Theater Viel Lärm um Nichts Orlando Eine Biografie von Virginia Woolf


 

 


„Die Poesie ist unsterblich“

In bildreicher ausschmückend farbiger Sprache hielt Virgina Woolf die Biografie von Orlando fest. Es ist eine „humorvolle und leicht zu lesende“ Geschichte, die tief in englischer Landschaft, Gesellschaft und Mentalität, aber auch im Wissen um Historie und die Beweggründe des Menschen wurzelt. Es ist die Geschichte, welche ihr zu Unsterblichkeit verhalf, Virginia Woolf den Platz im Literaturhimmel sicherte.

Orlando, ein junger Adeliger im 15. Jahrhundert, versucht sich bereits im Alter von elf Jahren in der Kunst des Schreibens und verfasst ein Drama. Mit sechzehn gelangt er an den Hof von Elisabeth I., die sich in den jungen Mann verliebt und ihn zum Schatz- und Haushofmeister ernennt. Nach ihrem Tod und einer unglücklichen Romanze mit einer russischen Prinzessin fällt Orlando das erste Mal in siebentägige Trance. Als er am achten Tage aufsteht, beschließt er sich in die Einsamkeit zurückzuziehen und wiederum dem Schreiben zu widmen. „... als dieses bloße vor sich hin Grübeln, dieses Denken, dieses auf einem Stuhl Sitzen, tagein, tagaus mit einer Zigarette und einem Blatt Papier und einer Feder und einem Tintenfaß. ...“

Mit dem Griff nach dem Tagebuch und damit dem Schreiben begann auch die Theaterfassung des Romans von Jana Jeworreck. Katrin Wunderlich, die Orlando ebenso wie den Biografen spielte, saß hinter einer Wand aus Büchern. Sie hob den Stift um das aktuelle Datum einzutragen, doch dann besann sie sich, erblickte die Schreibfeder und vermerkte mit dieser das Jahr 1529. Mit leichter Hand trug sie die Umstände und den Beginn der Handlung ein, war zwischendurch interessierter Biograf, um dann wiederum in die Rolle des Protagonisten zu wechseln. Katrin Wunderlich gab einen ruhigen, besonnenen Mann Orlando, der auf fantasievolle Weise eine Wodkaflasche mit Pelzkragen, die russische Prinzessin, umwarb, oder, die Zeit war vorangeschritten und es herrschte James II, am Hofe verkehrte und mit den Stapeln von Büchern das Geschehen veranschaulichte. Es waren einfallsreiche Bilder, welche auf der Bühne entstanden und mit ausdrucksvoller Lebendigkeit erzählte Katrin Wunderlich von den wechselnden Stationen im Leben des Orlando. Das Zitieren ganzer Romanabsätze brachte die wundervolle Sprache und Weisheit nahe. Fast nahtlos fügten sich die, die Handlung auf der Bühne vorantreibenden gerafften Passagen, in den Originaltext ein. Vor den Augen der Zuschauer erstand die Figur ebenso wie der Text des Romans – eine gespielte Lesung mit plastischen einprägsamen Bildern. Fraglos kamen auch die dem Leben innewohnenden heiteren Momente keineswegs zu kurz. Als Frau kokett und abenteuerlustig, erreichte Orlando endlich auch literarischen Lorbeer. „ ... Und wenn wir die Lebensgeschichte einer Frau schreiben, dürfen wir, darüber herrscht Einigkeit, auf unsere Forderung nach Taten verzichten und sie durch die Liebe ersetzen. Die Liebe, hat der Dichter gesagt, ist das, woraus eine Frau einzig lebt. Und wenn wir Orlando, die an ihrem Tisch schreibt, einen Augenblick lang ansehen, müssen wir zugeben, daß es niemals eine Frau gegeben hat, die für diese Berufung besser geeignet gewesen wäre. Gewiß wird sie, da sie eine Frau ist, und eine schöne Frau, und eine Frau in der Blüte der Jahre, diesen Anspruch des Schreibens und Denkens bald aufgeben und wenigstens an einen Wildhüter zu denken beginnen (und solange eine Frau an einen Mann denkt, hat keiner etwas dagegen, daß sie denkt). ...“
 
orlando

Katrin Wunderlich

© Hilda Lobinger

 

Es ist eine Erinnerung daran, was Frau- oder Männlichsein bedeuten kann, auch wenn die durch Virginia Woolf beschriebenen Schwerpunkte bei Orlando eher die Gegenseite der herrschenden Konventionen vorstellt. Der Streifzug durch Jahrhunderte zeigte, wie äußere Lebensumstände sich änderten, menschliche und gesellschaftliche Haltung jedoch kaum. Nun, bis zum 20, Jahrhundert, zu dessen Beginn der Roman entstand, erschien es jedenfalls so. Im 21. Jahrhundert sucht man durch vorsätzliche Vermischung von geschlechtsspezifischen Ausdrucksweisen zu Gleichheit zu kommen. Doch Gleichmacherei unterscheidet sich deutlich von Gleichwertigkeit und so verlaufen die Geschlechterrollen mitunter lediglich ins Diffuse. Das Wesen als treibende Kraft ist universell, erst der Körper gibt Form und führt zu Erfahrungs- und Ausdrucksmöglichkeit. Mensch zieht sich durch alles Geschehen, in ihm ist alles zeitlos angelegt, doch kann er sich nur im Nacheinander äußern und so erfand er die Poesie und die Zeit. Es sind die Begegnungen, welche die Facetten, die verschiedensten Möglichkeiten in ein und der selben Person zum Klingen, zum Leuchten bringen und damit in die Welt. „... der Wechsel der Kleidung hatte, so werden manche Philosophen sagen, viel damit zu tun. Eitle Nebensächlichkeiten, die sie zu sein scheinen, haben Kleider, so sagen sie, wichtigere Aufgaben als nur die, uns warmzuhalten. Sie verändern unser Bild der Welt und das Bild der Welt von uns. ...“

Katrin Wunderlich lag als Mann unter der Eiche, lag als Frau unter der Eiche. Die Schauspielerin verkörperte die unterschiedlichen Haltungen auf empfindsam lebendig ansprechende Weise und war doch, was sie ist, sprach dadurch die natürlichen Berührungspunkte in den Zuschauern an. Ein höchst anregender Dialog entstand, der in begeisterten Applaus mündete.



C.M.Meier

 

 


Orlando

Eine Biografie von Virginia Woolf

Katrin Wunderlich

Textbearbeitung und Regie: Jana Jeworreck
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