Theater Viel Lärm um Nichts Dachlawine von Neil Simon


 

 

 

…that’s life …

Der bekannte amerikanische Dramatiker Neil Simon schaffte es mit Leichtigkeit und Präzision ein scheinbar zeitlos aktuelles Problem der Menschen in eine Boulevardkomödie zu fassen. Im Jahre 1971 wurde das Stück mit dem Originaltitel „The Prisoner of Second Avenue“ am New Yorker Broadway uraufgeführt. Gab es sie damals schon, die Krise um die Arbeit und ihren Stellenwert im Leben des Menschen? Sicherlich, denn es ist die permanente Bedrängnis des, in ein technokratisches System integrierten Lebewesens, das darin um Bestätigung und Überleben ringt. Das kann nur zu Selbstentfremdung und in hilfloses Ausgeliefertsein münden. Schon erscheint vor dem geistigen Auge das Bild von Charly Chaplin, eingezwängt zwischen Zahnräder, im Film „Moderne Zeiten“.

Ein Appartement im 14. Stock eines Hochhauses in der Upper Eastside. Ein Wohnkäfig mit luxuriöser Ausstattung und einem 800 Dollar Sofa. Die Nachbarinnen lärmen, die Klimaanlage friert die heiße Sommerluft auf 0 Grad und der Müll stinkt bis an das geöffnete Fenster, die Wasserspülung ist defekt. Mel kann nicht schlafen. Er kämpft mit diesen Unzulänglichkeiten und seine Nerven vibrieren in der Aufregung. Sucht er die Aufregung, oder sucht die Aufregung ihn? Edna, seine Frau, erscheint im Nachthemd, es ist halb drei Uhr morgens. Sie sind ein Paar in den besten Jahren, leben in gehobenem Wohlstand, die Kinder studieren und der Kontoauszug weißt eine ansehnliche Summe aus. Alles Bestens, hätte Mel  nicht … seinen Job verloren und damit seine Identität, seine Fremdbestimmung und den Inhalt seines bisherigen Lebens. Eine Krise baut sich auf. „Was hältst du von ein bisschen Therapie?“, fragt Edna. „Ich weiß nicht mehr, wo ich bin und wer ich bin. Edna, ich bin … verloren. Ich brauche keinen Analytiker, ich brauche das Fundbüro.“, so Mel. Und der Therapeut vermag ebenso wenig zu helfen, wie es der Malkurs kann. In der Zwischenzeit ändern sich die Vorzeichen und Edna wird Alleinverdienerin.
 
dachlawine

Andreas Seyferth, Ute Pauer

© Hilda Lobinger

Andreas Seyferth schien die Rolle des Mel wie auf den Leib geschrieben. Mit grimmigem Gesichtsausdruck nahm er seine Umgebung wahr. Aggression leuchtete auf, wenn er gegen die Nachbarn aufbegehrte und Augenblicke später war er der Verunsicherte, der Entlassene. Allein sein komödiantisches Talent garantiert ausgezeichnete Unterhaltung. Ute Pauer gab als Edna ganz die verständnisvolle Frau. Doch auch sie hatten der Unbill des Lebens zu trotzen und bisweilen warf dieses sie auf den Boden, die Knie. Im Gegensatz dazu stand Mels Schwester Pauline, gespielt von Hannelore Gray, welche stets souverän und bestimmend auftrat, stets den Überblick und die Kontrolle behielt. Inga Dechamps als Mels Schwester Jessie, kam die freundlich verbindliche Rolle zu.  Die wohlüberlegte Regie von Winni Viktor und das ausgeglichene Ensemblespiel beförderten sowohl Text als auch Handlung. Aus dem Off erklangen zwischen den Szenenwechsel die Nachrichten aus dem Radio - Gewalttaten neben abstrusen Vorgängen und Belanglosigkeiten. Der alltägliche Wahnsinn.

Das Stück mit den humorvollen Pointen trifft ebenso wie die leicht schräge Inszenierung genau den richtigen Ton, trifft so fein nuanciert die Schmerzpunkte vieler Menschen. Sich diese bewusst zu machen und dabei schmunzeln zu können, da es Schauspiel ist und daher  keine Betroffen agieren, erlaubt Katharsis. Mehr können ein Theaterstück und dessen Inszenierung nicht leisten. Berührend, stellenweise leicht und heiter, stellenweise dramatisch und verzweifelt – die ganze menschliche Gefühlspalette wurde auf der Bühne sichtbar.

Es war ein überaus unterhaltsamer Abend im Theater Viel Lärm um Nichts, der darüber hinaus zu Auseinandersetzung und Austausch anregte.

 
C.M.Meier



PS: Die Antwort auf die Frage nach dem rechten Stellenwert und dem rechten Handlungsbild im Arbeitsprozess liegt in der Natur. Dies veranschaulichte auch das Schlussbild des Theaterstückes. Der selbstbestimmte, aus sich selbst heraus handelnde Mensch agiert immer adäquat und dies sowohl im Sinne seiner Person, als auch im Sinne der von ihm erbrachten Arbeit. Im Gegensatz dazu bleibt der Produktionsläufe oder Systeme bedienende Mensch immer fremdbestimmt, damit funktional und das in seiner gesamten Haltung, in jedem Lebensbereich. Es ist der Mensch, der sich und andere ruiniert.
Es gibt viele Studien zum Thema, wie die im Programmheft angeführten lesenswerten Ausschnitte zeigen.

 

 


Dachlawine

von Neil Simon

Andreas Seyferth, Ute Pauer, Inga Dechamps, Hannelore Gray

Regie: Winni Victor
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