Residenztheater Der Weibsteufel von Karl Schönherr


 

 

Von der Kunst, ein alpenländisches Gemälde zu malen

Drei Menschen geraten in einen Strudel der Leidenschaften, ein Mann, sein Eheweib und ein junger Grenzjäger. Der Mann ist Schmuggler. Doch seit einiger Zeit ist ein junger ehrgeiziger Grenzjäger im Revier stationiert, der den Schmugglern wie ein Terrier an den Fersen klebt. Das ist umso ärgerlicher, da dem Mann nur noch einige wenige Grenzgänge genügen würden, um das lang ersehnte Haus am Marktplatz kaufen zu können. Er hatte es seiner Frau versprochen, die sich nichts sehnlicher wünscht, als endlich den „Fuchsbau“ oben am Berg verlassen und in der Gemeinschaft mit anderen Menschen leben zu können. Sie lebten bislang unaufgeregt, ohne Streit, aber auch ohne nennenswerte Glücksmomente. Ein Kind blieb ihnen versagt, was, wie sich später herausstellt, eine große Belastung für die Frau ist. Der Mann ist nicht gerade der Stärksten einer. Ganz im Gegensatz zum jungen und kräftigen, groß gewachsenen Grenzjäger, der schon bald ein Auge auf die Frau wirft. Der Ehemann bemerkt es. Er sieht seine Chance und fordert die Frau auf, dem Grenzjäger schöne Augen zu machen, ihn in der Hütte zu umgarnen und so aus dem Verkehr zu ziehen. Das dürfte einer Frau nicht schwer fallen, meint er. Der Plan geht auf, zumindest der des Ehemanns. Der Grenzjäger möchte seine Pflichten nicht aus den Augen verlieren, hat sich aber inzwischen in die Frau verliebt. Die Macht der Liebe führt ihn auf Abwege. Er ruiniert seine berufliche Existenz, denn er zeigt das Schmugglerehepaar nicht an. Der Mann hat inzwischen entdeckt, dass nicht nur der Grenzjäger seiner Frau, sondern auch seine Frau dem Grenzjäger verfallen ist. Ein Ausweg ist nicht in Sicht und die Frau begreift, dass sie lediglich Spielball der Interessen zweier Männer war. Doch sie ist nicht bereit, das Spiel mitzuspielen. „Zuerst habt ihr mich aufgerissen bis auf den Grund, und jetzt möchts ihr mich wieder zudrehn, wie einen Wasserhahn. Aber mich fangts nimmer ein.“

Ort der Handlung ist die Grenze zwischen Bayern und Tirol. Autor Karl Schönherr (1867-1943) war selbst gebürtiger Tiroler. Als Sohn eines Dorfschullehrers studierte er Medizin, approbierte und promovierte zum Dr. med. Mit den Stücken „Glaube und Heimat“ (1910) und „Der Weibsteufel“ (1914) etablierte er sich als Dramatiker endgültig und lebte ausschließlich von seiner Dichtung. Zwischen 1911 und 1920 erhielt er allein drei Mal den Grillparzer-Preis. Er war seinerzeit überaus erfolgreich und es ist kaum zu glauben, dass er heute beinahe in Vergessenheit geraten ist. Diese Tatsache resultiert vornehmlich aus seiner politischen Haltung im „Dritten Reich“. Den „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich kommentierte er in Versen wie folgt: „Nun sind wir wieder ein gewaltiges Land, / so wie in alter Zeit, / das keine Welt auseinanderreißt“. Bereits am 9.Mai 1933 hatte er den Ritterschlag des Nationalsozialismus erhalten, als Reichsdramaturg Rainer Schlösser im Völkischen Beobachter attestierte: das Schaffen Schönherrs sei „blutecht und bodenständig“. Ganz sicher war es unklug, aufgrund dieser Tatsachen den Stab über Schönherr zu brechen. Zur Ehrenrettung sei erwähnt, dass er mit einer Jüdin verheiratet war. Da er 1943 verstarb, konnte die Welt nie erfahren, wie Karl Schönherr aus dieser Epoche herausgegangen wäre. Sein letztes Drama, „Die Fahne weht“ (1937) beschwört noch einmal den Geist von Andreas Hofer. Es ist ein zutiefst heroisches Stück über den Kampf gegen die französische Besatzung, in dem der Protagonist sich eher unter der Fahne des Befreiungskampfes erschießen lässt, als dass er einen Verrat begeht.

Schönherrs Literatur ist ganz sicher nicht einzureihen in die seinerzeit opportunen „Blut-und-Boden-Dichtung“. Selbst wenn die topografische Bezogenheit übermächtig scheint, ist die menschliche Psyche Gegenstand der Betrachtung und nicht nationalistischer Heros. Vielmehr kann Schönherrs Werk, und ganz besonders „Der Weibsteufel“,  in die „Blut-und-Hoden-Dichtung“ eingeordnet werden. Die Urteilsbildung darüber ist ein schwieriges Thema geworden, insbesondere angesichts eines unterschwelligen morbiden Interesses an der Ästhetik des Faschismus auch bei Intellektuellen und Künstlern. Gerade in der modernen Architektur ist es unübersehbar. Allein das absente Geschichtsinteresse (In den heutigen Medien ist die Historie in die Kategorie von Action und Unterhaltung abgestiegen.) und die mangelnde Fähigkeit zur Analyse aus einem historischen Bewusstsein heraus, verhindern ein Erkennen des Wesens von Literatur, wie sie Karl Schönherr verfasste. Schade, aber somit bleibt wenigstens unser Wohlbefinden ungetrübt.
 
