Theater Viel Lärm um Nichts Die Nashörner von Eugène Ionesco


 

Wir sind die Herde

Eine Stadt ist in Auflösung begriffen. Es geschah an einem Sonntagvormittag. Behringer, ein zurückhaltender, schüchterner Verlagsmitarbeiter mit einem deutlich sichtbaren Alkoholproblem, muss eine Standpauke von seinem Freund Hans über sich ergehen lassen, als plötzlich ein Nashorn die Straße entlang galoppiert und die verblüfften Bewohner in einer Staubwolke zurücklässt. Und noch einmal. Man diskutiert, ob es sich um zwei oder ein und dasselbe Nashorn gehandelt hat und ob es mit einem oder zwei Hörnern ausgestattet war. Am nächsten Tag wird das Problem in der Verlagsredaktion ausgiebig diskutiert, vorerst ohne Ergebnis, doch dann taucht Frau Ochs auf, um ihren Mann zu entschuldigen, der angeblich mit einer leichten Grippe auswärts weilt. Dann jedoch ertönt unvermittelt ein dumpfes Schnaufen vor dem Redaktionsgebäude und Frau Ochs erkennt in dem Nashorn, das den Treppenaufgang zur Redaktion gründlich ruiniert, zweifelsfrei ihren Mann.

Als Behringer am nächsten Tag seinen Freund Hans besucht, muss er die seltsame Verwandlung des Menschen in ein Nashorn miterleben. Entsetzt und verängstigt, derselben Epidemie zu erliegen, verkriecht er sich in seiner Wohnung. Als ihn der Kollege Stech besucht, erfährt er, dass sich sämtliche Kollegen der ominösen Verwandlung ergeben haben. Auch bei Stech machen sich bereits die Symptome bemerkbar. Zurück bleiben Behringer und die Sekretärin Daisy, der er in dieser Ausnahmesituation endlich seine Liebe erklären kann. Doch auch Daisy spürt das animalisch-wollüstige Gefühl, sich in einen gewaltigen Dickhäuter verwandeln zu wollen. Behringer bleibt standhaft. So ist er der letzte, der menschlichen Spezies, unbeugsam und entschlossen…

Eugène Ionescos Geniestreich über einen virulenten Massenwahn entstand nur ein dutzend Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, der auch und vor allem möglich war, weil ein ganzes Volk einer Idee verfiel, für die Ionescos „Rhinozeritis“ stellvertretend stehen könnte. Der rumänisch-französische Dramatiker schuf mit seinem Drama gleichsam ein zeitloses Stück. Er beschrieb auf treffliche Weise, dass es der menschlichen Natur eigen ist, sich wahnhaften Ideen willig zu ergeben. Der Mensch sucht die Gemeinschaft, in der er sich selbst fühlt und in der er ausleben kann, was ihm durch die herrschenden gesellschaftlichen Konventionen versagt bleibt, in der er schlichtweg unter Verzicht auf seinen individuellen Willen im allgemeinen und verbindenden Gefühl aufgehen kann. Voraussetzung ist zumeist ein selbstentfremdeter, vom Gesetz disziplinierter und häufig frustrierter Mensch. Durch eine wahnhafte Idee von der Selbstkontrolle enthoben, bricht es dann aus ihm heraus. Je animalischer, umso besser; je fanatischer, umso hingebungsvoller bringt er sich ein. Ein Nashorn ist dafür eine geradezu ideale Existenz: keine natürlichen Feinde, enorm kraftvoll, mit imposanter Erscheinung und mit einem undurchdringlichen Panzer ist man quasi unverletzbar. Dann ist Schluss mit den alltäglichen Demütigungen, als die man die eigenen Bedeutungslosigkeit empfindet, Schluss mit der devoten Unterordnung, die so schmerzt, weil man sich doch zu Höherem berufen fühlt. Also ergibt man sich willig. Und in der Herde geht man auf als Teil eines (unüberwindlichen) Ganzen. Ionescos Stücke sind Theater des Absurden und sie beschreiben auf absurde Weise eine Realität, die allenthalben existiert und von uns gar nicht als so absurd empfunden wird.  

