Teamtheater Tankstelle Tagebuch eines Wahnsinnigen von Ioan C. Toma


 

Es lebe das Leben

Die Welt des Menschen ist klein. Ein überschaubarer Rahmen im Raum, ein Gerüst in dem er seine Fäden, Gedanken und Handlungen spinnt. Sei es im Gehirn, in dem alles dies seinen Anfang nimmt, sei es in der Welt des realen Lebens in der Gesellschaft, einer Gemeinschaft auf der Erde, welche in der Provinz einer Galaxie um sich selbst rotiert. Die realen Bedingungen sind vorgegeben, gar nicht oder nur in Nanomikroschritten zu verändern, wozu jeder Gedanke einen Beitrag leistet und damit auch das Feld des kollektiven Daseins bewegt. Denn es sind gerade die Hoffnungen und Träume, die zu Erfüllung drängen und allzuoft den normierten Alltag als ungesunden Wahnsinn entlarven. Die Norm jedoch straft viele befreiende Ansätze ab, unterdrückt sie, erklärt sie für krank. Als Wahnwitz abgetan, hätte man vor 150 Jahren noch die Äußerungen über drahtlose Kommunikationsverbindung. Folglich …

Ein Stahlrahmen füllte die Mitte der Bühne, daran gespannt ein Seil und in der Mitte ein Haken, an dem ein Sakko hing. Konstantin Moreth, als der Titularrat, betrat den Raum, griff nach dem Jacket und erzählte sogleich von seiner Rolle im Amt. Die Federn spitzen, das sei seine Hauptaufgabe. Die Feder des Kollegen im Departement, die Schreib-Feder des Direktors um dabei an dessen Tochter zu denken, ihr gelegentlich in die Augen zu sehen und schließlich einen Dialog mit deren Hündin Meggi zu beginnen. Immerhin nahm die Angebetete ihn wahr, doch keinesfalls in der gewünschten Form. So lief es mit dem tierischen Austausch der Gefühle, in den er sich verstrickte und der ihn hilflos zappeln ließen, zwischen dem eigenen Wünschen, Begehren und der Ablehnung der anderen. Konstantin Moreth gelang auf unauffällige Weise eine ebenso unauffällige Figur, die eine besondere war und doch jeder sein konnte. Mit außergewöhnlicher Präsenz führte er vor, was wohl allgemein bekannt erfahren wird, und hier doch eine Theaterbühne füllte. Sparsame, doch kraftvolle Gesten taten die Welt der Gedanken und des normalen Alltags auf. Er spann die Worte wie das Netz, er verstrickte sich darin, erst locker träumend und trotzdem Spannung aufbauend. Immer konsequenter stringenter steigerte er sich bis zur Fixierung auf eine Rolle, die eine, gewünschte Stellung in einer hierarchischen Gesellschaft. Mehr Macht gab es nicht. Doch Aufstieg und Fall waren auch hier nur einen Schritt weit voneinander entfernt. Denn als er sich vom bürokratischen Dienst befreite, mit leeren Hosentaschen dastand und sich lauthals zum König von Spanien erklärte, schlug ein öffentlicher Ordnungshüter ihn zu …

  TagebuchW  
 

Konstantin Moreth

© Benedikt Mahler

 

Ioan C. Toma, schrieb diese moderne Bühnenfassung und stand auf der Spielfläche im Schatten abseits, hielt das Seil der Gedanken in seinen Händen wie den Faden der Geschichte. Als gälte es diesen Faden nicht zu verlieren, oder ihn gar dem Zufall allen möglichen Geschehens zu überlassen, hätte er auch den Schatten von Nicolaj Gogol darstellen können. So wie im Absurden sich benannter Sinn und das Gegenüber, der hoffnungsvolle Wahn erkennbar paaren, trägt der Faden einer Geschichte zur unmittelbaren Spannung bei, ohne den ein Geschehen niemals stattfinden kann. Wer möchte den Faden des eigenen Schicksals aus der Hand legen? Toma gelang eine kurzweilige Fassung, die den Kern niemals aus den Augen verlor. Ist die Geschichte also real oder nur der Fantasie eines Schriftstellers entsprungen? Titularrat Poprischtschins Schicksal nahm am „3. Oktober mit einem ungewöhnlichen Vorfall“ seinen Anfang und es endete am 0., am Niemandstag. Womit auch die Verbindungen zwischen gestern und heute, zwischen Autor und unbekanntem Zuschauer offengelegt wurden, denn auch heute noch ist jeder Einer und zugleich doch ein Niemand in der Masse.

Was unterscheidet entgleitende Gedanken, wie die Projektion von persönlichen Gefühlen an zwei Hunde von modernen Fake-News? Netzwerken, Fake-News und persönliche Befindlichkeiten stehen im Fokus der Aufmerksamkeit. Wirklichkeit und Illusionen vermischen sich weitgehend. Und wer vermag in diesem Raum noch Tatsachen, Wahrheit und Vorstellungsbilder zu trennen, zu erkennen? Auf der Suche zwischen Wahn und Sinn treiben die Wesen, gefangen in den Absurditäten des Alltags und den persönlichen Wunschträumen. Auch das ist moderne Realität, die nicht allzuweit von manchem angeprangerten Fehlverhalten entfernt, durchgezogen wird. Sigmund Freud holte vor etwa hundert Jahren das Verdrängte ans Licht, seitdem ist Gedanken wie Gefühle "spinnen" ein kreativer Teil des Daseins geworden. Wo verlaufen die Grenzen?

Hochbrisanter Stoff, der überdeutlich machte, wie wenig und doch grundlegend viel sich in den letzten hundert Jahren verändert hat. Die Krankheitsdefinitionen wurden differenziert, auch der Umgang mit den Problemen und die sogenannten Heilungen nehmen zu. Doch abgesehen von der Bedienung unterschiedlichster Maschinen lernte der sogenannte normale Mensch kaum, denn immer noch spinnt er einsam seine Gedanken und spannt diese (wenn auch digital verändert) in den Raum. Allein dies zu erkennen, wofür die Inszenierung wundervoll unterhaltenden Beitrag leistete, könnte eine Türe in die gesuchte verherrlichte Freiheit einer selbstbestimmten Daseinsgestaltung öffnen. Folge deinen Träumen - gilt heute als normal, früher sperrte man dafür weg. Für den Protagonisten endete es im Dunkel, um für den Schauspieler Konstantin Moreth anschließend ins Licht an der Rampe zu führen und den wohlverdienten begeisterten Applaus entgegen zu nehmen.

 

C.M.Meier

 


Tagebuch eines Wahnsinnigen

von Ioan C. Toma

Nach der Novelle "Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen" von Nicolaj Gogol

Konstantin Moreth

Am Seil: Ioan C. Toma

Regie:

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