Teamtheater Tankstelle Die Ziege oder Wer ist Sylvia? von Edward Albee


 

Wenn ein Mann eine Ziege liebt …

„Ich denke manchmal, es wäre hübsch, wenn Leute beim Verlassen des Theaters gelegentlich über die Fahrbahn wanderten und von einer Taxe überfahren würden. Natürlich möchte ich nicht, dass sie verletzt werden, aber wie viel besser wäre es, sie kämen so aus dem Theater als mit dem einzigen Gedanken: ‚Wo hatte ich bloß den Wagen geparkt?‘“ So formulierte Edward Albee seinen Wunsch nach einem magischen Theater. Es war ein langer Weg vom Telegrammzusteller der Western Union bis zum gefeierten Dramatiker. Kein geringerer als Thornton Wilder riet Edward Albee 1953, Theaterstücke zu schreiben. Es brauchte noch weitere fünf Jahre, ehe Albee den Rat befolgte und 1958, kurz vor seinem 30sten Geburtstag, „Die Zoogeschichte“ schrieb. „Vielleicht meinte er (Thornton Wilder) auch nur, ich sollte aufhören, Gedichte zu schreiben“, so Albee. Eine Zeit lang erweckte er mit seinen dramatischen Entwürfen den Eindruck, ein amerikanischer Vertreter des Theaters des Absurden zu sein. Mit „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ legte er dann allerdings ein deutliches Bekenntnis zur Tradition Eugene O’Neills ab. Heute ist er ein Klassiker der Moderne, mit seinem psychologischen Realismus allerdings immer wieder aufs Neue brandaktuell.

Der junge Familienvater Martin Gray ist in den besten Jahren und beruflich im Zenit. Er hat gerade einen prestigeträchtigen Architekturpreis bekommen und ein millionenschweres Bauprojekt steht in Aussicht. Seine Ehe mit Stevie kann getrost als außerordentlich glücklich bezeichnet werden und die Tatsache, dass sein Sohn Billy schwul ist, trübt das familiäre Glück in keiner Weise. Man ist liberal und tolerant. Martins Freund Ross findet sich ein, um ein Interview für das Fernsehen zu machen. Doch Ross bemerkt bald, dass Martin unkonzentriert, nervös und so gar nicht bei der Sache ist. Als er sich unbeobachtet von der Ehefrau fühlt, gesteht er seinem Freund unter dem Siegel der Verschwiegenheit, dass er seit gut einem halben Jahr eine Affäre hat. Seine liebevollen Schilderungen lassen den Schluss zu, dass es sich um eine echte, tiefgehende Beziehung handelt. Die Angebetete heißt Sylvia. Als Martin dem Freund ein Foto der Liebsten zeigt, stellt der verblüfft fest, dass Sylvia eine Ziege ist. Vorerst ist Ross kaum mehr als irritiert, denn so großartigen Menschen und Künstlern wie Martin gesteht man gern eine Verwirrung und eine seltsame Spielart der Emotionen zu, doch als dieser darauf dringt, dass es sich unbedingt um Liebe handelt, kippt das Verständnis. Martin kommt an den Pranger. Einmal mehr entscheidet die bigotte Gesellschaft darüber, was der Rahmen des Schicklichen ist. Die Gesellschaft erträgt Martins Liebe nicht und zerstört ihn vorsorglich. Die bitterste Einsicht allerdings ist, dass es gar nicht so sehr darum geht, dass Martin Sex mit einer Ziege hat, sondern er dabei erwischt werden könnte…

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Frank Rafael Bosse, Sandra Heuer, Patrick Gabriel und Manuel Castillo

 

Regisseur Bernd Seidels Inszenierungen sind bekannt für ihren artifiziellen Charakter. Und so war seine Erzählweise alles andere als konventionell. Das Bühnenbild, für das er gleichsam verantwortlich zeigte, bestand aus einem mit Muttererde gefluteten Bühnenboden und einem mit mehrfarbigem Patchworkbelag bedeckten Spielpodest. Darauf befanden sich drei weiße Hocker, auf denen die „erwachsenen“ Protagonisten Platz nahmen.

Sämtliche Darsteller, jeder für sich besonders in Präsenz und Ausstrahlung, waren in unschuldiges Weiß gewandet. Die Auftritte passierten unter krampf- und scheinbar schmerzhaften körperlichen Verrenkungen. Sie dokumentierten vermutlich die seelischen Verkrüppelungen, von denen, wie die Geschichte zeigte, keine der Figuren frei waren. Im Spotlight der Betrachtung griffen dann die gesellschaftlichen Konventionen und man gab sich betont selbstsicher, souverän und gesellschaftsfähig. Dann gingen sie im Verlauf der Geschichte allesamt zu Grunde, hier in den Torfmull, der krasse Gegensatz zum, wie sich alsbald herausschälte, verlogenen Weiß. Gespielt wurde mit äußerster Konzentration und Anspannung, wobei das körperliche Spiel sehr reduziert war.

Die kleine Spielfläche, von der verbannt, oder von den Fliehkräften der Ereignisse herab geschleudert wurde, ließ ohnehin nicht viel körperliche Expression zu. Und dennoch war es für alle Darsteller ein Kraftakt, musste doch jeder seine angestammte oder antrainierte Pose aufrecht erhalten. Bernd Seidel gelang es, große Energien freizusetzen. Die richteten sich bei Martin (Patrick Gabriel) und bei dessen schwulen Sohn Billy (Frank Rafael) in geradezu selbstzerstörerischer Weise gegen sich selbst. Anrührend war indes die Szene, als sich Vater und Sohn im Angesicht des Abgrundes auf zärtliche Weise in den Armen lagen, war doch ihrer beider Stigma sehr ähnlich. Umso abstoßender endete die Szene, als Ross (Manuel Castillo) auch in dieser natürlichen Geste eine sexuelle Abartigkeit zu entdecken glaubte. Martins Ehefrau Steve (Sandra Heuer) war dem Ganzen längst nicht mehr gewachsen und flüchtete auf Nimmerwiedersehen aus der Szene.

Es war Dank der exzellenten Darsteller beeindruckendes Schauspiel, das gleichsam eine ästhetisch ungewöhnliche und überaus sehenswerte Geschlossenheit errang. Einen nicht geringen Anteil hatten dabei die zwei magischen Gemälde, auf denen Kentauren, ziegenartige Mischwesen zu sehen waren, mit gehörnten Häuptern und erigierten Sexualorganen. Der Gesamtästhetik zuträglich waren auch die fantasievollen Kostüme von Monique Kammin. Als Martins Untergang beschlossen war, er alleingelassen auf der Szene, sein Entsetzen über die Verlogenheit der Gesellschaft artikulierte, traten die anderen drei Darsteller mit gehörnten Häuptern auf, das Publikum mit erhobenen Zeigefingern vor den zischenden Lippen Verschwiegenheit gebietend.

Bernd Seidel verführte den Betrachter, ebenso wie Edward Albee mit seinem Text, zu keiner konkreten Haltung. Die musste Sie oder Er sich schon selbst erarbeiten und das gelang ganz gewiss nicht während der Dauer der Vorstellung (ca. eine und eine halbe Stunde) im Teamtheater Tankstelle. Den Konflikt nahm der Zuschauer mit heim. Also, es war Vorsicht beim Verlassen des Theaters geboten, dass man nicht von einem Taxi überfahren wurde!

Wolf Banitzki

 


Die Ziege oder Wer ist Sylvia?
Tragikomödie von Edward Albee

Sandra Heuer, Patrick Gabriel, Manuel Castillo und Frank Rafael Bosse

Regie und Bühne: Bernd Seidel

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