Teamtheater Tankstelle 36 Stunden nach Ödön von Horváth


 

Fräulein Pollinger und die Liebe

Fräulein Pollinger, mit Vornamen Agnes, ist arbeitslos. Sie hatte als Schneiderin einige Male ein Kostüm verschnitten und hat nun mehr Zeit, als ihr lieb ist. Sie begegnet Eugen Reithofer, ein österreichischer Kellner, ebenfalls arbeitslos und als "Nichtreichsdeutscher" in München ohne Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung. Ihr langer gemeinsamer Spaziergang endet auf dem Oberwiesenfeld unter einer Ulme. Dort geschieht, was geschehen muss, denn eigentlich wollen es beide. Nun sind sie ein Paar und die Verabredung für den nächsten Abend um 18.00 Uhr ist fix.

Agnes lebt bei ihrer Tante in deren verwanzten Wohnung. Einziger Mieter ist der Aktfotograf Herr Kastner, der die Wanzen höchstselbst mitgebracht hat, um den Mietpreis zu drücken. Der vermittelt Agnes an den Kunstmaler LMA, der angeblich im Auftrag des Landes Hessen eine „Hetäre im Opiumrausch“ malen soll. Das ist natürlich ein Irrtum. Die Hetäre ist für eine hochgestellte Privatperson, für Hessen steht eine Madonna auf dem Plan. Doch Agnes muss in den sauren Apfel beißen und die Kleider fallen lassen, denn sie ist für das Hetären-Bild auserkoren. Sechs Stunden dauert die Sitzung und LMA hat endlich seine Erleuchtung. Just in diesem Augenblick fährt die Sportskanone Harry Priegler mit seinem Cabriolet beim Maler vor und lädt Agnes zu einer Spritztour an den Starnberger See ein. Der Ausflug mit Schnitzel und Gurkensalat in Feldafing endet des Nachts im Forstenrieder Park wo sich Agnes, die mit schlechtem Gewissen an den versetzten Eugen denken muss, Harry Priegler hingibt. Doch diesmal tut sie es für Geld. Die Geschichte zwischen Agnes und Eugen endet in der Früh, nach 36 Stunden, mit einer unerwarteten und rührenden Wendung.

Die Bühne von Nadeshda Diring weist nicht mehr als einen zweifarbigen Fußboden, zwei Hocker und zwei Tischkästen in unterschiedlichen Farben auf. Damit konnte eine Bank unter der Ulme, ein Cabriolet (fahrend) und die Bank im Forstenrieder Park, aber auch die Wohnung von Agnes´ Tante und eine Pianobar simuliert werden. Dabei muss erwähnt werden, dass die Bühnenfassung des Prosatextes nicht auf die starke bildhafte Sprache verzichtet hat. Der narrative Anteil bleibt vergleichsweise groß. Die Wechsel zwischen Dialogen und Beschreibungen sind gleichermaßen Szenenwechsel. Und da es beinahe nahtlos und zügig geschieht, entsteht ein Erzähl- und Spielfluss der nie stockt oder gar zum Erliegen kommt und die eine Stunde und zwanzig Minuten sehr kurzweilig erscheinen lässt.

Die eigentliche Qualität ist jedoch das Spiel der Darsteller Pia Kolb und Max Pfnür, zwei überaus sympathische Schauspieler, deren darstellerisches Vermögen nichts, aber auch gar nichts zu wünschen übrig ließ. Horváths „volkstümliche Sprache“ ist tatsächlich eine durchgestaltete, sehr effektvolle Kunstsprache, die höchste Anforderungen an die Schauspieler stellt. In dieser Inszenierung erlebte man einen äußerst vielseitigen Umgang, es wurden unterschiedlichste Dialekte bedient, mit dieser Sprache, aber auch eine ausgefeilte Sprechtechnik und ein überaus eleganter Umgang mit dem Text. So beeindruckend perfekt, wie Kolb und Pfnür das Wort transportierten, so beeindruckend vielseitig und gekonnt setzten sie ihre Körper und vor allem die Mimik ein. Pia Kolb, anfangs ein geschasstes graues Mäuschen aus dem Schneideratelier, wuchs in „36 Stunden“ immer mehr zu einem sexuell anziehenden selbstbewussten Wesen heran, die zuletzt sogar einen Sexualprotz wie Harry Priegler auf seine natürliche, eher lächerliche Größe schrumpfen ließ. Pia Kolbs bezaubernd naive, aber durchaus stolze Agnes weckte beim Betrachter sämtlich Beschützerinstinkte.

Max Pfnür oblag es, sämtliche Männerrollen zu gestalten, angefangen beim Kellner und „Mistviech“ Eugen Reithofer, über den schmierigen Aktfotografen Herrn Kastner, den kapriziösen Kunstmaler LMA, die stupide Sportskanone Harry Priegler, der sich von den Frauen erklären lassen wollte, warum er bei den Frauen so erfolgreich war, bis hin zum freundlichen und selbstlosen Pianisten, der ein gutes Ende einläutete. Max Pfnür lieferte gemeinsam mit seiner Partnerin Pia Kolb eine grandiose Leistung ab, bei der Regisseur Georg Büttel zweifellos einen nicht unbeträchtlichen Anteil hatte.

Ein kluger Kopf hat einmal vor Superlativen gewarnt. Die, so meinte er, taugen höchstens für Polemik. In Bezug auf die Inszenierung von „36 Stunden“, noch bis zum 25. Mai am Teamtheater Tankstelle zu sehen, scheint es unmöglich, Makel zu benennen. Die Inszenierung war konzeptionell geschlossen und intelligent gebaut; das Bühnenbild ließ alles zu, war praktikabel, stand nie im Weg und ermöglichte jede denkbare Sprachkulisse. Die Musik von Thomas Unruh war dezent, unauffällig und dennoch hätte etwas sehr wichtiges gefehlt, wäre sie nicht erklungen. Das Spiel der Darsteller war hochkomplex, sie verschenkten kein noch so gering scheinendes Detail und scheute das Ordinäre nicht, das hier allerdings zumeist komisch wurde.

Die Inszenierung war witzig und elegant, nahezu perfekt. (Mit der widerwilligen Einfügung von „nahezu“ schützt sich der Kritiker selbst, denn niemand ist vollkommen.) Es ist schwer vorstellbar, dass dieser wunderbare Theaterabend nicht jeden Zuschauer erreicht und berührt. Also, testen Sie es aus, solange noch die Möglichkeit besteht.

Wolf Banitzki

 


36 Stunden

Tragikomödie nach Ödön von Horváth

Pia Kolb & Max Pfnür

Regie: Georg Büttel
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