Residenz Theater Die Verschwörung des Fiesko zu Genua von Friedrich Schiller


 

 
Leidenschaft leidenschaftslos auf die Bühne gebracht

Genuas Machtspektrum im Jahr 1547 war in drei Fraktionen aufgeteilt. Der junge Gianettino Doria, Neffe des ehemaligen Admirals und greisen Dogen Andreas Doria strebte danach, seinen Onkel im Amt zu beerben. Nach der Krone des Herzogs gelüstete es ihn und damit nach der alleinigen Macht über Genua. Ihm gegenüber hatten sich die Republikaner unter Verrina, einem 60jährigen Militär, in Stellung gebracht, die jegliche Form von Diktatur verhindern wollten. Und dann war da noch der junge Fiesko, Gegenspieler zu Gianettino Doria und gleichsam Buhle um die Gunst dessen Schwester Julia, verwitwete Gräfin Imperiali. Auch ihm hatte es die Macht angetan.

Fiesko ist im Schillerschen Drama ein umtriebiger, von Launen beherrschter junger Mann, der das Leben leicht nimmt, ein Epikuräer, der der ererbten Grafenkrone eine herzogliche aufsetzen möchte, um seinen Beitrag zur Familiengenealogie zu leisten. Gianettino Doria dingt einen Mörder, um seinen Gegenspieler Fiesko aus dem Rennen zu werfen: Muley Hassan, ein Mohr aus Tunis. Dieser wird nach dem misslungenen Mordversuch Fieskos Verbündeter, quasi dessen dunkle, intrigante Seite. Nun ist der Aufruhr nicht mehr aufzuhalten. In dessen Verlauf wird Gianettino Doria von Bourgognino, dem Verlobten der Verrina-Tochter Berta getötet, die Gianettino zuvor vergewaltigt hatte. Fiesko ersticht zeitgleich mit der Hinrichtung Muley Hassans, der sich des neuerlichen Verrats an Fiesko schuldig gemacht hatte, seine Gemahlin Leonore, als diese im Scharlachrock Gianettinos durch die Straßen Genuas irrt. Andreas Doria gelingt nebenher die Flucht.
 
   
 

Shenja Lacher, Felix Rech

© Thomas Dashuber

 

 

Das letzte Duell findet schließlich zwischen Verrina, der den Tod Fieskos gelobt hatte, sobald Genua frei sei, und Fiesko statt. Auf die Bitte des siegreichen Putschisten nach Versöhnung: "Sei mein Freund", antwortet Verrina: "Wirf diesen häßlichen Purpur weg, und ich bins - Der erste Fürst war ein Mörder und führte den Purpur ein, die Flecken seiner Tat in dieser Blutfarbe zu verstecken." Als Fiesko nicht einwilligt, auf das Amt zu verzichten, stößt Verrina den Rüstungsbewehrten vom Steg in das Hafenbecken, wo Fiesko jämmerlich ertrinkt. Das "Republikanische Trauerspiel", wie Schiller es nannte, hatte ein Ende. Laut Historie kehrte Andreas Doria zurück und stellte seine uneingeschränkte Macht wieder her.

Es geht seit der wenig gelungenen Uraufführung des Dramas 1784 in Mannheim in Schauspielehrkreisen die Weisheit um, mit diesem Stück könne man den Regisseur "ermorden". Und in der Tat ist das Stück, gestrickt aus großer politischer Moral und peinlicher Kolportage, überaus heikel. So kam Schiller auch dem Wunsch des Intendanten Dalberg der Mannheimer Inszenierung nach und änderte den Schluss.
"Ein Diadem erkämpfen ist groß. Es wegwerfen ist göttlich." Fiesko verzichtete und empfand, wie Schiller im Vorwort schrieb, "eine höhere Wollust darin, der glücklichste Bürger als der Fürst seines Volker zu sein." - Und wenn er nicht gestorben ist, so lebt er noch heute glücklich in Genua. Soviel zum Geschichtsprofessor Schiller, der stets um historische Genauigkeit rang.

