodor von Gothland von C.D. Grabbe


 

 

Massenmord und Heiterkeit

Seit fast zweihundert Jahren geistert Grabbes "dramatisches Monstrum des Weltschmerzes" und "erstes Drama des völligen Nihilismus" durch die Annalen der Theaterliteratur und wer sich ihm stellte, betrat wankenden Boden. Von der Literaturwissenschaft als "die Zusammenfassung einer bunten, zum Teil höchst trivialen Primaner- und Studentenlektüre, eine individuelle Summa der gesamten vor- und schauerromantischen Barocktradition" nicht zu Unrecht abgetan, ist jede Annäherung ein mutiger Versuch, der in der Inszenierung am Residenztheater ohne Zweifel von Erfolg gekrönt ist.
 
Die Dramaturgin Laura Olivi setzte beherzt und klug den Stift an und übrig blieb ein entschlacktes, auf den Hauptstrang der Grabbeschen Erzählung reduziertes Menschheitsdrama, das hier und heute Sinn macht. Noch immer geistert Grabbe selbst als verkanntes Genie durch die Zeilen, das sich zwischen seinem hypertrophen Selbstanspruch und dem Zeitgeist, einem Geist der gesellschaftlichen Stagnation und Restauration wider die Aufklärung aufrieb. Zeugnis dafür ist eine Sprache, die zwischen Bombast und Vulgarität variiert und unfreiwillige Komik am laufenden Band gebiert.
 
Die Figuren sind nicht unbekannt, entstammen Sie doch der Literatur Shakespeares, Schillers, Adolph Müllners und Lord Byrons. Eklektizistisch ist das Werk allemal und doch von verblüffender Originalität. Im Kontext der klassischen Literatur war das Drama wohl die extremste Provokation und mit Sicherheit der Beginn einer neuen Theaterästhetik.
 
 

 
 

Christian Lerch, Robert Joseph Bartl

© Thomas Dashuber

 

 

Theodor von Gothland ist zu Beginn des Stücks ein glücklicher Mann mit einer makellosen Ethik, gottgläubig, dem König treu und seiner Familie in Liebe verbunden. Sein Gegenspieler Berdoa, Neger und Feldherr der Finnen, hat sich aus "guten" persönlichen Gründen die Vernichtung des Herzogs auf die Fahnen geschrieben und betreibt sein Geschäft akribisch und einfallsreich. Der Herzog, durch Intrigen verführt, wird zum Brudermörder, Hochverräter und Großtyrann. Ehrlos geworden, leugnet er Gott und jedwede weltliche Macht, usurpiert zwei Länder und beginnt einen erbarmungslosen Ausrottungsfeldzug gegen alle Andersdenkenden. Eine hinlängliche bekannte Geschichte also, auch in der neueren Zeit. Und doch macht die Wiederholung Sinn, denkt man an Nietzsches fatalistisches Bekenntnis: "Die Geschichte lehrt, dass der Mensch aus der Geschichte nichts lernt." Das Hier und Heute unterstreicht diesen Satz mit Nachdruck. Doch Regisseurin Tina Lanik vermeidet es tunlichst uns darauf hinzuweisen. Ihr Ansatz, vielleicht der einzig richtige im Umgang mit diesem Stück, ist ein epischer. Sie erzählt uns die Geschichte kommentarlos und nutzt alle nur erdenkbaren Tugenden und Tücken des Textes, um den Zuschauer mit einem sicheren Gefühl zu entlassen. So entdeckt dieser die Phrasenhaftigkeit der Weltgeschichte und kommt immerhin zu dem Schluss, dass der Mensch in seiner Unvollkommenheit noch immer nicht in der Lage ist, seine Geschicke nach den Prinzipien der Vernunft zu gestalten. Dank Grabbe hat diese Inszenierung noch einen anderen, höchst wichtigen Aspekt. Die unfreiwillige Komik der Sprache, die hier entlarvend wirkt, versetzt den Zuschauer immer wieder in eine Distanzhaltung. Weder versucht die Regisseurin diese Komik zu unterdrücken, noch forciert sie diese deutlich. Ebenso wenig strebt sie eine Katharsis an, sondern überlässt den Zuschauer seiner eigenen Kritikfähigkeit. Das ist Brechtsches Theater im besten Sinn, aussagekräftig und nachdenklich machend.

Dabei kann Tina Lanik auf zwei großartige Protagonisten zurückgreifen. Thomas Loibl als Herzog von Gothland leistet Herausragendes. Sein Wandel zum totalen Bösewicht, zur reinen Bestie gelingt ihm, trotz aller Absurditäten im Text, sehr überzeugend. Es bleibt kein Zweifel, dass dieser Gothland zum Massenmörder taugt und Verzeihung wird ihm nicht gewährt, selbst unter Berücksichtigung der Tatsache nicht, dass er unverschuldet in diesen Strudel des moralischen Verfalls geraten ist. Der gelungenste Streich dieser Inszenierung ist jedoch die Besetzung des Negers Berdoa , Aaron (Titus Andronicus) und Jago (Othello) in einer Person, mit Barbara Melzl. Mit kaltschneidender Stimme zertrennt Sie alle menschlichen Bande, die den Herzog mit der zivilisierten Welt verbinden. Den Preis des eigenen Untergangs akzeptiert Berdoa, hat er doch seinen Vernichtungsfeldzug gegen den Feind mehr als erfolgreich bestritten. Selbst bar aller Menschlichkeit verrichtet der Neger sein Werk mit der Präzision einer ausgeklügelten Maschine und Barbara Melzl lässt den Besucher die Kälte des Stahls fühlen.

Wenn sich am Ende die bis in den menschlichen Himmel reichenden stählernen Wände des symbolträchtigen Bühnenbildes von Magdalena Gut für die Zukunft heben, tritt Robert Joseph Bartl als König von Schweden an die Rampe. Er, der alte neue Herrscher verkündet mit dem säuselnden Ton eines lyrikliebenden Bürokraten eine neue Zukunft, die doch nur der Fortgang der Vergangenheit ist, denn im Hintergrund rollen endlos die Panzer.

Diese Inszenierung, in jeder Hinsicht verständlich und ästhetisch geschlossen, opponiert gegen Sehgewohnheiten und verstört, insbesondere dann, wenn von Massenmord die Rede ist und die Worte zum Lachen reizen. Aber gerade hierin liegt das Prinzip Hoffnung begründet. Haben wir nicht auch über Chaplins "Der große Diktator" lachen können? Schließlich weiß doch jeder, dass sich Usurpatoren und Diktatoren immer auch als lächerliche Figuren entpuppen.

Diese Inszenierung hat den Grabbeschen Text umgeschrieben, ohne ihn in seiner Aussage deutlich zu verändern, was eine mehr als bemerkenswerte Leistung ist.

 
Wolf Banitzki

 

 


Herzog Theodor von Gothland

von C.D. Grabbe

Robert Joseph Bartl, Richard Beek, Thomas Loibl, Janko Kahle, Helmut Pick, Beatrix Doderer, Christian Friedel, Christian Lerch, Fred Stillkrauth, Ulrich Beseler, Marc Oliver Schulze, Barbara Melzl, Peter Albers, Arnulf Schumacher

Regie: Tina Lanik
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