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Werner Wölbern, Birgit Minichmayr, Nicholas Ofczarek

© Georg Soulek/Burgtheater

 

Diese Betrachtungen drängten sich auf, spätestens, wenn man des Bühnenbildes von Martin Zehetgruber ansichtig wurde. Spätromantik oder doch …? In jedem Fall beeindruckend und, wie sich bald herausstellte, dem Spiel zuträglich. Die gewaltigen Baumstämme, sie schienen von links den Hang hinab auf die Bühne gerutscht zu sein, bildeten eine schiefe Ebene. Das entspricht dem Grundtenor des Dramas, das sowohl von einer harten Umwelt kündete, gleichermaßen aber auch von einer kalten Gesellschaft, in der Überlebenskampf herrschte. Das Leben wurde zum Balanceakt. Bert Wredes Musik transportierte die existenzielle Bedrohung in einem steigenden Spannungsbogen bis zum letzten Bild. Musik und Bühnenbild bildeten eine selten geschaute Einheit.

Martin Kušejs Inszenierung berührte durch die Direktheit der Geschichte, die man vielleicht als alpenländisch-archaisch bezeichnen könnte. Archaik meint vornehmlich den reinen existenziellen Konflikt, weitestgehend losgelöst von den gesellschaftlichen Gegebenheiten. Das menschliche Verhalten bekommt einen Foliencharakter. Wenn die Geschichte dann so begeisternd über die Bühne geht, wie im Residenztheater geschehen, dann heißt das, es waren große Darsteller am Werk. Forciert durch die wuchtige Sprache Schönherrs, die so einfach wie poetisch ist, entfesselten Birgit Minichmayr, Nicholas Ofczarek und Werner Wölbern ganz tiefe Gefühle. Das gelang ihnen mit vergleichsweise geringem Aufwand, denn auf den Baumstämmen balancierend, war vielmehr gar nicht möglich.

Birgit Minichmayr war in diesem Spiel, obgleich von beiden Männern zum bloßen Werkzeug degradiert, sehr schnell die treibende Kraft. Eingangs die spröde Ehefrau, empört über das schamlose Angebot des Mannes und später des Grenzjägers, kippte ihre Haltung in dem Augenblick, als sie sich ihrer Opferrolle zugunsten der Ökonomie bewusst wurde. Von diesem Moment an machte sie dem Titel des Dramas alle Ehre und schmiedete teuflisch ihren Komplott. Ihr körperlicher Einsatz war ungekünstelt und natürlich; sie erzielte damit höchste Wirkung. Selten bekam man eine so ausgefeilte Erotik zu sehen, wie es Birgit Minichmayr mit ein wenig Kleidchenraffen oder Knopf öffnen erreichte. Nicholas Ofczarek spielte hingegen einen gradlinig (um nicht schlicht zu sagen) denkenden Grenzjäger, dessen bloßes Erscheinungsbild eine unterschwellige, aber hochpotente Brutalität suggerierte. Doch er war bald der starke Mann mit dem weichen Herzen, oder, wie er selbst bemerkte, „der Tanzbär mit der Kette am Nasenring“. Gerade diese beiden Darsteller profitierten sehr von dem sinnlichen Text, der in seiner Reinheit und Geradlinigkeit, wenn es um Liebesdinge ging, schon mal an Büchners Woyzeck erinnerte. Werner Wölbern verkörperte in der Rolle des Ehemanns den vermeintlich Schlauen, den, der ausheckt, der stets auf seinen Vorteil bedacht ist und am Ende dann in seine eigenen Fallen tappt, da er etwas ignoriert, was er selbst nicht einkalkuliert oder nicht besitzt: Gefühl. Immer wieder betonte er, was Seines ist das lässt er nicht aus. Und seine Frau ist sein Eigentum. In diesem Bewusstsein forderte er die Welt heraus, auch um den Preis des eigenen Untergangs. Doch diese egoistische Haltung verstellte ihm derart den Blick, dass er gar nicht sehen konnte, wie er selbst zum Spielball wurde. Am Ende steht ein eleganter, geradezu lebensfroher Veitstanz in Wort und Bewegung von Birgit Minichmayr. Geradezu teuflisch manipulierte sie die Männer mit ihrem Körper und ihren Worten, bis diese, gänzlich die Macht über sich selbst verlierend, taten, was der Weibsteufel wollte. Das Ende kam kurz und knapp, ohne Sentimentalität, und darum auch so wirkungsvoll.

Die Frage nach dem Sinn einer solchen Inszenierung stellt sich angesichts der Tatsache, dass heutigentags ausschließlich über Ökonomie gesprochen wird und dass Ökonomie allmächtig geworden zu sein scheint, nicht. Fraglich ist aber, ob die grandiose Darstellung und die vollendete und zwingende Inszenierung nicht den Blick auf die gesellschaftsrelevante Botschaft verstellt. Immerhin erging schon an Schönherr mehrfach der Vorwurf, er mache L árt pour l árt. Egal, wer ein großes alpenländisches Gemälde sah, sah allemal sehr gute Kunst.

Wolf Banitzki

 

 


Der Weibsteufel

von Karl Schönherr

Birgit Minichmayr, Nicholas Ofczarek, Werner Wölbern

Regie: Martin Kušej
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