Teamtheater Tankstelle ... und unseren kranken Nachbarn auch von Sascha Schmidt




Eins und Eins ist Eins

(…)
Wollst endlich sonder Grämen
Aus dieser Welt uns nehmen
durch einen sanften Tod!
(…)
Verschon uns, Gott! mit Strafen,
Und laß uns ruhig schlafen!
Und unsern kranken Nachbarn auch!

Matthias Claudius (1740 - 1815)

Mit "unseren kranken Nachbarn" spielt Autor und Regisseur Sascha Schmidt auf den "Kannibalen von Rothenburg", wie die Presse Armin Meiwes titulierte, an. Im März des Jahres 2001 hielt die Aufklärung des Falles das ganze Land in Atem. Erschütterung und tiefe Betroffenheit machte sich breit und der "normale Bürger" fragte sich, wie ist so etwas möglich? Die Medien leisteten wenig oder gar nichts zur Aufklärung der Hintergründe und so blieb die Geschichte eine unerhörte und exotische in unser ach so zivilisierten Gesellschaft.

Sascha Schmidts Arbeit hingegen gab Aufschluss. Er zeichnete zwei in sich sehr geschlossene Psychogramme, das des Täter und das des vermeintlichen Opfers, und bewies, dass die Tat wider alle Erwartung durchaus gesellschaftlich determiniert und gar nicht so abwegig war. Das Reizwort Kannibalismus verlor durch die Darstellung Michael Gabels sehr schnell seinen Reiz. Spätestens, wenn er Jesus zitiert, "esst das Brot, es ist Fleisch von meinem Fleisch und ich werde in euch sein und ihr werdet in mir sein…", eröffnet sich eine neue Dimension.

Armin Meiwes, ein vereinsamter Mensch, sehr mutterorientiert, war auf der Suche nach einer absoluten Form der Liebe, die er in einer Formel auf den Punkt brachte: 1+1=1. Er war ein Romantiker, dessen sexuelle Fantasien sich verselbständigt und ins Abnorme verstiegen hatten. Völlig bindungslos zu seiner Umwelt suchte er die letzte Konsequenz, das Einswerden mit einem anderen Menschen. Das Bild ist archaisch, man denke nur an Penthesilea.

 


Michael Gabel

© Marion Dobberke


Das vermeintliche Opfer wollte dasselbe und meinte doch etwas anderes. Es suchte nicht die Vereinigung, sondern das blutige Fanal. Der Narziss, in der Realität war er ein Körperfetischist und Sportfanatiker, wollte mit diesem finalen Akt sich und der Welt seine absolute Freiheit verdeutlichen. Er benutzte Meiwes, zwang ihn geradezu zu dieser Tat. Eine fatale Konstellation. Wer will darüber richten? Wer kann darüber richten?

Und dabei handelt es sich nicht um einen Einzelvorgang, wie der Regisseur im Gespräch verriet, sondern um ein gesellschaftliches Phänomen. Seine Recherchen ergaben, dass es inzwischen kannibalistische Fanclubs gibt. Im Internet findet eine Meiwes Verehrung statt. Sascha Schmidt berichtete von illegalen "Fight-Clubs" in denen Menschen töten, den Tod riskieren oder ihn sogar suchen. Spätestens hier müsste deutlich werden, dass die Gesellschaft nicht mehr das Bindeglied ihrer Individuen ist.
Die ästhetische Herangehensweise der Regie war schlüssig und gelungen.
Die weißen Schlachthausfolien von Bühnenbildner Thomas Preikschat wurden zu Projektionsflächen, auf denen Opfer und Täter jeweils Täter und Opfer ergänzten. Vielmehr fand sich nicht auf der Bühne, ein Kinderstuhl, ein Kindertisch und eine monströse Waschmaschine, die uns sagte, man kann alle Spuren tilgen.

Michel Gabel gestaltete beide Rollen, wobei der Widerpart jeweils per Video präsent war. Das erhöhte den dokumentarischen Charakter der Inszenierung. Die aufwendige Arbeit funktionierte perfekt und die Fiktion wurde bedrückend realistisch. Gabel unterschied die Figuren so prägnant, dass ein Blick ins Programmheft notwendig wurde, um sich davon zu überzeugen, ob es tatsächlich ein und derselbe Schauspieler. Die frappierende Ähnlichkeit zu Armin Meiwes war, wie der Regisseur beteuerte, zufällig.

Der Zuschauer erlebte einen Abend, der sehr nachdenklich machte. Wo steht diese Gesellschaft, dass der einzelne Mensch über alle moralische Maßstäbe hinweg so entartet? Es ist wohl in erster Linie das Fehlen eines humanistischen Wertesystems, das die Menschen untereinander verbindet. Gepriesen wird der Individualismus, der keiner Ethik mehr folgt. Ethik setzt idealistisches Denken voraus und Idealismus wird heute sogar schon in den Medien belächelt, weil er nicht den Vorgaben der pekuniären Welt folgt. Ein Idealist kann es nicht schaffen! Was schaffen?

Matthias Claudius war noch erfüllt von dem Idealismus, der Mensch möge Mensch werden. Büchner lässt seinen Woyzek zwei Dezennien später sagen: Der Mond ist wie ein blutig Eisen! Und heute…?


Wolf Banitzki

 

 


... und unseren kranken Nachbarn auch

von Sascha Schmidt

Die Geschichte eines Kannibalen

Michael Gabel

Regie: Michael Gabel, Sascha Schmidt
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