 
  Die-Nashoerner  
 

v.l.: Alexander Wagner ( Herr mit Fliege ) ,Marion Niederländer ( Hausfrau)  , Melda Hazirci ( Daisy ), Sven Schöcker ( der Ladenbesitzer ), Sebastian Krawczynski ( Hans )

© Hilda Lobinger

 

 

Andreas Seyferth brachte „Die Nashörner“ im Theater Viel Lärm um Nichts auf die Bühne. Die Bilder der Inszenierung von „Die Stühle“ noch vor Augen, muss dem Regisseur ein Händchen für das Theater des Absurden bescheinigt werden. Dabei überrascht Seyferth mit jeder Inszenierung aufs Neue, denn seine Ästhetik folgt keinem bewährten Rezept. Für „Die Nashörner“  schuf ihm Peter Schultze ein weitestgehend virtuelles Bühnenbild. Einige Caféhaustische waren auf der Spielfläche angeordnet, die von drei Gazevorhängen begrenzt war. Als das Spiel begann, entstand vor den Augen der Zuschauer eine in Comicmanier gezeichnete Kulisse. Diese änderte sich jeweils mit dem Handlungsort. Es war ein bezaubernder Einfall, der nichts zu wünschen übrig ließ. In einem gezeichneten Fernseher ließen sich sogar „Tagesschau“-Nachrichten verfolgen, in denen auch die „Rhinozeritis“ zur Sprache kam und in denen von der Ratlosigkeit der Regierung gesprochen wurde. Ratlosigkeit – man kann sie inzwischen als eine der Grundeigenschaften von aktueller Politik bezeichnen.

Die Rolle des Behringer spielte sehr überzeugend und facettenreich Philipp Weiche. Sein Outfit war ziemlich ruiniert, hatte in den nächtlichen Kneipentouren stark gelitten. Die anderen Figuren agierten indes in Anzügen mit leuchtenden Farben, die sich deutlich voneinander unterschieden. Es war die Zeit, in der Individualität noch unangefochten war. Melda Hazirci machte als Daisy in einem leuchtend roten Kleid eine wunderbar anzuschauende Figur. Geleckt und gelackt stolzierten die Bürger der Stadt einher und philosophierten, wie Chris Mancin als Logiker (des Absurden), einem wissbegierigen Herrn mit Fliege, gespielt von Alxander Wagner, die blödsinnigsten Syllogismen erklärend. Sven Schöckers Herr Stech war der unerschütterlichen Überzeugung, dass sich am Ende doch alles stets zum Besten wenden würde: "Es wird vorbeigehen." Widerspruch erfuhr er allerdings von der beflissen-hysterischen Frau Wisser. Marion Niederländers Spiel erinnerte an die Bissigkeit eine Terriers. Sebastian Krawczynski warf seine propere Körperlichkeit in die Waagschale und vermittelte als Hans durchaus anschaulich die Verwandlung eines Menschen in ein Nashorn. Dabei toppte er die verstörenden und bedrohlichen Klänge Kai Taschner (Klangdesign) mit seinen stimmlichen Metamorphosen.

Andreas Seyferth inszenierte klar und gradlinig, auf den Text und die Fähigkeiten seiner Darsteller vertrauend, ohne überflüssiges Beiwerk. Die Selbstverständlichkeit, mit der Absurdes auf der Bühne als Realität verbreitet wurde, machte unmissverständlich deutlich, wie absurd die Realität ist, wenn man diese nur zu schauen vermag. Die fast zwei Stunden vergingen wie im Flug und ließen keine Fragen offen. Auch diese Arbeit war, wie schon „Die Stühle“, wenn auch gänzlich anders, so doch gelungen und bewies einmal mehr, dass Ionesco auch als Klassiker der Moderne brandaktuell sein kann. Immerhin unterstellt man den Klassikern allzu häufig durchschlagende Wirkungslosigkeit. Wenn im Theater Viel Lärm um Nichts der verzweifelt und lautstark opponierende Behringer von Unmengen Nashörnern umzingelt ist, heißt das nichts anderes, als dass die Nashörner wieder auf dem Vormarsch sind. Man muss sie nur sehen können. Denn Nashörner sind in diesem Kontext ein Ausdruck für Totalitarismus, der stets auf der Lauer liegt. Er ist omnipräsent und marschiert, heißt auch Monopol oder Freihandelsabkommen, Facebook oder Shitstorm, Pegida oder Religionskampf, Fußball oder Datenspeicherung. Wenn man ganz still ist, kann man sie atmen hören …

 

Wolf Banitzki

 


Die Nashörner

von Eugène Ionesco

Melda Hazirci, Sebastian Krawczynski, Chris Mancin, Marion Niederländer, Sven Schöcker, Alxander Wagner, Philipp Weiche

Regie: Andreas Seyferth

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