Theater Viel Lärm um Nichts Anatol von Arthur Schnitzler


 

 


Eine echte Perle

„Was wäre, wenn alle falsche Perlen gewesen sind und nur eine echte dabei war ... und ich habe sie nicht erkannt ...“, fügte man in Arthur Schnitzlers Text ein, der zu Ende des 19. Jahrhunderts entstanden war. Auf der Suche nach der Wahrheit und doch letztlich zu feige ihr, wie Anatol der hypnotisierten Cora in einem Augenblick, tatsächlich ins Auge zu sehen, trieb es ihn einfach weiter. Zwischen Agonie und Episoden, wie der junge Hugo v. Hoffmannsthal es beschrieb, verlief sein Leben im, dem schönen Schein verpflichteten Wien zu Ende der Donaumonarchie.

Anatol ist verliebt, immer wieder aufs Neue verliebt in eine andere Schöne, interessiert ihn doch das Spiel mit der Weiblichkeit. Und, er ist wohl auch in gleichem Maße jedesmal aufs Neue in sich selbst verliebt, sucht die Bestätigung und die Beständigkeit des Glücks im wechselnden Gegenüber. Max, der Freund hingegen dient ihm als Spiegel für die Leiden, als Spiegel für die eigene Männlichkeit. Die Leere der ihn umgebenden sterbenden Welt wirft ihn immer wieder auf sich selbst zurück. „Treu, was heißt das?“ Die Generierung und der Erhalt von Illusionen, und sei es für den Moment, steht vor allem.

Die Schatten von zwei Tauben auf einem Dach, turteln und ... Abflug, eine Videoprojektion stimmte auf die Inszenierung ein. Das in einzelne Episoden unterteilte Erstlingswerk von Arthur Schnitzler gestaltete Margit Carls dramaturgisch sinnfällig neu, indem sie die Szenen verflocht. Ein Kreis schloss sich, als zu Beginn und zu Ende des Stückes Anatol und Max als alte Männer auf ihr Leben und ihre Erfahrungen blickten. Das Bühnenbild (Stephan Joachim), die wenigen Requisiten in glänzende weiße Folie gehüllt, reflektierte die Leere, die Langweile welcher die Figuren zu entkommen suchen. Ein großer durchsichtiger Vorhang diente als Trennung des Raumes in bewussten und unbewussten Bereich, diente als Projektionsfläche für Bewegung zwischen beiden. Verbunden durch den Klangreichen – Ardhi Engl – füllte sich der gesamte Raum mit belebender Schwingung, mit Musik. Die überaus poetische Inszenierung, sowohl in Bild als auch in Sprache, Gestus und Musik ließ berührende ansprechende Ästhetik erstehen – dem Schönen verpflichtet – dem Schönen, das Inhalt des Lebens sein kann und dem ein ewiges Streben gilt.
Wenn das Streben nach dem Schönen zur puren Eitelkeit wird – eine der sieben Todsünden – dann entfaltet sich Dekadenz. Diese Entartung stellt den Schein in das Rampenlicht der Gesellschaft und das Schöne Sein, der wahre ideale Grundwert gerät darüber in Vergessenheit. Ein Blick in die Spiegel, ein Blick in die Schaufenster, ein Blick in die Medien, ein Blick auf die Menschen macht es allerorts sichtbar. Bisweilen stechen Einzelne hervor, deren Sein mit dem Schein übereinstimmt. Einzelne. Die Inszenierung von Anatol in der Regie von Andreas Seyferth bot dergestalte organische Bilder. Mit leichtem Charme, durchaus einer Seite des Wiener Lebensgefühls entsprechend, agierten die Schauspieler. Die Männer in leichtes weißes Leinen gekleidet, verkörperten Jugendlichkeit (Kostüm Johannes Schrödl). Deborah Müller stellte die Weibliche, die Frauen dar. Berta, Cora, Ilona waren ihre Namen. Voll weiser Erfahrung, voll sprühender Lebenslust, voll liebender Verzweiflung durchspielte sie feinfühlig die bewusste Palette des Rätsels Weib. Ihr Pendant Urte Gudian tanzte im roten Kleid die Bewegung des Unbewussten, die weibliche Triebkraft und spielte mit den Projektionen. Alexander Wagner gab einen vernünftigen ausgleichenden Max, der verlässlich, treu zur Seite stand, wenn Anatol, Hannes Berg, von einer in die nächste Beziehung glitt, von einer Stimmungslage in die entgegengesetzte schwankte. Euphorie und Schwermut, Lebenslust und Lebensfrust ließen sein Spiel taumelnd und zeitlos gültig werden. Anatol.

„Damals ... eine Geschichte von vor über hundert Jahren und noch dazu aus Wien. Mein Gott, die ...“, könnte der für das Heute Blinde sagen. „Schauen Sie sich um, schauen Sie die doch an, die schön herausgeputzten Menschen in ihren Episoden und ihrer Agonie. Wie sie scheintod in die Autos, die Flugzeuge steigen, ihre Laptops und Handys präsentieren und im Lichte an der Isar allzu wichtig erscheinen, ohne tatsächlich die aktuelle Wahrheit hören zu wollen, ihr ins Auge zu sehen. Anders als der junge Schnitzler wissen wir doch seit geraumer Zeit von den Möglichkeiten der Falsifikation.“, schrieb zur Aktualität der Inszenierung


 
C.M.Meier
 

 

 

 


Anatol

von Arthur Schnitzler

Hannes Berg, Alexander Wagner, Deborah Müller, Urte Gudian, Ardhi Engl

Regie: Andreas Seyferth

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