In der Inszenierung am Münchner Residenz Theater "ermordeten" die Schauspieler den Regisseur Hans-Joachim Ruckhäberle, der auch für die ausgefeilte Kostümgestaltung verantwortlich zeichnete, nicht. Vielmehr war es umgekehrt. Nach drei Stunden artig biederer Präsentation des Schillerschen Dramas hatten sich bis auf einige Ausnahmen die meisten Darsteller keinerlei Profil erarbeiten können. Weder riss das Stück noch die Darstellung das Publikum mit.

Stellt sich die Frage, warum das Drama überhaupt auf die Bühne gebracht werden musste. Auskunft gibt schließlich wieder einmal das Programmheft, in dem Dramaturg Georg Holzer seinen Beitrag wie folgt betitelte: "Die CSU hat keinen Fiesko". Letzte Gewissheit gibt ein Zitat von Max Weber, der den Prototypen der Macht als einen "bureaukratischen" charakterisierte. Holzer bringt den Konflikt mit Blick auf die heutigen Zustände wie folgt auf den Punkt, wenn er sinngemäß meint: es gebe keine Politik ohne Leidenschaft und keine Leidenschaft ohne die Persönlichkeit, die sie entfacht. Recht hat er. Charismatiker sind in der heutigen Politiklandschaft nicht auszumachen. Das geistige und emotionale Mittelmaß, der politische Buchhalter regiert.

Ein guter Ansatz, möchte man meinen, doch auf der Bühne verpuffte er wegen Mangel an Leidenschaft und Sinnlichkeit. Felix Rech hätte allemal das Zeug gehabt, einen brillanten Fiesko zu geben. Er mühte sich redlich. Allerdings hatte er hinreichend damit zu tun, gegen die unleugbare Anonymität von Figuren und deren Ideen anzuspielen. Darstellern wie Markus Baumeister, Dietmar Saebisch, Matthias Lier, Ulrich Beseler, Katharina Hauter und Anastasia Papadopoulou gelang es kaum, sich ins Gedächtnis der Zuschauer zu spielen. Selbst Dirk Ossig als Gianettino Doria blieb weitestgehend blass. Anna Riedel verdankte ihre Präsenz mehr den auffälligen Kostümen als ihrer Rollengestaltung (Julia Imperali). Fred Stillkrauth hatte zudem einige eher peinliche Auftritte als Andreas Doria. Die Szene, in der Fiesko ihn zu nachtschlafender Zeit heimsucht, um ihn zu ermorden, erinnerte doch sehr an den Auftritt des Geistes von Hamlets Vater. Pathos waberte gewaltig, auch wenn Arnulf Schumacher als Verrina sich in Schmerzen um die geschändete Tochter oder das Wohl Genuas, das ebenfalls zur Hure gemacht werden sollte, erging. Den einzigen darstellerischen Lichtblick lieferte neben der unverwüstlichen Lisa Wagner (Leonore), ihr Naturell ist einfach nicht zu unterdrücken, Shenja Lacher als Mohr Muley Hassan. Er bewies mit seinem facettenreichen Spiel, dass diese mephistophelische Figur die wohl reizvollste im ganzen Stück ist.

Regisseur Hans-Joachim Ruckhäberle gelang es nicht, das beeindruckende und sinnvolle Bühnenbild von Helmut Staubach und Uwe Kuckertz mit menschlichen Figuren zu beleben. Man kann der Regie im Grunde keinen handwerklichen Vorwurf zu machen, außer den grundsätzlichen, nicht wirklich leidenschaftlich gestaltet zu haben. Dabei verfügt dieses Stück zum Beispiel über wesentlich mehr komische Momente, als die, die durch die Regie ausgemacht worden sind. Gerade wenn man darauf zielt, heutige politische Zustände zu kolportieren, sollte man beim Affen nicht mit Zucker sparen. Die Wirkung des Abends war leider so wie das Gleichnis mit dem Berg und der Maus. Von Nachhaltigkeit beim Publikum zu reden, wäre vermessen.
 

Wolf Banitzki

 

 


Die Verschwörung des Fiesko zu Genua

von Friedrich Schiller

Katharina Hauter, Anastasia Papadopoulou, Anna Riedl, Lisa Wagner, Markus Baumeister, Ulrich Beseler, Shenja Lacher, Matthias Lier, Dirk Ossig, Felix Rech, Dietmar Saebisch, Arnulf Schumacher, Fred Stillkrauth, Marcus Widmann

Regie: Hans-Joachim Ruckhäberle
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